Deutschland nimmt zu: Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen hierzulande gelten als übergewichtig. Ein Viertel der Bevölkerung wird sogar als stark übergewichtig eingestuft. Dies folgt aus Zahlen der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Und: In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Menschen mit erheblichem Übergewicht um mehr als 60 Prozent gestiegen. Der damit verbundene Leidensdruck lässt so manche Frauen und Männer mit Adipositas nach Auswegen suchen, manche erwägen eine Operation. Adipositas-Programme gibt es vielerorts. Ihre zentrale Botschaft lautet vielfach: Gewicht verlieren. Ulrike Gisch will ebenfalls stark übergewichtigen Menschen helfen – aber mit einem anderen Ansatz. Zum Tragen kommen soll er von November an in einer Pilotstudie der Universität Gießen, wo Gisch als Professorin für Ernährungspsychologie lehrt und forscht.Gisch sagt: „Wir leben in einer gewichtszentrierten Welt.“ Ungezählte Menschen, selbst Kinder, befassen sich demnach täglich mit ihrem Körpergewicht und mit Kalorien. Social-Media-Kanäle wie Instagram sind voll von Bildern und Videos mit augenscheinlich fitten Menschen, die sich durch Sport und Ernährung immer weiter zu optimieren versuchen. Sehr starkes Übergewicht steht dazu in scharfem Kontrast. Adipöse Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder spüren das im Alltag: Sie werden gemobbt, Erwachsene erleben Nachteile auf der Suche nach einer Arbeitsstelle und Vorurteile selbst bei medizinischem Personal.Noch keine deutschen Daten zu gewichtsneutraler Adipositas-HilfeGisch und ihr Team wollen vor diesem Hintergrund einen sogenannten gewichtsneutralen Ansatz der Adipositas-Hilfe testen. Als Vergleich wird in der Studie von November an das Standardprogramm der Deutschen Gesellschaft für Ernährung dienen. Es heißt „Ich nehme ab“. Die Gießener Ernährungspsychologen stellen EASE dagegen. Das Kürzel steht für Erleben, Achtsamkeit, Stigma-Reduktion und Erkundung. Zu gewichtsneutralen Programmen gibt es in Deutschland noch keine Daten, wie die Professorin sagt.Ulrike Gisch, Professur für ErnährungspsychologieUni Gießen/Rolf WegstEASE soll nach ihren Worten die Lebensqualität verbessern und auch der psychischen Gesundheit der Patienten dienen. 40 Menschen können mitmachen, Gisch sucht noch Teilnehmer. Im Laufe der Sitzungen sollen die adipösen Frauen und Männer lernen, fortan keine Kalorien mehr zu zählen und nicht auf das Ausmaß der Gewichtsabnahme zu starren. Ziel sei vielmehr etwas, was für viele andere Menschen völlig normal ist: intuitives Essen. Das heißt: Essen, wenn sich ein Hungergefühl einstellt, und aufhören, wenn der Hunger gestillt ist. Die Klienten müssten wieder auf ihren Körper hören und sich von gängigen Ernährungsmythen verabschieden. So dürften sie durchaus einen deftigen Gemüseauflauf essen, wenn ihnen danach sei. Auch sei Schokolade erlaubt. Wichtig sei aber, sich des Grundes für den Griff zur Süßigkeit bewusst zu werden. Essen aus Gewohnheit oder Frust sei demnach nicht sinnvoll.Die Studie soll laut Gisch auch helfen, die Eigenwahrnehmung der Klienten mit Blick auf ihren Körper zu korrigieren. Viele Menschen mit Adipositas fühlten sich hässlich - die Gesellschaft spiegele das auch. In den Sitzungen gehe es deswegen um Fragen wie: Was kann mein Körper jeden Tag? Was ermöglicht er mir? Was mag ich an ihm? Es gehe auch um die Abkehr von der Stigmatisierung durch das eigene Gewicht, wie sie Betroffene regelmäßig erlebten. Diese Form der Ausgrenzung setze Adipöse unter Stress, das führe zu einem erhöhten Ausstoß des Stresshormons Cortisol und lasse die Betroffenen mehr essen. Diesen Teufelskreis gelte es zu durchbrechen.Stresshormon Cortisol lässt Fettleibige mehr essenNicht zuletzt sei auch Bewegung ein Teil der Studie. Allerdings sollten sich die Teilnehmer nicht mit dem vorrangigen Ziel der Gewichtsabnahme bewegen. Vielmehr gehe es um Freude und Genuss. Dabei spiele auch die Erinnerung an die Kindheit eine Rolle. Kinder bewegten sich natürlich und hätten Spaß dabei. „Wir wollen den Patienten helfen, eine Verbindung zum eigenen Körper zu finden“, sagt Gisch. Zu diesem Zweck sieht sie unter anderem Atemübungen und Yoga vor.Wer an der Studie teilnehmen möchte, kann sich von August an per Mail an das Institut für Ernährungswissenschaft der Gießener Uni wenden unter ease@uni-giessen.de.