Herr Looman, Sie beschäftigen sich Ihr ganzes Berufsleben mit Geld. Macht es denn nun glücklich oder nicht? Nein, macht es nicht. Ich habe in den letzten 40 Jahren rund 2000 Menschen beraten. In jüngster Zeit kamen fast nur noch Millionäre zu mir, mit einem Vermögen zwischen einer und 100 Millionen Euro. Je reicher die Leute waren, desto unglücklicher waren sie. Gestern saß hier ein älterer Mann mit 20 Millionen Euro auf dem Konto. Vor kurzem bekam er die Diagnose, an Krebs erkrankt zu sein, und fragt sich jetzt, wofür er die letzten 40 Jahre eigentlich so geschuftet hat. Er sagte, er sei froh, dass das Geld da ist – aber glücklich ist er nicht. Naja, er hat Krebs. Da wäre niemand glücklich, oder? Klar, aber ich sehe das jeden Tag. Je mehr Geld da ist, desto größer ist die Angst, alles wieder zu verlieren. Die Leute haben Angst vor einer Vermögenssteuer, vor Enteignung. Und wenn der Aktienmarkt wirklich mal einbricht, wie zu Corona oder beim Ukraine-Krieg, sehen die Leute nicht die acht Millionen, die noch da sind, sondern die zwei Millionen, die weg sind. Sie leben in ständiger Alarmbereitschaft, können das Leben kaum genießen.Man schreibt den Deutschen eh eine gewisse Skepsis im Umgang mit Aktien zu. Stimmt also immer noch?Ja. Einfach aus Angst, das Geld zu verlieren. Wenn jemand 100.000 Euro geerbt hat, würde ich der Person raten, es in Aktien anzulegen, sofern keine Kredite vorhanden sind, am besten in zwei ETFs, einen auf den amerikanischen S&P 500, einen auf den Euro Stoxx. Mit diesen zwei Indexfonds hat man rund 1.200 Aktien im Portfolio.Klingt doch ganz vernünftig.Es kommt aber sofort die Gegenreaktion: Die können doch alle den Bach heruntergehen! Mal ernsthaft, wenn der amerikanische und der deutsche Aktienmarkt zusammenbrechen – kein Apple, kein Microsoft, kein Nvidia, kein BMW, kein SAP mehr –, dann haben wir doch ein ganz anderes Problem auf dieser Welt. Die möglichen Verluste an den Börsen werden aber stärker wahrgenommen als die Chancen. Das hat sich kaum verändert.Bei jungen Leuten aber doch schon.Ja, aber auch die machen Fehler. Wer mit Anfang 30 einen ETF bespart, sollte sich fragen, wofür. Wenn das Geld in fünf Jahren gebraucht wird, zum Beispiel, weil man ein Haus kaufen will oder sich selbstständig machen möchte, rate ich von Aktien ab – dann lieber Festgeld mit drei Prozent. Anders sieht das aus, wenn man weiß, dass man das Geld in den nächsten zehn Jahren auf keinen Fall braucht.Welche Fehler machen die Leute noch?Junge Leute, also die zwischen 20- und 30-Jährigen, lassen sich mit ihrer Ausbildung zu viel Zeit: ein Praktikum hier, ein Praktikum da. Bis die anfangen zu arbeiten, sind sie oft schon 30. Da haben sie bereits vier oder fünf Jahre verloren, in denen sie hätten Geld verdienen und einen Grundstock legen können. Bei Frauen kommt noch was anderes dazu.Oha. Was denn?Viele machen den Fehler, nicht um ihr Geld zu kämpfen. Sie sind harmoniebedürftig, im Beruf wie in der Familie, und verkaufen sich schlecht. Wenn das faire Startgehalt einer Juristin oder Betriebswirtin 60.000 Euro ist, geben sich viele mit 40.000 zufrieden. Und wenn sie zwei, drei Jahre gute Arbeit geleistet haben, fordern die wenigsten eine Gehaltserhöhung ein. Sie gehen dem Konflikt aus dem Weg. Das kostet über das Berufsleben hinweg aber enorm viel Geld.Kommen viele Frauen zu Ihnen, um sich beraten zu lassen? Zu 90 Prozent sind es Paare. Und es ist erschreckend oft das erste Mal, dass die Frau überhaupt mitbekommt, wie es um ihr Vermögen steht. Ich habe 60-Jährige erlebt, die mir sagten: Das wusste ich wirklich nicht. Von den zwei Millionen gehören 70 Prozent mir? Geld ist ein Tabuthema, selbst unter Paaren. Deshalb bestehe ich auch darauf, dass die Frau immer mitkommt.Was raten Sie diesen Frauen? Männer sind keine verlässliche Altersversorgung. Rund 40 Prozent der Beziehungen gehen in die Brüche, und Frauen sind oft die Leidtragenden. Sie selbst bekommen keinen Unterhalt, nur die Kinder. Und wenn sie selbst zwar gut ausgebildet sind, aber nach der Geburt zehn Jahre oder länger nicht gearbeitet haben, haben sie ein Problem. Wie löst man das?Wenn eine Frau beschließt, zu Hause zu bleiben, sollte der Mann mindestens die Rentenversicherungsbeiträge für sie übernehmen. Das einzufordern machen aber nur ganz wenige. Das ist ein strukturelles Problem, das sich aber bei jüngeren Generationen langsam ändert.Viele Paare stecken ihr ganzes Geld ins Eigenheim. Ist das eigentlich eine gute Idee?Maßlos überschätzt. Die meisten Leute leben in Häusern, die sie sich nicht leisten können. Rund um Berlin kostet ein Haus mindestens 700.000 bis 800.000 Euro. Mit 100.000 Euro Eigenkapital deckt man gerade mal die Nebenkosten ab, man muss sich also mit 700.000 Euro verschulden. Das geht aber nicht mehr auf, weil viele Leute heute erst mit 40 Jahren ein Haus kaufen. Sie müssen den Kredit also weit in den Ruhestand hinein abbezahlen. Das ist Mist. Der Glaube, das Eigenheim sei eine tolle Geldanlage – das stimmt in vielen Fällen nicht.Wie sorgt man denn besser fürs Alter vor?Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle. Man muss früh anfangen. Ein Beispiel: Letzte Woche saß hier ein Mann, Mitte 50, der mir sagte, er müsse jetzt endlich etwas für die Altersversorgung tun. Er verdient im Jahr etwa 200.000 Euro brutto, also nach Steuern rund 100.000 Euro. Was hat er damit gemacht? Er hat sein Geld verjubelt. Jetzt hat er vielleicht noch zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, in denen er sich um seine Altersversorgung kümmern kann.Niemand hat einen Anspruch auf absolute Sicherheit.Volker LoomanWas muss der Mann zurücklegen, um seinen Lebensstandard einigermaßen halten zu können?Wenn er bis 65 arbeitet, 85 wird und eine monatliche Rente von 3.000 Euro haben möchte, braucht er rund 600.000 Euro Kapital. Bei einer Rendite von drei Prozent nach Steuern und 120 Monaten bis zur Rente muss er gut 4000 Euro im Monat sparen. Das ist viel, aber bei einem Nettoeinkommen von rund 8000 Euro, ohne Kinder und als Alleinstehender, grundsätzlich machbar. Aber es tut weh.Weil er jetzt nicht mehr dreimal im Jahr in den Urlaub fahren kann?Der Konsum spielt eine wahnsinnig wichtige Rolle. Die Bereitschaft, jeden Monat zehn Prozent des Nettoeinkommens beiseitezulegen, fehlt bei vielen.Sie beraten vor allen Leuten, die gut verdienen, aber bei denen die Rente naht. Wovor haben die Angst? Im Alter zu verarmen. Werde ich zum Pflegefall? Reicht das Geld? Und was ist mit den Kindern? Die sollen ja auch noch etwas bekommen. Diese Ängste sind weitverbreitet. Und klar, auf einiges kann man sich vorbereiten. Aber niemand hat einen Anspruch auf absolute Sicherheit. Meine erste Frau ist mit 47 nach einem Herzstillstand verstorben. Wer meint, alles im Griff zu haben, dem sage ich, nichts im Griff zu haben. Das finden viele nicht lustig. Aber es ist die Wahrheit.Wer kommt noch zu Ihnen?Anwälte, Steuerberater, Ärzte, Zahnärzte, Notare, kleinere Unternehmer, ganz selten mal Angestellte. Die Bereitschaft, für eine Finanzberatung zu zahlen, ist bei denen kaum vorhanden. Der Freiberufler schreibt selbst Rechnungen, der weiß, dass jede Leistung etwas kostet.Lehnen Sie auch Leute ab?Ich berate kaum Beamte.Warum?Ich verstehe mich mit ihnen einfach nicht, wir funken nicht auf der derselben Wellenlänge.Hören Ihre Kunden und Kundinnen eigentlich auf Sie? Nö. Maximal ein Drittel setzt meine Empfehlungen auch um. Die haben keinen richtigen Leidensdruck. Ob man zwei Millionen oder anderthalb Millionen auf dem Konto hat – letztlich egal.Welches Vorurteil über vermögende Menschen stimmt?Dass sie geizig und spießig sind. Je mehr Geld da ist, desto weniger geben die ab. Ich war mal Mitglied in einem Club, und wenn da zu Spenden aufgerufen wurde, gaben die Leute zwischen 20 bis 50 Euro. Ich war auch bei der Eiswette in Bremen zu Gast, einem großen Bankett für die Seenotretter, 1000 Gäste, alles Menschen mit Geld – und das durchschnittliche Spendenaufkommen lag bei 500 bis 600 Euro pro Person. Das ist doch unter aller Kanone.Welches Vorurteil stimmt nicht?Dass den Reichen das Geld zugeflogen ist. Die meisten haben sich ihren Wohlstand hart erarbeitet, als Freiberufler, als Unternehmer. Dahinter steckt echter Schweiß. Das wird von vielen infrage gestellt: Die haben doch geerbt oder hatten einfach Glück. Nein, die haben geackert.Gibt es etwas, das alle vermögenden Menschen richtig machen?Dass sie ihr Geld zusammenhalten.Ich will mein Geld zusammenpacken und einfach gehen können.Volker LoomanIhre Familie war auch mal ziemlich reich, Ihren Großeltern gehörte die Uhrenmanufaktur A. Lange und Söhne, nach dem Krieg wurden sie jedoch enteignet. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt? Meine Mutter hat ein Leben lang darunter gelitten. Ich habe schon als Kind gehört: Halt das Geld zusammen. Geh kein Risiko ein. Mir ist nie wirklich Mut gemacht worden. Freiheit ist mir deshalb das Wichtigste. Ich will mein Geld zusammenpacken und einfach gehen können. Ich habe Anleihen, Aktien und Gold, keine Immobilien. Ich wohne zur Miete und bin glücklich damit.Sind Sie eigentlich reich?Ja. Ich bin gesund. Ich bin in Freiheit aufgewachsen. Ich habe eine tolle Frau und tüchtige Kinder. Ich fotografiere leidenschaftlich gerne und fahre mit dem Rennrad durch die Gegend. Und finanziell?Bin ich ebenfalls gut aufgestellt.Für welchen Finanztipp hätten Sie Geld gezahlt?Legen Sie Ihr Geld nie in Einzelaktien an, sondern immer in Indexfonds. Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Geld?Nein. Meine Tochter sagt, meine Artikel könne man nicht lesen. Da stehe immer der gleiche Sermon drin: Arbeiten und sparen. Das geht ihr auf den Zeiger. Sie würde mich nie um Rat fragen. Ob sie ihr Geld gut anlegt oder verjubelt – ich weiß es nicht. Und das kann ich ertragen. Meine vier Kinder sind alle erwachsen. Ich habe ihnen eine gute Ausbildung finanziert und ihnen von Anfang an gesagt: Stellt euch darauf ein, dass ihr nichts erben werdet. Ihr müsst euer Leben selbst meistern.
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Seit Jahrzehnten erklärt der Finanzanalytiker den Deutschen, was sie am besten mit ihrem Geld tun sollen. Für welchen Tipp hätte er selbst bezahlt?








