Verschwitztes Spektakel: «Carmen» bei den Salzburger FestspielenTeodor Currentzis dirigiert im ausverkauften Grossen Festspielhaus eine düstere neue Sicht auf Bizets Dauerbrenner. Trotz einer Starbesetzung um Asmik Grigorian in der Titelrolle ist das Ganze eine verkopfte Angelegenheit.Michael Stallknecht, Salzburg30.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn Salzburg kann sie ihm vielleicht entkommen: Carmen (Asmik Grigorian) und der eifersüchtige Don José (Jonathan Tetelman) in der Neuproduktion bei den Sommerfestspielen 2026.Virginia RotaAls Friedrich Nietzsche dem Bayreuther Mythendunst entfloh, kam er nach Frankreich und Spanien, jedenfalls musikalisch. Zu «Carmen», der Opéra-comique von Georges Bizet, die davon erzählt, wie ein spanischer Soldat aus gekränktem Ehrgefühl eine der begehrenswertesten Frauen der Musikgeschichte tötet. «Diese Musik scheint mir vollkommen», so der Philosoph in «Der Fall Wagner». «Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In deutschsprachigen Ländern reist man bis heute gern auf diese Weise in den Süden, wo selbst das Tragische leichter erzählt wird. In der jüngsten Aufführungsstatistik des Deutschen Bühnenvereins findet sich «Carmen» wieder einmal auf Platz drei der meistgespielten Opern nach der «Zauberflöte» und «Hänsel und Gretel». Bei den Salzburger Festspielen dagegen war der Repertoire-Dauerbrenner noch nicht allzu oft zu erleben. Dafür in diesem Jahr an prominentester Stelle, als Eröffnungspremiere mit einer dem Anlass angemessenen All-Star-Besetzung.Die Titelrolle singt die Sopranistin Asmik Grigorian, den Don José der Amerikaner Jonathan Tetelman, der momentan angesagteste Latin Lover der Tenorszene. Und last, but not least steht Teodor Currentzis zum ersten Mal seit den Kontroversen um seine Haltung zum Ukraine-Krieg wieder am Pult einer hiesigen Opernpremiere. Er dirigiert Chor und Orchester seines Utopia-Ensembles, das er für Auftritte im Westen gegründet hat. Es ist derselbe Abend, an dem zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspielen «Rienzi» über die Bühne geht. Hier südliche Leichtigkeit und Biegsamkeit im barocken Salzburg, dort Wagners ausuferndes Jugendwerk in der fränkischen Provinz – Nietzsche hätte die Konstellation sicher gefallen.Figuren ohne GeschichteDoch so kommt es nicht. Das lässt schon das Bühnenbild erahnen: Der Ausstatter Christof Hetzer hat eine Architektur auf die Riesenbühne des Grossen Festspielhauses gewuchtet, in der sich ebenso gut (und möglicherweise besser) Wagners «Götterdämmerung» spielen liesse: eine endzeitliche Mulde, veränderbar später durch einzelne Elemente, aber fast immer grau in grau. Schwüles Gedünst aus Nebeln und Explosionen zieht auf, Soldaten in schwarzer Uniform, alle übrigen Proletariat in schmutziger Kleidung, die Protagonisten kaum herausgeleuchtet aus dem ewigen Halbdunkel. Von oben lastet drohend ein ebenso grauer Plafond. Er wird sich am Schluss senken und einen einzigen roten Lichtstreifen lassen, durch den Carmen vielleicht doch noch entkommt, von José nicht tödlich getroffen.Don José wird demaskiert: Szene aus der neuen Salzburger «Carmen» in der Regie von Gabriela Carrizo.Thomas AurinDas Stück freilich atmet da kaum noch. Vielmehr hechelt es, schwer verschwitzt, dem Ende entgegen. Currentzis kann ein grandioser Dirigent sein, wo es um Grenzerfahrungen und das bedingungslose Ausloten von Extremen geht. Leider tut er dies auch bei «Carmen», nimmt Schnelles schneller, vor allem aber Langsames langsamer, alles gleichermassen bedingungslos. Das Utopia Orchestra spielt zentrale Stellen im Stehen, mit trennscharfem Klang, in gemeisselten Phrasen; auch der Utopia Choir ist ein Muster an Präzision. Aber eben deshalb klingt alles auch maximal kontrolliert, die Rhythmen fest noch im dionysischen Taumel der Kneipenszene.So verliert die Musik ihre Biegsamkeit, ihre Höflichkeit erst recht, zumal gegenüber den Solisten, denen Currentzis das Leben mit den gedehnten Tempi schwermacht, ebenso mit den vielen Extra-Akzenten bei Bläsern und Schlagwerk. Mit knapp vier Stunden bleibt die Premiere obendrein nur knapp unter Wagner-Länge. Denn Currentzis hat einige Striche der Urfassung geöffnet, die Bizet für die Uraufführung im Jahr 1875 bei der Pariser Opéra-Comique eingereicht hatte.Der Bärenreiter-Verlag hat kürzlich eine Neuedition der Partitur herausgegeben, in der erstmals alle Fassungen der «Carmen» nebeneinander zu stehen kommen. Gespielt werden herkömmlich zwei: die originale mit französischen Dialogen und eine mit Rezitativen für Sänger nicht französischer Muttersprache, die heute häufig als stilistisch unpassend angesehen wird.Leider hat sich Salzburg für die dümmste aller Lösungen entschieden: sowohl Dialoge als auch Rezitative wegzulassen. Den Figuren raubt es ihre Geschichte, den Protagonisten ihr Gesicht. Die Lücken zwischen den Musiknummern füllen Wummer- oder Kreischgeräusche, meist aber «Peeping Tom», die belgische Tanztruppe von Gabriela Carrizo, die hier inszeniert und irgendwie ihre Markenzeichen ins Stück stopfen musste.Es bleiben eher freie bildnerische Assoziationen: Ein dicker Soldat kullert den Hügel hinab, ein Hirsch wird gejagt, eine nackte Frau ertrinkt in einem Wasserbecken, Don Josés Mutter bereichert das Duett mit Micaëla zum unfreiwillig komischen Trio. Spanisches ist auch dabei, zur Augenfreude des Publikums: Toreros, die Madonna und der Gekreuzigte der Karfreitagsprozessionen, schwermütiger Cante jondo, gesungen von einer Performerin zwischen den Akten. Personenregie liegt Carrizo dagegen so wenig wie den meisten vom Tanz kommenden Regisseuren.Sie will halt nichts mehr von ihm wissen: Asmik Grigorian (Carmen) und Jonathan Tetelman (Don José) kurz vor dem finalen Showdown.Thomas AurinKeine Sexbombe, kein StrahlemannSelbst Sängerstars haben unter solchen Bedingungen wenig Chancen. Dabei hat Asmik Grigorian schon einige Figuren zum Glühen gebracht, aber in anderen, deutlich höheren Registern. Carmen wird häufiger von Mezzosopranen als von Sopranen gesungen, denen die erotisierende Tiefe als Grundlage fehlt. Dabei scheint Grigorian kein neues Bild von Carmen anzustreben, sucht die Verführung aber in feinen Farben und raffinierten Phrasierungen. Dem Klischee der Sexbombe weicht das erfolgreich aus, bleibt aber auch im Ausweichmanöver hängen.Ähnlich paradox wirkt Jonathan Tetelman, der sich häufig einer französisch gefärbten Voix mixte bedient. In der «Blumenarie» bewältigt er damit den heiklen Aufstieg zum hohen B im bruchlosen Piano. Es beweist, wie technisch souverän dieser häufig bloss als Strahlemann gehandelte Tenor ist; aber gleichzeitig ist es nicht das, was man unbedingt von ihm hören will. Gut möglich, dass Currentzis auf die intimen Stimmfarben gedrängt hat, den Lautstärken im Graben zum Trotz. Davide Luciano rettet sich als Escamillo in sein üppiges Baritonmaterial, Kristina Mkhitaryan dagegen hat als Micaëla wenig Chancen und bleibt blass.Grosse Festspiele werden heutzutage von einem Dilemma begleitet. Das Publikum will immer auch bekannte Titel erleben, während die mediale Öffentlichkeit sich eher für unerwartete Deutungen und interessante Besetzungen interessiert. Gut möglich, dass «Carmen» deshalb in Salzburg nicht gut aufgehoben ist, ähnlich wie am selben Ort die «Zauberflöte». Publikumsrenner verlieren hier schnell ihre alltägliche Leichtigkeit und geraten ins Schwitzen. Bei «Carmen» sind immerhin alle Vorstellungen für den Sommer ausverkauft. Wer keine Karte hat, muss nicht traurig sein.Passend zum Artikel