Der Bundeskanzler stolpert – und die SPD ist auffällig still. Während CDU-Politiker ihren Parteichef in Sitzungen, Tweets und geleakten Briefen heftig attackieren, hält sich der Koalitionspartner mit Kritik zurück. Dafür gibt es Gründe.Manche sind so offensichtlich, dass Genossen sie auch öffentlich aussprechen. Jedenfalls diejenigen, die überhaupt bereit sind, sich zu dem Thema zu äußern. „Es macht keinen Sinn, den Kanzler zu beschimpfen“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner gegenüber der F.A.Z. Natürlich sehe man den verstolperten Kabinettsumbau mit Sorge. „Aber wir haben Interesse an einer professionell arbeitenden Koalition.“Soll heißen: Wer jetzt am Ast des Kanzlers sägt, stürzt im Zweifelsfall womöglich mit ihm ab. Auch aus den Ländern gibt es Stimmen, die Zurückhaltung anmahnen. „Die Neuaufstellung der CDU-Seite der Bundesregierung ist reine Sache der CDU“, betont der Brandenburger SPD-Generalsekretär Kurt Fischer. Diesen Prozess sollte die SPD in den Einzelheiten „nicht von der Seitenlinie kommentieren“.Froh, bislang unterm Radar zu bleibenFischer arbeitet ebenfalls in einer Koalition mit der CDU, allerdings unter SPD-Führung. Dort funktioniere die Zusammenarbeit „sehr gut“ und zwar „mit enger interner und abgestimmter öffentlicher Kommunikation“. Auch im Bund seien nicht nur Personalien, „sondern vor allem eine gemeinsame und professionelle Arbeitsweise“ wichtig, mahnt Fischer im Gespräch mit der F.A.Z. an.Andere Genossen werden deutlicher, wollen sich aber damit nicht zitieren lassen. Denn der SPD ist es ganz recht, dass sie gerade nicht im Fokus steht. Als Jens Spahn als CDU-Fraktionschef zurücktrat und Merz mit seiner Personalrochade begann, fürchteten manche Sozialdemokraten schon, dass bald der Fokus auf sie gerichtet werden könnte: Und was tut die SPD, damit die Regierungsarbeit besser läuft? Diese Frage kam bisher nicht auf – weil die CDU so raumgreifend streitet.Manche Merz-Pläne gefallen auch SozialdemokratenDabei ahnen sie in der SPD, dass sie um eine Antwort nicht herumkommen werden. Aber die Hoffnung ist, dass es bis zu den Landtagswahlen im Herbst dauert. Je nachdem, wie die ausgehen, könnten weitreichende Konsequenzen zu ziehen sein, etwa, wenn die Partei in Sachsen-Anhalt aus dem Landtag flöge. Dann gäbe es eine neue Dynamik, sagt ein SPD-Bundestagsabgeordneter. Ein anderer mutmaßt, dass es dann „kein Halten“ mehr gebe. Er meint den Rücktritt von mindestens einem der beiden Parteivorsitzenden.Ein weiterer Grund für das Schweigen der Sozialdemokraten ist, dass sie mit manchen Entscheidungen von Merz eigentlich ganz zufrieden sind. Vor allem mit der für den CDU-Politiker Thorsten Frei als Fraktionschef. Der sei für die SPD mutmaßlich wesentlich angenehmer als sein Vorgänger, sagt ein Sozialdemokrat, zwar auch hart in der Sache, aber umgänglich, geschickt und erfahren in der Kommunikation. Man könne die Hoffnung haben, dass davon alle profitieren, sowohl die Union, weil deren Fraktion stabiler werde, als auch die SPD, weil sie sich besser eingebunden fühlen könnte.Lage ist zu ernst für SchaukämpfeManche in der SPD sind aber auch schlicht ratlos. Die Heftigkeit, mit der Merz in den vergangenen Tagen aus den eigenen Reihen attackiert wurde, hat sie überrascht. Das hätten sie vom „Kanzlerwahlverein“ CDU nie erwartet. Erst recht, weil sie keine realistische Alternative sehen, die für die Koalition oder auch nur für die CDU in der aktuellen Situation besser wäre.Anders gesagt: Die Lage ist so ernst, dass die üblichen Sticheleien unter Koalitionspartnern fehl am Platze wirken würden. Also lieber stillhalten. Und hoffen, dass der Ast, auf dem die Koalitionspartner gemeinsam sitzen, noch eine Weile hält.