KommentarChinas KI-Firmen treiben das Silicon Valley vor sich her und verschaffen so Europa eine AtempauseDie USA wollten Chinas KI-Industrie klein halten und sind damit gescheitert. Das zeigt Kimi K3, ein Sprachmodell, das mit den besten der USA mithalten kann. Vom harten Wettbewerb zwischen den beiden Ländern profitieren Kunden – und Europa.26.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMoonshot präsentiert sich an der World Artificial Intelligence Conference in Schanghai.Foto / ImagoWir Menschen können schlecht in Sowohl-als-auch-Kategorien denken. Im Umgang mit China braucht es jedoch eine besonders grosse Portion Ambiguitätstoleranz. So nennen Psychologen die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Peking hält bekanntlich nichts von westlich-liberalen Individualrechten. China strebt nach Hegemonie und will die USA, unter deren Schutz Europa trotz Donald Trump gut lebt, als Weltmacht ablösen. Es setzt zudem auf Merkantilismus: Subventionierte, chinesische Exporte drohen unsere Industriefirmen plattzumachen.Gleichzeitig ist das Riesenreich ein wichtiger Wirtschaftspartner. Es verkauft einer Welt, deren Klima sich rasch erwärmt, Solarpanels und E-Autos zu Tiefpreisen. Und es wirkt tendenziell mässigend auf Schurkenstaaten wie Nordkorea oder Russland ein.Auch, dass der chinesische Anbieter Moonshot ein KI-Modell aus dem Hut gezaubert hat, das mit den besten der Amerikaner mithalten kann, ist zwiespältig.Der Durchbruch zeigt, wie eng China den USA im KI-Wettrüsten auf den Fersen ist. Das muss allen Demokratien zu denken geben, nicht bloss Amerika. Kimi K3 – so heisst das Modell von Moonshot – liegt ein chinesisches Weltbild zugrunde. In diesem gibt es selbstredend keinen Platz für ein unabhängiges Taiwan oder das Tiananmen-Massaker. Präsident Xi Jinping ist ein edler und weiser Führer.Möglicherweise nahm Moonshot sogar eine unzulässige Abkürzung und trainierte seine KI mithilfe von amerikanischen Modellen. Diesen Vorwurf zumindest hat der US-Finanzminister Scott Bessent diese Woche wiederholt.Doch selbst wenn er zuträfe, würde das im Rechtsverständnis der meisten Menschen nur bedeuten, dass Diebe andere Diebe bestohlen haben. Anthropic, Open AI, Google und Co. haben jedes Buch, jeden Film, jedes Musikalbum, jedes Kunstwerk und alle anderen Inhalte aus dem Internet abgegriffen. Die Daten in ihren Modellen sind ein Kondensat des Kulturgutes der ganzen Welt. Dieses gehört genauso den Chinesen.Ganz allgemein ist die Unterstellung, Chinas Firmen verdankten ihre Erfolge bloss Tricksereien, absurd. Ihre KI-Forscher gehören zu den besten der Welt und brauchen den Vergleich mit ihren amerikanischen Kollegen überhaupt nicht zu scheuen. Ja, das ist beunruhigend.KI aus China ist für Konsumenten, Firmen und das technologisch abgehängte Europa aber auch eine gute Nachricht. Sie heizt den Konkurrenzkampf massiv an und verringert die Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern. Schon vor Kimi K3 sind chinesische Modelle für viele Anwendungen gut genug gewesen, etwa, wenn Firmen Betriebsabläufe automatisieren wollen.Zumal man die chinesischen Modelle in aller Regel herunterladen, verändern und gefahrlos auf eigenen Rechnern laufen lassen kann. Selbst amerikanische Cloud-Anbieter stellen ihren Kunden chinesische Systeme zur Verfügung. Das sagt eigentlich alles. Kimi K3 bietet nun Spitzenleistung an, die rund halb so viel kostet wie die besten KI-Modelle aus den USA.Moonshot und andere chinesische Anbieter werden Anthropic, Open AI und Co. nicht nur dazu zwingen, sich bei Preiserhöhungen zurückzuhalten. Die Amerikaner müssen auch die Effizienz ihrer Modelle verbessern. Weil die USA chinesischen Anbietern den Zugang zu Hochleistungschips verwehrt haben, haben sie von Anfang an Modelle gebaut, die sparsam mit Rechenleistung umgehen – und somit auch weniger Strom verbrauchen.US-Firmen müssen sich auch sonst gut überlegen, mit welchen Argumenten sie bei Kunden punkten können. Ein naheliegendes Versprechen wäre ein Plus an Sicherheit.Wie wichtig das ist, zeigte diese Woche ein bedenklicher Unfall bei Open AI. Ein autonomer KI-Agent der Firma brach aus einem vermeintlich sicheren Testumfeld aus, verschaffte sich Zugang zum Internet und hackte die IT-Systeme des Unternehmens Hugging Face. So könnte auch ein Science-Fiction-Film beginnen. Hugging Face setzte zur Abwehr des Open-AI-Agenten übrigens ein chinesisches KI-Modell ein.Europa verschafft das Wettrüsten zwischen China und den USA bestenfalls eine Verschnaufpause. Peking könnte ja zum Beispiel auch jederzeit verfügen, dass neue KI-Modelle im Ausland nicht mehr zum Download bereitstehen, sondern nur noch der eigenen Wirtschaft dienen dürfen.Der Hype um KI verschwindet hoffentlich bald, die Technologie wird natürlich bleiben. Europa braucht eine Antwort. Schnell.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel