PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessArtikeltyp:MeinungAbnehmenIch bin dick. Aber wer mich sieht, schließt direkt daraus, dass ich auch undiszipliniert binVon Serdar DenizStand: 06:43 UhrLesedauer: 6 Minuten„Mein Körper erzählt eine Geschichte, bevor ich es kann“, sagt Serdar DenizQuelle: Melanie Haack20 Kilo hat unser Autor bereits abgenommen. Trotzdem beschäftigt ihn eine andere Frage noch mehr: Warum glaubt die Gesellschaft, einen Menschen nach seinem Aussehen bewerten zu dürfen?Ich merke den Druck nicht erst auf der Waage. Manchmal beginnt er schon früher: in dem Moment, in dem mein Körper für andere eine Geschichte erzählt, bevor ich selbst die Chance habe, meine eigene zu erzählen. Ich bin 1,70 Meter groß, adipös und seit Februar 2023 auf meiner Abnehmreise. Damals wog ich 125,2 Kilo, heute sind es rund 20 Kilo weniger. Das ist ein Erfolg. Aber nicht der klassische Instagram-Erfolg und kein Vorher-Nachher-Wunder. Es geht langsam, ist anstrengend und manchmal peinlich ehrlich. Ich habe Ozempic probiert, später Mounjaro, Coachings gemacht und viele Rückschläge erlebt. Lesen Sie auchDer Auslöser, abnehmen zu wollen, war meine Familienplanung. Ich dachte: Wenn ich Kinder habe, finden die ersten Jahre auf Kniehöhe statt. Auf dem Boden, beim Spielen, Hochheben und Hinterherrennen. Ich wollte nicht der Vater sein, der nach zwei Minuten merkt, dass sein Körper das nicht mitmacht. Aus „Irgendwann will ich gesünder leben“ wurde plötzlich eine konkrete Zukunft: Familie – und die Frage, ob mein Körper mit diesem Leben mithalten kann. Wenn ich ehrlich bin, war da aber auch der Wunsch, besser in die gesellschaftliche Norm zu passen. Denn der Druck ist groß.Bevor ich etwas sage, werde ich beurteiltImmer öfter kreisen meine Gedanken darum, schön und schlank sein zu müssen, um kompetent und erfolgreich zu wirken. Ich weiß, dass meine Fähigkeiten nicht von meinem Gewicht abhängen. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass mein Körper gelesen wird, bevor ich etwas sagen oder leisten kann. Deshalb schreibe ich über Schönheit. Mich beschäftigt, was wir in einen Körper hineinlesen, nur weil er bestimmten Vorstellungen entspricht oder eben nicht. Schönheit ist längst nicht nur eine Frage des Geschmacks. Sie beeinflusst, wem wir Disziplin, Gesundheit oder Erfolg zutrauen – und wer sich erst einmal erklären muss.Lesen Sie auchDie vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell sich Schönheitsideale verändern können. Body Positivity wirkte für einen Moment wie ein Gegenentwurf. Für viele war das ein Aufatmen: Vielleicht müssen wir doch nicht alle gleich aussehen. Doch der gesellschaftliche Blick hat sich dadurch nicht grundlegend verändert. Wer einem Ideal entspricht, profitiert davon. Wer davon abweicht, wird häufiger bewertet. Social Media verstärkt diesen Effekt. Zwischen Gesundheitstipps, Werbung und Erfolgsgeschichten verschwimmen die Grenzen. Lesen Sie auchInfluencer verkaufen oft nicht nur ein Produkt, sondern die Vorstellung, dass zwischen dem heutigen und dem besseren Ich nur eine Routine, eine Spritze oder etwas mehr Disziplin liegt. Vielleicht spielt bei mir auch Neid eine Rolle. Auf Menschen, bei denen alles leichter aussieht. Auf Körper, die sofort positiv gelesen werden. Ich weiß, dass das nie die ganze Wahrheit ist. Aber dieser Neid kommt nicht aus dem Nichts. Aussehen kann Türen öffnen.Ich will abnehmen, weil ich gesünder sein möchteBei mir hat sich vieles vermischt. Angefangen hat es mit dem Wunsch, gesünder zu werden und später als Vater mehr von meinem Leben zu haben. Unterwegs kam die Hoffnung hinzu, mit weniger Gewicht vielleicht auch weniger bewertet zu werden. Genau da wird es schwierig. Ich will abnehmen, weil ich gesünder sein möchte. Gleichzeitig möchte ich mich nicht ständig rechtfertigen müssen. Beides lässt sich in meinem Kopf nicht sauber trennen. Ein schlanker, sportlicher Körper kann Ausdruck von Gesundheit sein. Aber die Gleichung „schlank gleich gut, dick gleich Problem“ ist zu einfach. Blutdruck, Psyche oder Schmerzen sieht man einem Menschen nicht an. Deutschland gibt so viel Geld für Gesundheit aus wie nie. Trotzdem ist die Adipositasprävalenz in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Es geht also um mehr als die alte Geschichte vom Einzelnen, der sich nur genug zusammenreißen müsse. Gleichzeitig wächst eine Industrie, die an unserer Angst verdient, nicht gut genug auszusehen. Genau das macht die Debatte so kompliziert.Lesen Sie auchAuch die Medizin verändert gerade viel. Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro können für viele Menschen eine echte Hilfe sein. Ich gehöre dazu. Für mich sind sie kein Lifestyle-Spielzeug, sondern Teil meiner Behandlung. Gleichzeitig entstehen rund um die neuen Wirkstoffe neue Erwartungen. Wenn Optimierung doch so leicht möglich ist, warum hast du sie dann noch nicht genutzt? Ich bin dankbar, dass Medizin mir beim Abnehmen hilft. Gleichzeitig frage ich mich manchmal, wo meine gesundheitliche Motivation endet und der Wunsch nach Anpassung beginnt. Darauf habe ich bis heute keine endgültige Antwort.Ist Dünnsein gleich Disziplin?Passend dazu beginnt jedes Jahr pünktlich die Saison der „Sommerfigur“. Magazine erklären, wie man in wenigen Wochen definierter wird, einen flachen Bauch bekommt oder sichtbare Muskeln aufbaut. Man soll rechtzeitig passend aussehen. Mich interessieren allerdings die Menschen, die nicht in acht Wochen eine Sommerfigur bekommen. Die gerade erst anfangen oder ihren Körper erst wieder akzeptieren müssen.Lesen Sie auchWie schnell wir Körper bewerten, zeigt ein simples Beispiel: Sehen wir einen dicken Menschen, der Pizza isst, erkennen viele sofort ein Gesundheitsproblem. Bei einer schlanken Person wird dasselbe Essen eher als Genuss gelesen. Natürlich macht es gesundheitlich einen Unterschied, wie oft jemand Pizza isst und wie sein Alltag aussieht. Ich nehme selbst aus gesundheitlichen Gründen ab. Mich stört das Urteil, das oft schon vorher feststeht. Die Geschichte eines Menschen sehen wir meistens nicht. Trotzdem glauben wir oft, sie an seinem Körper ablesen zu können. Heute tragen wir diesen Vergleich ständig mit uns herum. Der Algorithmus weiß, worauf wir reagieren, und zeigt uns mehr davon. Wer abnimmt, soll danach definierter werden. Wer definiert ist, soll jünger wirken. Und irgendwann soll man gesund aussehen, ohne dass jemand sehen darf, wie viel Kampf dahintersteckt. Vielleicht macht genau das Schönheit so schwer erreichbar: Man kommt ihr näher und hat trotzdem nicht das Gefühl, angekommen zu sein. Natürlich kann jeder an sich arbeiten. Aber nicht jeder hat gleich viel Zeit, Unterstützung oder psychische Kraft. Auch Genetik spielt eine Rolle.Der Körper zeigt nicht, wer du bistDabei schützt Schönheit nicht vor Urteilen. Gerade Frauen erleben oft, dass ihr Aussehen stärker wahrgenommen wird als das, was sie sagen oder leisten. Und wo stehe ich selbst in all dem? In den vergangenen Jahren habe ich vieles versucht: meine Ernährung verändert, Coachings gemacht und Medikamente genommen. Ich habe abgenommen und Phasen erlebt, in denen Essen für mich Stress, Frust oder Gewohnheit war. Rund 20 Kilo sind weg. Das ist viel. Aber der Druck in meinem Kopf ist dadurch nicht automatisch 20 Kilo leichter geworden. Ich bin heute weiter als 2023, aber nicht angekommen. Ich nehme weiterhin Hilfe an. Und ich werde weiter an meinem Gewicht arbeiten, weil ich gesünder leben will und weil der Gedanke an Familie nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Aber ich will nicht so tun, als beginne mein Leben erst, wenn die Waage irgendwann die richtige Zahl zeigt. Am Anfang dieses Textes habe ich geschrieben, dass mein Körper eine Geschichte erzählt, bevor ich selbst eine erzählen kann. Das kann ich nicht verhindern. Aber ich kann aufhören, jede fremde Interpretation meines Körpers für die Wahrheit über mich zu halten. Für mich bedeutet Gesundheit gerade, Hilfe anzunehmen, ehrlicher mit meinem Essen umzugehen und Rückschläge nicht als Scheitern zu verstehen. Ich weiß nicht, wie ich am Ende dieser Reise aussehen werde. Aber ich weiß inzwischen, dass ich nicht erst dann anfangen darf, mich als vollwertigen Menschen zu behandeln.
Abnehmen: „Ich bin dick. Aber nicht undiszipliniert. Warum denken das alle?“ - WELT
20 Kilo hat unser Autor bereits abgenommen. Trotzdem beschäftigt ihn eine andere Frage noch mehr: Warum glaubt die Gesellschaft, einen Menschen nach seinem Aussehen bewerten zu dürfen?






