«H Is for Hawk»: Was ein Habicht über Trauer lehren kannAls ihr Vater starb, zog Helen Macdonald einen Greifvogel auf. Aus dieser ungewöhnlichen Erfahrung entstand der Bestseller «H Is for Hawk», der nun verfilmt wurde. Porträt einer Autorin, die in der Wildheit einen Weg fand, mit ihrem Verlust zu leben.Pamela Jahn29.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenClaire Foy als Helen vermittelt eindrücklich die Verbissenheit und Leidenschaft bei der Zähmung des Habichts.Roadside AttractionsHelen Macdonald lacht laut während des Zoom-Gesprächs. Die Wissenschaftshistorikerin, sonst eher zurückhaltend, ist von ihrer spontanen Reaktion selbst überrascht. Bisher habe sie sich noch nie gefragt, weshalb ausgerechnet die Briten vom «birdwatching» so fasziniert seien – neben dem «trainspotting» eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Nation: «Vielleicht ist es das erstickende englische Klassensystem, das uns von Transzendenz träumen lässt.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber im Ernst: Ein Punkt, der oftmals ignoriert wird, sei ihr wichtig. «Es kommt darauf an, wie man den Vogel sieht», sagt Macdonald jetzt wieder mit konzentriertem Blick in die Kamera. «Als ein niedliches, kleines Ding, das hübsch singt und durch die Lüfte flattert, oder als etwas Befremdliches, ein erhabenes Wesen, das am Himmel wachsam seine Runden kreist.» Letzteres Bild vermittelt der Film «H Is for Hawk», basierend auf Macdonalds gleichnamigem autobiografischem Bestseller.Darin erzählt die 1970 im englischen Surrey geborene Autorin, wie der überraschende Verlust des Vaters nach einem Herzinfarkt sie in eine tiefe emotionale Krise stürzt. Offen schreibt Macdonald über ihr Abgleiten in die Depression, versetzt mit eindringlichen Naturbeschreibungen und faszinierenden Details über die Greifvogelzucht. Nicht ohne Grund: Um ihrer Trauer Herr zu werden, adoptiert sie einen Habicht – einen «hochentwickelten Psychopathen», wie es im Film heisst.«Mabel hat mich wild gemacht»Von der Gefahr, die von den kräftigen Greifvögeln ausgehen kann, hat Macdonald sich nie abschrecken lassen. Schon als Kind bewunderte sie die Tiere für ihre Kraft und Überlegenheit. «Ich habe früh begonnen, mich mit ihnen gleichzusetzen», sagt sie und deutet auf eine Narbe am Unterarm. «Wenn man einen Fehler macht, lassen die Tiere einen das unmissverständlich spüren. Begegnet man ihnen auf Augenhöhe, tun sie einem nichts.»Die Autorin Helen Macdonald an der Filmpremiere in London.Jeff Spicer / GettyDas richtige Feingefühl im Umgang mit Falken und Habichten eignete sich Macdonald in ihrer Jugend an. Von klein auf verschlang sie Bücher über Wildtiere und durchstreifte gemeinsam mit ihrem Vater, dem Fotojournalisten Alisdair Macdonald, die englische Provinz. Er war es auch, der sie in die Kunst der Vogelbeobachtung einführte, bis Macdonald mehr wollte, als «ein paar Amseln oder Graugänse durch ein Fernglas zu erspähen». Ihre Passion wurde die Falknerei.In ihren Büchern vereint Macdonald ihre Leidenschaft für Poesie und Prosa mit ihrer Liebe zur Natur. Man spürt die Seelenverwandtschaft mit anderen Naturschriftstellern wie T. H. White, der bereits zu Beginn der 1950er Jahre seine schmerzhaften, einsamen Bemühungen dokumentierte, einen Habicht zu zähmen. Im Film gelingt es der britischen Regisseurin Philippa Lowthorpe jedoch nur bedingt, die Selbstkritik und innere Zerrissenheit der Falknerin angesichts ihres fragwürdigen Vorhabens auf die Leinwand zu übertragen.Wenn Macdonald über das besondere Verhältnis zu «ihrem» Habicht spricht, wird einiges klarer. «Mabel hat mich wild gemacht», sagt sie. Das Tier wurde zu ihrer Identifikationsfigur. «Sie war alles, was ich sein wollte: ein selbstbeherrschtes Wesen, das keine menschlichen Gefühle besass, frei von Trauer war und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens – dazu mörderisch veranlagt, was meiner Wut entsprach.»Auch Claire Foy, die im Film die Hauptfigur spielt, versteht es, Macdonalds Verbissenheit bei der Zähmung von Mabel eindrücklich zu vermitteln. In ihren Blicken und Gesten spiegelt sich dieselbe tiefe Bewunderung für das scheue, starke Tier. Ihre Helen weiss längst, dass letztlich nichts und niemand den Schmerz zu kompensieren vermag, den sie empfindet. Und doch geht sie das Wagnis ein.Was der Mensch als Zucht interpretiere, erklärt Macdonald, sei aus Sicht des Vogels lediglich erfolgreiches Jagdverhalten. «Die Futterbilanz muss stimmen, damit die Beziehung funktioniert.» Das Training eines Greifvogels basiere zudem nicht auf Bestrafung, sondern auf Belohnung.Wie dieses Vertrauen entsteht, zeigt der Film besonders eindrücklich in der Anfangsphase, als sich Mensch und Tier langsam annähern. Helen wartet darauf, dass Mabel das rohe Stück Fleisch aus ihrer Hand pickt. Doch für den Habicht stellt sie noch eine zu grosse Bedrohung dar: «Der Vogel hält sie für ein Monster. Es braucht Zeit, Geduld und Ausdauer, bis sich tatsächlich eine Beziehung aufbauen kann.»So nachvollziehbar die Praktik sein mag, hinterlässt «H Is for Hawk» dennoch einen herben Nachgeschmack. Im Drehbuch der irischen Autorin Emma Donoghue rückt der gesellschaftliche Konflikt zwischen Tradition und Tierquälerei, Naturschutz und Zucht zugunsten des Dramas in den Hintergrund. Eine emotional aufgeladene Szene, in der die Falknerin bei einer Universitätsveranstaltung von Tierschützern in die Defensive gedrängt wird, wirkt im Kontrast zum Gros der Handlung erzwungen und gestellt.Verantwortung übernehmen oder eingreifen?Im wahren Leben erwidert Macdonald den Kritikern der Falknerei, welch hohen Wert es für sie habe, Verantwortung für die Vögel zu übernehmen. Das Wohl der Tiere sei stets das höchste Gebot, betont sie. «Ich habe die Falknerei immer als eine Art Freundschaft zwischen den Arten angesehen, die uns Menschen das Privileg gewährt, das völlig natürliche Leben eines Greifvogels mitzuerleben.» Diese Sichtweise steht konträr zu der Annahme, man dürfe nicht in die Natur eingreifen, sie nur aus der Ferne beobachten.In «H Is for Hawk» geht es nicht darum, wer recht hat. Macdonalds Geschichte beschreibt einen Sonderfall. Warum es für sie ausgerechnet ein Habicht sein musste, erweist sich als logische Konsequenz mehrerer Faktoren, zu denen auch eine starke Tierhaarallergie gehört. «Fell und Hautschuppen machen mich krank. Federn nicht.» Dann gesteht sie, dass es da noch etwas gab: einen Zwillingsbruder, der kurz nach der Geburt starb. Sie selbst erfuhr davon erst mit achtzehn. Mabel half ihr damit indirekt, zwei Verluste zu verarbeiten.Ganz schön viel für einen Habicht, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Beutetiere zu jagen. Zu viel, sagt Macdonald. «Mein Fehler war, mich in Mabel zu verlieren und zu vergessen, wie man ein Mensch ist.» Heute lebt sie mit einem Papagei im idyllischen Suffolk an der englischen Ostküste und weiss auf andere Weise mit ihren Gefühlen umzugehen. «Man lernt die Trauer in sich zu tragen. Im besten Fall wird sie zu Liebe, aber sie bleibt immer ein Teil von dir.»H Is for Hawk: im Kino.Passend zum Artikel