Carlos Lehder war der Logistiker des Medellín-Kartells. Er hat Entführungen, Flugzeugabstürze und 33 Jahre Haft in den USA überlebt. Vor kurzem ist er nach Kolumbien zurückgekehrt – aus Deutschland. Ein Treffen.30.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenNach 33 Jahren in amerikanischer Haft und fünf Jahren in Deutschland kehrte Carlos Lehder vergangenes Jahr zurück nach Armenia, seine kolumbianische Geburtsstadt.Jair F. CollEs gibt Aufnahmen von Carlos Lehder, lange ist das her, da sieht er aus wie eine Mischung aus Jim Morrison, Che Guevara und einem südamerikanischen Drogen-Macho. Langes Haar, aufgepumpter Körper, grossmäuliges Gerede. Damals gehörte ihm eine Insel auf den Bahamas. Er hatte eine Flugzeugflotte und Schnellboote, um Kokain nach Florida zu schmuggeln. In Kolumbien fuhr er gepanzerte Mercedes-Limousinen, die Maschinenpistole immer in Griffweite. Ermittler schätzten Lehders Vermögen zeitweise auf einen dreistelligen Millionenbetrag.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein halbes Jahrhundert später sitzt Carlos Lehder in einem Frühstückscafé an einer Landstrasse in Armenia. Das ist eine Stadt in der Kaffeeregion der kolumbianischen Anden. Hier ist Lehder geboren und aufgewachsen. Vor einem Jahr ist er zurückgekehrt. Der 77-Jährige trägt ein nicht gebügeltes, blau gestreiftes Hemd und eine graue Anzughose. Ein Fahrer hat ihn in einer Limousine hergebracht und sich in die Nähe gesetzt. Lehder bestellt einen «tinto», einen Kaffee ohne Milch, rührt ihn während des Gesprächs die ganze nächste Stunde nicht an. Er sagt: «Ich habe kein eigenes Haus, ich wohne zur Miete. Ich lebe heute vom Verkauf meiner Bücher, Baseballkappen und T-Shirts.»Carlos Lehder kehrte 2025 nach 38 Jahren nach Kolumbien zurück.Migracion Colombia via ReutersEr warnt vor sich als Vorbild – vertreibt aber FanartikelVor zwei Jahren hat Lehder in Kolumbien seine Autobiografie («Leben und Tod des Medellín-Kartells») veröffentlicht, die inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist. «Ich schrieb dieses Buch, um der Jugend zu sagen: Macht nicht denselben Fehler wie ich», sagt er. «Früher oder später wird jeder im Drogengeschäft erwischt. So viel Geld man auch verdient, irgendwann nehmen sie es dir weg.»Die Warnungen wirken wenig überzeugend, wenn Lehder gleichzeitig Fanartikel von sich vertreibt. Zudem beschreibt er in seinem Buch ausführlich das glitzernde Leben als Drogenbaron in der Karibik: Luxus, Frauen und Partys. Es ist genau das Leben, von dem viele Jugendliche Lateinamerikas träumen. Die aus den Slums setzen ihr Leben für weit weniger aufs Spiel. Unter Personalmangel leiden die Drogenkartelle so nicht. Die Kokainproduktion ist in den vergangenen zehn Jahren geradezu explodiert.Dennoch ist an Lehder vieles faszinierend – vor allem, dass der Mann überlebt hat und heute in Kolumbien unbehelligt einen Kaffee in der Öffentlichkeit trinken kann. Fast alle seine Wegbegleiter sind tot. Ermordet von anderen Banditen oder von staatlichen Sicherheitskräften. Oder im Gefängnis nach Jahrzehnten gestorben. Lehder ist alldem entgangen. Und er ist erstaunlich fit für sein Alter.Er wirkt wie eine Figur aus einer anderen Zeit. Doch seine Geschichte ist hochaktuell. Denn Lehder gehört zu jenen Männern, die die globalisierte Drogenökonomie mit aufgebaut haben. Sie prägt Lateinamerika bis heute, sie wächst und wird immer einflussreicher.Pablo Escobar traf Lehder erstmals 1981. Ihm war sofort klar, dass er der geborene Führer des Kartells sein würde. Bild: Escobar mit seiner Ehefrau María Victoria Henao, der Mutter seiner zwei Kinder.Gamma-Rapho/GettyLehder hat den Kokainhandel industrialisiertWenige Menschen haben so effektiv dafür gesorgt wie Lehder, dass Kolumbien heute der mit Abstand grösste Kokainlieferant der Welt ist. Als ihm 1988 in den USA der Prozess gemacht wurde, sagte der Staatsanwalt, Lehder habe den Drogenhandel industrialisiert und auf ein neues Niveau gehoben. So wie Henry Ford den Automobilbau, hiess es in der Anklage. «Lehder ist ein Pionier.» Das war nicht positiv gemeint. Lehder wurde zu 135 Jahren Haft verurteilt.Er war tatsächlich ein Pionier beim Aufbau eines kriminellen Imperiums. Lehder begann ab Mitte der 1970er Jahre Kokain im grossen Stil in die USA zu exportieren. Da existierte die heutige Verarbeitungskette der Droge noch gar nicht. In Kolumbien wurden kaum Coca-Pflanzen angebaut. Das Kokain kam aus Bolivien. Kolumbianische Kriminelle erkannten das Marktpotenzial und begannen, es in die USA zu exportieren. Dort war das aufputschende und euphorisierende Pulver gerade in Mode gekommen.Lehder war zu dem Zeitpunkt ein erstes Mal gescheitert. Seine Eltern hatten ihn in die USA geschickt. Dort war er, noch minderjährig, auf die schiefe Bahn geraten. Er dealte mit gestohlenen Autos und schickte Marihuana-Pakete mit Drogenkurieren nach Nordamerika. Das ging schief. Mit 21 Jahren wurde er nach Kolumbien ausgewiesen. Da hatte er bereits zwei Jahre Haft hinter sich.Im Gefängnis hatte er seine Verbindungen in die nordamerikanische Unterwelt geknüpft. Er überzeugte kolumbianische Kriminelle, Kokain statt Marihuana zu exportieren. Direkt tonnenweise statt nur ein paar Kilo mit Drogenkurieren.Carlos Lehders zerstörte Strandvilla auf Norman’s Cay, Bahamas. Lehder musste die Insel 1981 verlassen.Wilfredo Lee / APEr ist stolz auf seine perfekte KokainlogistikEr kaufte Flugzeuge, die unter dem Radar der amerikanischen Behörden fliegen konnten. Er suchte Piloten, die Geld brauchten. Er lernte selbst fliegen. Später kaufte er eine Insel auf den Bahamas, die vor allem aus einer riesigen Landepiste bestand. Dort empfing er die Flüge mit den Kokainlieferungen aus der kolumbianischen Stadt Medellín. Als die amerikanischen Drogenbehörden den Luftraum in der Karibik besser kontrollierten, lud er das Kokain auf Schnellboote um, die es bis vor die Küste Floridas brachten. Dort übernahmen Schmuggler und Fischer aus Miami die Ware. «Meine Mission war es, Kokain in die USA zu bringen», sagt Lehder heute. «Das habe ich perfektioniert.»Lehder beschreibt das alles nüchtern. Aber auch heute, ein halbes Jahrhundert später, schwingt Stolz mit, wenn er erzählt, wie er die perfekte Logistikkette mit Millionen Dollar an Schmiergeldern aufgebaut hat. Die Bahamas waren 1973 von Grossbritannien unabhängig geworden. «Es gab dort ein legislatives, juristisches und polizeiliches Vakuum. Das habe ich genutzt.»Er bestach den Premierminister, um die Insel namens Norman’s Cay kaufen zu können (heute steht dort ein Luxusresort). Doch nach fünf Jahren war Lehders Zeit auf den Bahamas vorbei. Die USA hatten unter Präsident Nixon die DEA (Drug Enforcement Administration) gegründet. Die Drogenrouten von Kolumbien in die Karibik wurden immer genauer verfolgt. Washington setzte den Premierminister unter Druck, und dieser verwies Lehder des Landes und beschlagnahmte die Insel. «Er hielt aber sein Wort», sagt Lehder anerkennend. «Er hat mich vorgewarnt und mir einen Monat Vorsprung gegeben, um meine Zelte abzubrechen.»Carlos Lehder am Steuer eines seiner Flugzeuge, ein Jahr vor seiner Festnahme.Eric Vandeville / Gamma-Rapho / GettyEs wirkt, als würde sich Lehders Geschichte wiederholen1981 trat in Washington Ronald Reagan das Präsidentenamt an. Der Republikaner verschärfte den «War on Drugs». Die DEA ging nun aggressiver gegen die Kokain-Routen in der Karibik und in Südamerika vor. Bald galt das Medellín-Kartell als wichtigster Kokainlieferant für den amerikanischen Markt. Washington begann, das Drogensyndikat systematisch einzukreisen.Das ist vergleichbar damit, wie Donald Trump heute kriminelle Gruppen in Lateinamerika als «Narco-Terroristen» bezeichnet und sie mit aller Härte verfolgt. Mit diesem Argument schiessen amerikanische Militärs etwa verdächtige Drogenboote in der Karibik und im Pazifik ab. Oder sie beteiligen sich an militärischen Aktionen in Ecuador oder Mexiko.«Das Medellín-Kartell war eine Erfindung der DEA», sagt Lehder. «Wir selbst haben diesen Begriff nie benutzt.» Er beschreibt das Kartell als einen lockeren Zusammenschluss von 26 «Büros» aus Medellín, die alle Kokain produzierten und sich zusammentaten, um den Stoff in die USA zu exportieren. Die Logistik dafür organisierte Lehder.Als die Karibik als Drogenroute ausfiel, begannen er und das Kartell, neue Wege für das Kokain zu suchen: über Panama, Nicaragua und später vor allem Mexiko. Auch auf Kuba will Lehder mit dem Castro-Regime über eine Basis verhandelt haben. Dafür soll er Raúl Castro, den Bruder von Fidel Castro, persönlich getroffen haben. In Nicaragua war der Sandinistenführer Tomás Borge nach dem Sturz der Somoza-Diktatur sein Vertrauter. In Panama kam er in Kontakt mit dem Diktator Manuel Noriega. Dieser reservierte dem Kartell einen Teil des nationalen Flughafens als Landeplatz. Dieser Umstand sollte Lehder später das Leben retten.Norman’s Cay war nicht viel mehr als eine grosse Landepiste. Genau deswegen hat Lehder die Insel gekauft und alle Einwohner vertrieben.Eric Vandeville / Gamma-Rapho / GettyLehder ist misstrauisch im GesprächLehder bleibt misstrauisch im Gespräch. Er will sich zu den Personen oder zur gegenwärtigen Lage in Kolumbien nicht äussern. Er beendet abrupt das Interview, trinkt seinen inzwischen kalten Kaffee in einem Zug leer und bezahlt die Rechnung.Am nächsten Tag fragt er höflich nach, ob wir uns noch einmal treffen könnten, in einem bekannten Café in Armenia. Es ist Sonntag. Ein deutlich lockerer Lehder kommt zum Gespräch, diesmal ohne Fahrer. Sein Auto stellt er vor der Tür im Halteverbot ab. Er bestellt einen Kakao, mit Wasser angerührt, ohne Zucker.Er erzählt jetzt vor allem über das Kartell und Pablo Escobar. Den hatte er Ende 1981 kennengelernt. Escobar, nur drei Monate jünger als Lehder, hatte ein paar Dutzend Drogenbosse und Anwälte zusammengerufen. Der Grund: Die USA begannen, Druck auf Kolumbien auszuüben. Washington verlangte, dass die kolumbianischen Behörden die Drogenhändler festnehmen und an die amerikanische Justiz ausliefern. «Der politische Druck durch die USA hat uns erst zusammengeschweisst», sagt Lehder. Es sei allen direkt klar gewesen, dass Escobar der geborene Anführer gewesen sei. «Pablo war der Chef einer Bande aus dem gefährlichsten Slum Medellíns. Alles Diebe und Mörder. Dann hat er das Kokain entdeckt. Er hatte nie Respekt vor dem Leben anderer.»Lehder behauptet, nie an den politischen Attentaten des Kartells beteiligt gewesen zu sein. Etwa an dem Mord an Justizminister Rodrigo Lara Bonilla, den Escobar 1984 anordnete. Lara Bonillas Sohn, heute Senator, will trotz diesen Beteuerungen, dass Lehder in Kolumbien vor die Justiz gestellt wird.Lehder selbst erzählt in seinem Buch, dass er eine paramilitärische Gruppe gründete, um sich vor den Guerillas zu schützen. Diese entführten Mitglieder des Drogenkartells, um hohe Lösegeldsummen zu erpressen. Später behauptet Lehder, dass er zeitweise unter dem Schutz der Farc, der damals grössten Guerillaorganisation Kolumbiens, seine Transporte abgewickelt habe.Beim Landeversuch wird das Fahrwerk des Flugzeugs beschädigt. Lehder will nicht, dass es die Piste blockiert, und befiehlt dem Piloten, es im Meer zu versenken.Wilfredo Lee / APIm Monat 2500 Dollar für Gummibänder für DollarbündelDie Kokainexporte machten die Mitglieder des Medellín-Kartells unendlich reich. Einige der Mitglieder erschienen bald auf der «Forbes»-Liste der Milliardäre. Ein Buchhalter sagte später aus, dass sie jeden Monat für 2500 Dollar Gummibänder gekauft hätten, um die Geldstapel zusammenzuhalten.Das Ende von Lehders Geschichte mit dem Medellín-Kartell begann, als Pablo Escobar in einem Klima paranoiden Misstrauens ein Clan-Mitglied nach dem anderen umbringen liess. Carlos Lehder durfte am Leben bleiben – aber Escobar lieferte ihn als einen der meistgesuchten Drogenhändler der Justiz aus.DEA-Agenten waren bei seiner Verhaftung 1987 dabei. Damals verbot die Verfassung noch die Auslieferung in die USA. Lehder war der erste «extraditado», also ausgelieferte Drogenboss Lateinamerikas. «Am Morgen wurde ich verhaftet, und am selben Abend war ich schon in den USA», sagt er, bis heute darüber empört. «Sie haben mich behandelt wie einen Sack Kartoffeln, den man einfach ausser Landes schafft.» Dabei verdankt er der Auslieferung vermutlich sein Leben. In Medellín wäre er mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Mördern des Kartells oder den Militärs getötet worden. So wie Pablo Escobar sechs Jahre später.Ähnlich wie Lehder damals dürften sich die über sechzig Drogenbosse fühlen, die seit Trumps Amtsantritt aus Lateinamerika überstellt wurden. Die USA erleben derzeit die grösste Welle Auslieferungen prominenter lateinamerikanischer Kartellmitglieder seit Lehders Festnahme vor fast vierzig Jahren. Auch Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wurde wegen des Vorwurfs staatlichen Drogenhandels frühmorgens von amerikanischen Militärs in Caracas festgenommen und am Abend schon einem Haftrichter in New York vorgeführt.38 Jahre alt war Carlos Lehder, als er in den USA dem Haftrichter vorgeführt wurde.Bettmann/GettyLehder sagt als Kronzeuge gegen Panamas Diktator ausLehder verbrachte die ersten vier Jahre nach seiner Auslieferung in Isolationshaft. «Zwei mal drei Meter – wie in einem Schrank mit Toilette», sagt er. Dort sollte er nach seiner Verurteilung sein restliches Leben verbringen. Als er sich beschwerte, sagte der Direktor zu ihm: «Wir bauen gerade ein neues Gefängnis für dich – das liegt unter der Erde.» Psychologisch sei das wie ein Grab gewesen.Später gab es eine einmalige Chance für Lehder: Er sagte als Kronzeuge gegen den von den USA festgenommenen Diktator Manuel Noriega aus. Die USA hatten nur schwache Beweise gegen «Cara de Piña» («Ananasgesicht»), wie der General in Lateinamerika wegen seiner von Pockennarben gezeichneten Haut genannt wurde. Lehder konnte die Verwicklungen Noriegas mit dem Medellín-Kartell nachweisen, dafür wurde seine Haftstrafe auf 55 Jahre reduziert – im normalen Vollzug. Er überstand die Zeit, indem er sich immer wieder sagte: «Ich bin in diesem Gefängnis geboren, dies ist jetzt meine ganze Welt.»Wegen guter Führung wurde er nach 33 Jahren entlassen. Die USA wiesen ihn auf seinen Wunsch nach Deutschland aus. Lehder hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Sein Vater Klaus Wilhelm Lehder, ein Ingenieur, war Ende der 1920er Jahre nach Kolumbien ausgewandert. In Deutschland tauchte er mithilfe der Bundesregierung unter. Das Innenministerium will sich auf Nachfrage nicht zu Lehders Fall äussern. Er lebte fünf Jahre auf einem Reiterhof in der Nähe von Heidelberg. Offiziell heisst er nun nicht mehr Lehder: Mithilfe eines Richters konnte er seinen Namen ändern, «um zu verhindern, dass Journalisten mich aufstöbern».Ob er keine Feinde in Kolumbien fürchtet? «Nein, eigentlich habe ich keine Feinde», sagt er und fügt eiskalt hinzu: «Aber wenn ich das Gefühl hätte, dass mir jemand schaden will, dann weiss ich, wie ich vorsorgen muss.»Passend zum Artikel