Was ist passiert?Die FIFA und ihr Chef Gianni Infantino haben weite Teile der Fußballwelt mit ihrem Plan zum Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren in Aufruhr versetzt. Der Weltverband plant die Gründung einer Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE), die alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln soll. Die UEFA übte scharfe Kritik und warnte vor einem Verkauf der „Seele“ des Fußballs. Laut Infantino geht es dagegen um „die Demokratisierung des Fußballs weltweit“.Wie sieht das Vorhaben konkret aus?Die FIFA will nach eigenen Angaben „das volle wirtschaftliche Potential der Übertragungsrechte und Sponsoringverträge über das gesamte Turnierportfolio im Männer-, Frauen- und Jugendfußball“ ausschöpfen. „Sorgfältig“ ausgewählte Investoren sollten „Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE“ erwerben, hieß es in einer Stellungnahme. Basierend auf einer Unternehmensbewertung von 20 Milliarden US-Dollar werde die FFE dieses Jahr bis zur 4,2 Milliarden US-Dollar aufbringen. Laut Berichten sollen bis zu 20 Prozent der Anteile verkauft werden.Was steckt hinter dem Deal?„Vorbehaltlich“ der Zustimmung durch eine Mehrheit der Mitgliedsverbände und des Councils, in dem auch DFB-Chef Bernd Neuendorf sitzt, soll laut FIFA die Investorengruppe von Thrive Capital angeführt werden, einer Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, Bruder von Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Infantinos Verbindungen zu Trump stehen schon seit der Vergabe des „Friedenspreises“ im Fokus, Kritiker weisen in Bezug auf die neuen Pläne auf einen möglichen Interessenkonflikt hin. Es ist der jüngste Schritt unter Infantinos Führung, um die FIFA mit noch mehr Geld zu einem kommerziellen Giganten zu entwickeln. Wann die Gremien abstimmen, blieb zunächst offen. Der nächste Kongress findet im März 2027 in Marokko statt.Buder von Donald Trumps Schwiegersohn: Joshua KushnerPicture AllianceWer profitiert von dem Deal?Zum einen ein Großteil der 211 Mitgliedsverbände. Weil sich die Ausschüttung an sie über das FIFA Fast Forward Programme (FFFP) mehr als verdoppeln könnte. Von derzeit acht Millionen US-Dollar pro Vierjahres-Zyklus stiege der Betrag laut des Weltverbands zunächst auf 20 Millionen und bis 2035 auf bis zu 24 Millionen US-Dollar. Dazu käme optional eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar. Eine große Menge Geld für manch kleinen Verband. Zum anderen profitiert Infantino. Das Geld dient dem FIFA-Chef als Machtinstrument. Er dürfte nächstes Jahr ohne Gegenkandidaten bis 2031 im Amt bestätigt werden. Laut Times hegt er dazu Ambitionen, den Vorsitz des neuen Unternehmens zu übernehmen. Mit einem lukrativen Gehalt?Wie fallen die Reaktionen aus?Die Europäer sehen eine Grenze überschritten. „Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf – insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert“, hieß es in einem UEFA-Statement: „Es ist nicht an der FIFA, ihn zu verkaufen.“Der Kontinentalverband CONCACAF rückte insbesondere den aus ihrer Sicht intransparenten Prozess in den Fokus: „Wir sind zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens“, teilte der Verband für Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik gegenüber dem englischen Guardian mit. „Als Führungskräfte im Fußball sind wir die Hüter des Sports“, hieß es zudem in der Erklärung, „gemeinsam tragen die FIFA, die Konföderationen und jeder Mitgliedsverband die Verantwortung, stets im besten Interesse des Sports zu handeln.“Der Vizepräsident des UEFA-Exekutivkomitees, Hans-Joachim Watzke, kritisiert die Pläne der FIFA scharf.AFPDFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke hat die Pläne des Fußball-Weltverbandes derweil schon scharf kritisiert. „Viele im europäischen Fußball sehen die Pläne der FIFA als absoluten Angriff auf den Fußball an. Diese Haltung teile ich“, sagte Watzke, der auch Vizepräsident des UEFA-Exekutivkomitees ist, im Gespräch mit dem kicker: „Hier wird eine Grenze überschritten.“ Der 67-Jährige führte zudem weiter aus: „Bei der WM standen sechs europäische Teams im Viertelfinale und drei im Halbfinale. Wenn sich der europäische Fußball geschlossen gegen die Pläne wehrt, hat das sehr viel Gewicht.“ Auch in den internationalen Medien rief der FIFA-Plan heftige Reaktionen hervor.Welche Gefahren bestehen?Die FIFA betont, dass sie die „alleinige Kontrolle“ über die FFE sowie die Entscheidungsgewalt „über die Führung des Fußballs, Wettbewerbe, den internationalen Spielkalender sowie alle regulatorischen und sportlichen Entscheidungen“ behalte. Kritiker befürchten jedoch, dass sich die FIFA durch den Einbezug privater Investoren erheblichem externen Druck aussetzt. Etwa mit Blick auf eine weitere Vergrößerung der WM und der Klub-WM oder eine häufigere Austragung der Turniere als alle vier Jahre.Der Guardian analysierte: „Dies nährt die Befürchtung, dass sie eine häufigere Austragung der WM anstreben und diese nur noch in den lukrativsten Märkten, wie beispielsweise den USA, zulassen würden.“ Mit Blick auf die WM 2030 in sechs Ländern diskutiert die FIFA derzeit schon eine weitere Aufstockung von 48 auf 64 Teams.Ist das Investoren-Vorhaben neu?Nicht unbedingt. Es ist bereits Infantinos zweiter Versuch. 2018 erzielte er eine grundsätzliche Einigung über 25 Milliarden US-Dollar für eine erweiterte Klub-WM, als mögliche Geldgeber galten damals die japanische SoftBank sowie der Staatsfonds Saudi-Arabiens. Auch aufgrund des Widerstands aus Europa fand Infantino nicht genügend Unterstützung.Was bedeutet der neue Vorstoß für das Verhältnis zwischen FIFA und UEFA?Schon durch den „Fall Balogun“ hat sich der Ton der Europäer nochmals verschärft. Nachdem die Sperre des US-Stürmers bei der WM infolge eines Trump-Anrufs bei Infantino ausgesetzt worden war, sprach die UEFA von der Überschreitung einer „roten Linie“. Diesen Worten folgten bislang keine Taten. Einen Gegenkandidaten zu Infantino, der sich dank der WM in den USA, Mexiko und Kanada über Rekordeinnahmen in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar freuen darf, haben die Europäer nicht aufgebaut.