Lebensgefühl Bikini: die Geschwister Janice und Debbie Dickinson für ein «Vogue»-Shooting in Florida im Jahr 1977. Arthur Elgort / Condé Nast via Getty Images Er provoziert, verführt, verrutscht, jetzt soll er auch wieder deutliche «tan lines» hinterlassen. Der Bikini hat überproportional viel Strahlkraft.Der Strand macht alle gleich. Heisst es. Weil sich hier jeder entblösst, selbst Filmstars und Regierungschefs, Grossverdiener wie arme Schlucker. Plötzlich stehen sie mehr oder weniger nackt da, quasi mittellos, schutzlos. Aber natürlich stimmt das mit der Gleichheit nicht, es stimmte noch nie und in den letzten Jahren immer weniger. Die Reichen verziehen sich auf ihre Jachten, wer kann, auf gebettete Liegen in Beach-Clubs, in Italien fühlt man sich an den verbliebenen «spiagge libere» nicht frei, sondern nur noch prekär.Auch die Bademode, die wir dabei tragen, nivelliert weder körperliche noch gesellschaftliche Unterschiede. Ganz im Gegenteil sogar, und das gilt besonders für den Bikini. Kein Kleidungsstück offenbart mehr vom weiblichen Körper, vor allem zeigt er auch anschaulich, was der Zeitgeist mit diesem «Body» anstellt und welches Körpergefühl eine Frau mit sich herumträgt. Nirgendwo sonst besitzt so wenig Stoff gleichzeitig so viel Strahlkraft. Oder auch: Sprengkraft.Nieten und HolzperlenAuf der Verpackung des allerersten Zweiteilers, den der französische Ingenieur Louis Réard im Juli 1946 in Paris vorstellte, stand: «Der Bikini, die erste anatomische Bombe». Eine eigentlich geschmacklose Anspielung auf die Atomwaffentests, die die Amerikaner über dem namengebenden Atoll nur vier Tage zuvor durchgeführt hatten, aber rückblickend natürlich geniales Marketing. Denn das knappe Teil schlug ja wirklich enorme Wellen. Präsentation des ersten Badekostüms mit Zeitungs-Print 1946 nach einem Entwurf von Louis Réard. Keystone Der Designer in seiner Boutique an der Avenue de l’Opéra 1974 mit einem seiner Entwürfe. Und in der Tat: Die Atomwaffentests im Bikini-Atoll in den 1940er Jahren waren die Inspiration für den Namen Bikini. Getty Images Die einen waren empört, die anderen entzückt, in katholischen Ländern gab es Verbotsversuche. Alles zwecklos. Genau achtzig Jahre später ist der Bikini immer noch da und erfindet sich zwar nicht jede Saison komplett neu, aber es ist doch einigermassen erstaunlich, wie viele unterschiedliche Formen ein paar Quadratzentimeter Stoff annehmen können. Diese Saison liegen Nieten und Holzperlen im Trend, Unterteile mit extra hohem Beinausschnitt oder nur kleinen Kordeln zwischen Vor- und Rückseite, Oberteile mit asymmetrischen Trägern, auch die Metallic-Stoffe aus den achtziger Jahren sind zurück.Der Bikini als ArbeitskleidungDas allererste Modell hingegen war ein sogenannter Triangel-Bikini, bestehend aus vier kleinen Stoffrechtecken, zwei oben, zwei unten, allen Ernstes mit Zeitungs-Print bedruckt, weil das Teil ja sicher Schlagzeilen machen würde. Damit sollte der Erfinder Réard recht behalten. Seine etwas schlüpfrige Vorgabe, ein «echter» Bikini müsse knapp genug bemessen sein, dass er sich durch einen Ehering ziehen lasse, ignorierten die mutigen Trägerinnen hingegen bald geflissentlich.Mit Brian Hylands Hit «Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini» von 1960 erreichte der Zweiteiler grössere Bekanntheit. Endgültig legendär wurde er 1962, als Ursula Andress im Film «James Bond – 007 jagt Dr. No» nach dem Muscheltauchen aus dem Meer steigt. Sie trägt einen weissen Bikini, seitlich am Bikinigürtel steckt ein Messer, und sie stapft da so selbstverständlich und verführerisch aus dem Wasser, als sei der Bikini die normalste Arbeitskleidung der Welt. Spätestens 1962 wollte jede Frau einen Bikini: Ursula Andress im James-Bond-Film «Dr. No». Getty Images Da verlor nicht nur Sean Connery für einen Moment die Contenance, Millionen Kinobesuchern ging es ebenfalls so, und sie erklärten Andress auf ewig zum Sexsymbol. Rückblickend hatte ihr Bikini übrigens vergleichsweise viel Stoff. Und ihre Kurven würde man heute als Beispiel für Body-Positivity verbuchen, was mehr über die Probleme unserer Zeit als über die von damals verrät. Jedenfalls war der Bikini fortan gleichbedeutend mit Sex und Abenteuer.Gesetze der SchwerkraftDas ist heute teilweise immer noch so, wenn sich Kim Kardashian mit sehr kleinen Dreiecken auf den Brüsten und einem Stringtanga für die Bademode ihrer Marke Skims an einem Karibikstrand räkelt. Die Swimsuit-Ausgabe von «Sports Illustrated» verkaufte in den Neunzigern jedes Mal rund fünf Millionen Exemplare und machte Frauen wie Tyra Banks oder Heidi Klum zu Stars. Ohne Bikini wären diese Karrieren im Grunde undenkbar gewesen. Heute tragen Pop-Sängerinnen wie Addison Rae selbst auf der Bühne nicht viel mehr als einen Bikini aus Latex. Tyra Banks war nicht nur unzählige Male im Bikini in «Sports Illustrated» zu sehen, sie lief regelmässig über den Catwalk der Victoria’s-Secret-Shows, und selbst auf dem roten Teppich trug sie ihn gerne. Getty Images Selten lässt sich deutlicher ablesen, wie sehr oder wie wenig eine Frau mit ihrem Körper im Reinen ist. Während die einen ständig an ihren Höschen herumnesteln und das Oberteil zurechtzupfen, damit in der Badi bloss kein «Nippelgate» passiert, scheinen für andere vollkommen andere Gesetze der Schwerkraft zu gelten.Wer jemals einen Tag am Strand von Rio verbracht hat, beobachtet fasziniert, wie selbstverständlich Frauen jenseits der sogenannten Idealfigur die kleinsten Höschen in oder an ihren Hintern tragen. Sogar ohne dabei beim Laufen nennenswerte Korrekturen vorzunehmen. Bikinis sind in Brasilien eine Selbstverständlichkeit, auch beim Gassigehen mit den Hunden an der Promenade von Arpoador, der zu Rio de Janeiro gehörenden Halbinsel. Getty Images Der Bikini mag nicht in Brasilien erfunden worden sein, aber er wurde dort eindeutig am konsequentesten eingebürgert. Wahrscheinlich gibt es von der Brasilianerin Gisele Bündchen mehr Fotos im Zweiteiler als von jedem anderen Model.Ein altes Statussymbol, neu entdecktNach einem kurzen Comeback des Badeanzugs vor einigen Jahren hat der Bikini jüngst wieder aufgeholt, weil Social Media die «tan lines» neu entdeckt haben – das alte Statussymbol der achtziger Jahre, für das in den Ferien noch hemmungslos gebrutzelt wurde, damit man hinterher eindrucksvoll vorweisen konnte, dass man «weg» war, und zwar im Süden, bei ganz offensichtlichem Top-Wetter. Kate Moss kaufte 1995 im Bikini ein. Arthur Elgort/ CondéNast via Getty Images «Vogue»-Shooting, 1974: sommerlicher Dreiteiler mit Bikini und passendem Rock von Missoni. Arthur Elgort/ CondéNast via Getty Images Bikini von Pucci mit Körbchen, 1964. Bert Stern / CondéNast via Getty Images Dass es so etwas wie gesunde Bräune im Grunde nicht gibt, wie Dermatologen immer wieder betonen, weiss heute theoretisch jeder. Aber der Vorher-nachher-Fetisch in Sachen «tanning» ist einfach zu verlockend. Ein Streifen Sommer oben am Neckholder oder hinten am Rücken, das symbolisiert Freizeit, Freiheit, vielleicht sogar ein Stück Résistance gegen alles Vernünftige. Selbst Teenager machen mit beim Bräune-Messen und vergleichen ihre «Sonnen-Tattoos». Immerhin: All jenen, die sich immer über Oben-ohne-Sonnenbaden oder FKK aufregen, dürfte der Trend entgegenkommen. Ohne Bikini keine «tan lines». Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
80 Jahre Bikini: Kein Kleidungsstück offenbart mehr vom weiblichen Körper – und über ihn
Er provoziert, verführt, verrutscht, jetzt soll er auch wieder deutliche «tan lines» hinterlassen. Der Bikini hat überproportional viel Strahlkraft.










