Claire Foy: «Wir können den Lauf der Dinge nicht wegmodernisieren»Sie wurde berühmt als Queen Elizabeth II. in «The Crown», jetzt spielt Claire Foy im Drama «H Is for Hawk» eine Frau, deren Leben nach dem Tod ihres Vaters auseinanderfällt. Ein Gespräch über Trauer.26.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHelen (Claire Foy) legt sich einen Habicht zu, um die Trauer um ihren Vater zu bewältigen. Er war nicht nur ihr Vater, er war auch ein bester Freund.PDSchon in der Netflix-Serie «The Crown» spazierte Claire Foy in Barbour-Jacke und schwerem Schuhwerk durch die Natur. Sie spielte Queen Elizabeth II., es war ihr Durchbruch. Wenn man sie jetzt im soeben angelaufenen Drama «H Is for Hawk» in ähnlicher Ausrüstung über die Felder stapfen sieht, ist das ein so vertrauter Anblick, dass man einen Moment braucht, um die Queen beiseitezuschieben und Platz zu machen für Helen Macdonald, die Foy nun spielt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«H Is for Hawk» ist die Verfilmung der gleichnamigen Memoiren von Macdonald, die zum Bestseller wurden. Sie erzählt darin, wie ihr Leben nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters in sich zusammenfällt. Helen zieht sich von Familie und Freundinnen zurück und verliert das Interesse an ihrer vielversprechenden akademischen Karriere. Stattdessen legt sie sich einen Raubvogel zu. Die Falknerei war das gemeinsame Hobby von ihr und ihrem Vater.NZZ am Sonntag: Wieso legt Helen sich zur Bewältigung ihrer Trauer ausgerechnet einen Habicht zu? Warum keinen Hund oder eine Katze?Claire Foy: Helen will kein Kuscheltier, sondern einen Räuber, einen Jäger, einfach ein Tier, das nichts gemeinsam hat mit diesen verletzlichen Menschen, wie sie einer ist. Sie möchte selbst sein wie ein Habicht: unempfindlich gegen emotionalen Schmerz und in der Lage, über allem zu schweben. Der Habicht steht für etwas, das sie selbst erreichen will, aber nicht erreichen kann, weil sie trauert.Und weil sie glaubt, sie müsse die Trauer alleine bewältigen?Der Schmerz und das Leiden über den Verlust eines geliebten Menschen sind für alle etwas Einzigartiges. Aber wäre es nicht besser, wenn man damit trotzdem nicht alleine sein müsste? Von dieser Frage handelt der Film.Wieso sind wir so ungeschickt und verstummen hilflos, wenn es um Tod und Verlust geht?Ich bin keine Soziologin oder Anthropologin. Aber was ich aus meiner eigenen spärlichen Erfahrung weiss, ist, dass wir den Tod nicht mehr als Teil des Lebens begreifen. Dass wir das Altern und Sterben als ein Verwelken und Erlöschen sehen und nicht als Anfang von etwas Neuem.Etwas Neues wie ein Leben in einem Paradies?Nein, ich glaube nicht daran, dass wir nach dem Tod an einen besseren Ort kommen. Was ich meine, ist, dass wir nicht wissen, dass wir geboren werden. Das Sterben aber erleben wir sehr wohl bewusst. Das ist doch ein Geschenk, auch wenn damit viel Leiden verbunden ist. Andere Kulturen pflegen nicht die Verdrängung, wie wir es tun, sie kennen diese Ängste nicht. Ich persönlich halte es für ein gutes Ziel im Leben, sich so weit zu bringen, den Tod möglichst zu akzeptieren.Was wohl die Anhänger des Longevity-Kults zu «H Is for Hawk» sagen? So ein Film muss ja traumatisch sein für jemanden, der ewig leben will.Absolut. Und was soll das mit diesen KI-Entwicklungen, die es uns erlauben, mit Verstorbenen zu reden? Die Technik lässt uns nur immer noch weiter wegdriften von dem, was das menschliche Erleben ausmacht. Und nicht nur vom menschlichen Erleben, sondern von der Natur überhaupt. Was lebt, wird sterben, wie die Sonne auf- und wieder untergeht. So ist es nun einmal. Wir können den Lauf der Dinge nicht wegmodernisieren.Können Filme wirklich dabei helfen, Trauer zu verarbeiten?Das Publikum findet: schon. Mein vorheriger Film, «All of Us Strangers», handelt ebenfalls von Trauer. Was die Hauptfigur darin mit ihren toten Eltern erlebt, ist, wie wenn man von jemandem träumt, der gestorben ist. Das ist ein Geschenk, weil die Person im Traum anwesend ist, man sieht sie wieder und fühlt sich ihr nahe. Diese Geschichte hat den Leuten sehr viel bedeutet, so haben sie mir erzählt. Und dasselbe geschieht jetzt wieder mit «H Is for Hawk».«All of Us Strangers» mit Adam Scott und Paul Mescal.PDWas erzählen sie denn?Dass alles einfacher wird, wenn man es mit jemandem teilen kann. Dass es viel gesünder ist, wenn Trauer von anderen wahrgenommen und als Leid anerkannt wird, als wenn man sie verbirgt, sich ihr nicht stellt und ihr nicht auf den Grund geht. Sie meinten, dieser Film helfe ihnen, Gefühle zuzulassen. Alle trauern auf ihre eigene Art, aber wir sprechen nicht darüber. Wir schweigen, weil wir Angst haben vor diesem immensen Gefühl. Wir wollen nicht in diese Situation geraten, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und natürlich haben wir Angst vor dem eigenen Tod.«All of Us Strangers» geht einem nahe, weil Adam sich mit seinem Verlust konfrontiert sieht. Helen kann das nicht. Sie zieht sich immer weiter zurück, vernachlässigt sich, ihr Haus versinkt im Chaos.Das tut sie, aber da ist die Figur von Helens Freundin Christina. Sie ist einfach da. Sie signalisiert ihr: Was immer es ist, wirf es mir an den Kopf, ich halte es aus. An der Szene, als sie bei Helen vorbeikommt, wortlos deren Chaos im Haus aufräumt und ein wenig putzt, haben wir lange gearbeitet. Denn was Christina macht, ist ein Akt der Liebe. Sie hilft ihrer besten Freundin, indem sie einfach da ist. Darum geht es, wenn jemand trauert, den man liebt: Man ist einfach da für diese Person. Das ist viel stärker, als Plattitüden von sich zu geben, die wir alle schon gehört und auch selbst gesagt haben.H Is for Hawk: Jetzt im Kino.All of Us Strangers: auf Disney+.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel