Der Wettstreit um die beste KI: Japan und Südkorea fordern China und Amerika herausJapan und Südkorea erkennen die geoökonomische Relevanz der KI. Mit eigenen Modellen wollen sie sich zum Partner für andere Länder machen. Doch die Kosten sind hoch.29.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenZwei humanoide Roboter boxen in Seoul gegeneinander. Südkorea will nach den USA und China zur drittgrössten KI-Macht der Welt werden.Kim Hong-Ji / ReutersDen USA und China stehen im Kampf um die Vormacht bei der künstlichen Intelligenz nun zwei ostasiatische Länder gegenüber. Japan und Südkorea fördern mit finanziell grossen Programmen die Entwicklung von eigenen KI-Modellen und Rechenzentren. Das Stichwort lautet «souveräne KI».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Japan und Südkorea wollen sich von den KI-Modellen und Rechenkapazitäten Amerikas und Chinas unabhängiger machen. Zugleich geht es ihnen darum, sich durch eine eigene Industriepolitik als unersetzlicher Partner der amerikanischen KI-Industrie zu positionieren. Ebenso wollen sie als quasi neutraler Pol zwischen Amerika und China zum bevorzugten KI-Partner anderer asiatischer Länder werden.Südkorea will seine Führungsrolle sichernSüdkoreas Präsident Lee Jae Myung hat das am vergangenen Wochenende in den USA deutlich gemacht. «Südkorea will einen Sprung nach vorne machen, um eine unersetzliche Schlüsselnation in der KI-Lieferkette zu werden», sagte er in einer Rede auf einer KI-Konferenz in San Francisco. Bereits Ende Juni hatte er gemeinsam mit der südkoreanischen Wirtschaft ein grosses Programm vorgestellt: Rund 760 Milliarden Euro will Südkorea in neue Chipfabriken, Roboter und KI-Rechenzentren investieren.Die südkoreanischen Speicherchiphersteller SK Hynix und Samsung Electronics dominieren den Weltmarkt für KI-Speicherchips. In Lees Plan sollen sie künftig das Fundament bilden, um Südkorea zur drittwichtigsten KI-Nation der Welt zu machen. Darüber hinaus verspricht die Regierung, bis 2029 KI-Rechenzentren mit einer Kapazität von 8,4 Gigawatt zu bauen, um zum KI-Knotenpunkt für Asien zu werden.Bei dem Treffen in San Francisco vereinbarten südkoreanische und amerikanische Konzerne nun weitere KI-Deals im Volumen von 950 Milliarden Dollar. Darunter fällt eine Abnahmezusage der SK-Gruppe – allen voran des Speicherchipherstellers SK Hynix – über 750 Milliarden Dollar, mit der sich amerikanische Chiphersteller wie Nvidia langfristig Speicherchips sichern.Japan will zurück an die Weltspitze der ChipindustrieJapan verfolgt ähnliche Ziele mit weniger grossen Worten, aber ebenfalls hohen Investitionen. Ende Juni stellte Japans Regierungschefin Sanae Takaichi ihren Plan vor, bis 2040 rund 2 Billionen Euro aus staatlichen und privaten Mitteln in 17 strategische Industriebereiche zu investieren.Dabei spielen die Chipindustrie und der Ausbau eigener KI-Fähigkeiten die wichtigste Rolle. Japan war in den 1980er und 1990er Jahren der weltgrösste Chipproduzent, hat aber inzwischen nur noch einen Weltmarktanteil von rund 10 Prozent und ist bei Spitzenchips nicht einmal mehr vertreten. Die Regierung will nun rund 460 Milliarden Euro in die Chipindustrie leiten, um das zu ändern.Neben der Ansiedlung von TSMC, dem Weltmarkt- und Technologieführer aus Taiwan, unterstützt die Regierung das Startup Rapidus. Ab kommendem Jahr will das junge Unternehmen Chips fertigen, die technologisch nahezu mit jenen von TSMC und dem südkoreanischen Konzern Samsung mithalten können.Darüber hinaus sind für den Bau von KI-Rechenzentren umgerechnet 175 Milliarden Euro vorgesehen. Es ist ein Zeichen, dass Japan seine Stellung als bisheriger Knotenpunkt im Datenverkehr zwischen den USA und Asien verteidigen will.Der Grossraum Tokio ist bis anhin der zentrale Ort, an dem die unterseeischen Datenkabel von der amerikanischen Westküste über den Pazifik in Asien anlanden. Von Japan werden die Datenströme dann weiter verteilt. Zudem verfügt Japan mit NTT Global Data Centers über den weltweit drittgrössten Rechenzentrenbetreiber.Der Wettlauf um eigene KI-ModelleGenauso wichtig nehmen beide Länder auch den Kern der KI: die Grundlagenmodelle. Südkoreas Wissenschaftsminister Bae Kyung Hoon verglich sie kürzlich mit einer Atomwaffe: «Ich glaube, dass der Trend, dass bestimmte Länder die Kontrolle über KI-Modelle dieses Kalibers anstreben, nur noch stärker werden wird. KI-Modelle auf Spitzenniveau ähneln immer mehr einer Atomwaffe.»Darum will der südkoreanische Wissenschaftsminister die Entwicklung eigener Modelle forcieren. Südkorea ist dabei schon weiter als Japan. Erste lokale Modelle werden verwendet. Im Juli begann etwa der «KI-Rechtssekretär» seine Arbeit: Öffentliche Bedienstete können mit ihm die rechtlichen Belange bei bestimmten Sachverhalten überprüfen.Korea Aerospace Industries (KAI) und der südkoreanische Internetportalbetreiber Naver kündigten an, gemeinsam ein für den Verteidigungssektor zugeschnittenes KI-Modell zu entwickeln. Darüber hinaus verfügt Südkorea über weitere Technik-, Telekommunikations- und Internetkonzerne wie Samsung und SK Telecom, die ebenfalls eigene Entwicklungskapazitäten haben.Marc Einstein ist Analyst beim Marktforscher Counterpoint in Japan. Er sagt, Südkorea sei Japan zwar voraus, doch Japan habe gute Voraussetzungen für eine Aufholjagd. Japan verfügt bereits über einige grundlegende Sprachmodelle, oft entwickelt von Technikkonzernen wie Fujitsu oder dem Telekommunikationsriesen NTT. Auch Startups gibt es.Das von zwei Ausländern mitgegründete Startup Sakana AI hat bereits zwei eigene Modelle am Markt: Namazu und Fugu. Besonders das Modell Fugu ist spannend. Denn es schlägt einen anderen Weg ein als die Riesen Open AI oder Anthropic: Im Gegensatz zu Chat-GPT oder Claude ist Fugu ein relativ kleines Modell, das Aufgaben wie ein Dirigent an andere KI-Modelle aus aller Welt verteilt.«Wenn man von nur einem ausländischen Anbieter abhängig ist, ist man verwundbar», sagt der Startup-Gründer David Ha. «Wenn man jedoch viele Modelle miteinander orchestriert, verteilt sich das Risiko.»Auch die Grosskonzerne in Japan werden nun aktiv, um das Land von ausländischen KI-Modellen unabhängig zu machen. Softbank, der grösste Technikinvestor der Welt und einer der grössten Anteilseigner am KI-Anbieter Open AI, treibt die Entwicklung voran.Zuerst etablierte Softbank mit seinem Partner Open AI in Japan ein Joint Venture, das KI-Unternehmensdienste entwickelt. Anfang Juli folgte die Gründung von Noetra, das ein japanisches KI-Grundlagenmodell entwickeln will. Es soll als Basis für KI-fähige Roboter sowie für autonome Autos und Maschinen dienen.An dem Projekt beteiligen sich neben dem Elektronikkonzern Sony und dem Autobauer Honda über 40 weitere Unternehmen. Und sie haben grosse Pläne. In Zusammenarbeit mit Nvidia soll ab 2027 ein grosses KI-Rechenzentrum gebaut werden. Das japanische Grundlagenmodell von Noetra soll dort mit 27 500 Rubin-KI-Grafikprozessoren von Nvidia das Denken lernen. Verläuft alles nach Plan, will Noetra bis 2030 seine KI auf den Markt bringen.Der Kampf um EinflussJapan und Südkorea versuchen schon jetzt, für südostasiatische Länder eine Alternative zu amerikanischen und chinesischen KI-Angeboten aufzubauen. Beide Staaten kooperieren bei KI-Fragen mit der Staatengemeinschaft Asean.Doch die japanische Regierungschefin Sanae Takaichi stellte im Februar klar, dass es ihrem Land um mehr gehe. Japan wolle eine «sichere und vertrauenswürdige KI» für die Welt erschaffen. Dafür baue ihr Land gemeinsam mit Indien, den Asean-Staaten, Afrika und Zentralasien eigene KI-Ökosysteme auf.Damit wird eines klar: Auch wenn die USA und China die KI-Welt derzeit zu dominieren scheinen, gibt es Chancen für Gegenmächte. Südkorea und Japan zeigen, wie solche Gegenpole aufgebaut werden können. Es braucht technologische Eigeninitiative, Kapital und den Willen zum Bündeln nationaler Kräfte. Ganz zum Schluss muss dann global geteilt werden.Passend zum Artikel
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