Um nur vier Tage hat sie die Hundert verpasst. Geboren am 30. Juli 1926 in Los Angeles, prägte die afroamerikanische Künstlerin Betye Saar seit Kriegsende, vor allem aber von der Ermächtigungsphase der späten Sechzigerjahre an, die „schwarze“ Kunst der USA. Weltweite Ausstrahlung gewann sie spätestens mit dem Ankauf ihres ikonischen und autobiographischen „Black Girl’s Window“ durch das New Yorker MOMA, auf dem sie sich als junge schwarze Frau mit erhobenen Händen gegen eine Fensterscheibe wie gegen eine „gläserne Decke“ drückt.Berühmt wurde sie für ihre „politischen“ Materialassemblagen in der Tradition der surrealistischen Collage aus per se nicht zusammengehörigen Objekten. Es schiene lohnenswert, einmal zu verfolgen, ob Saar mit ihren aus Armutsgründen am Strand vor Los Angeles oder im Müll aufgesammelten und zusammengehefteten Dingen nicht eine Art Frühform der Arte povera bildet. Erhebliche „Ding“-Energie speichern Assemblagen wie das frühe „Black Girl’s Window“ von 1969 mit Symbolen wie Sternkarten, Mondphasen und Skeletten auf den Scheiben des im Unrat gefundenen alten Fensters in jedem Fall.Auf dem Reibenfolterstreckbett: Betye Saars „Extreme Times Call for Extreme Heroines“, 2017LaifDoch noch „Extreme Times Call for Extreme Heroines“ spannt Saars langjährige Identifikationsfigur Aunt Jemima als schwarze Nanny, die im Titel aufgerufene „Heldin“, unter einen gegen arbeitende Menschen tickenden Wecker auf eine Küchenreibe. 1972 hatte Aunt Jemima in „The Liberation of Aunt Jemima“ erstmals lächelnd weiße Sklavenhalter mit einem Gewehr und einer Handgranate in der Hand bedient. Wie auf einem Folterstreckbett wehrt sie sich hier, während der Werktitel darüber wie einst ein Sklavenzeichen ins Fleisch in das Holz der Reibe eingebrannt ist.Der Raumteiler als symbolischer BildträgerKaum zufällig erscheint, dass Saar sich zeitlebens für Paravents interessierte, die meist Stoff und Holz gewordenen, immer aber segregierenden Raumteiler. Historisch wurde durch sie Herrschaft von Dienerschaft geschieden, Nackte von Angekleideten, Räume geteilt. Ihr letztes Beispiel für die im Deutschen „Spanische Wand“ genannten, oft auch mit Propaganda bemalten mobilen Wandelemente präsentierte Saar erst vor drei Jahren unter dem sprechenden Titel „Snake Screen“. Der englische Begriff „folding screen“ betont bereits im Namen ihre Funktion als visuelle Abgrenzer: drei magisch-gefahrvolle Schlangen vor pechschwarzem Hintergrund in der fesselnden Übersichtsausstellung „Paraventi“ der Fondazione Prada in Mailand.Schlangenhafter Paravent: Betye Saars „Snake Screen“ von 2023 in Wasserfarbe und Bleistift auf 15 Papierbögen unter Glas© Betye Saar, courtesy of the artist and Roberts Projects, Los AngelesBetye Saar war eine jener Künstlerinnen, um die Donald Trump am liebsten einen großen Paravent als permanentes Warnschild gehüllt hätte, wie er es jüngst vor einigen Museen mit seiner Ansicht nach unamerikanischen, weil geschichtskritischen Inhalten anordnete. Nun ist die Unerschrockene am 26. Juli gestorben. Ihre Generationen prägende Kunst in allen großen Museen der USA und darüber hinaus wird Trump nicht ungesehen machen können.
Künstlerin Betye Saar ist tot: die zentrale Figur der Black-Art-Bewegung
Die fast Hundertjährige, die aus dem Malereifenster stieg und etwas ganz Neues erfand: In ihren Assemblagen verband Betye Saar die Traumata schwarzer Frauen mit Bildern der Selbstermächtigung. Nun ist sie gestorben.






