Die unumkehrbare Revolution: wie iranische Frauen das Fundament des Gottesstaates erschüttert habenIn Iran ist der Kampf der Frauen für gleiche Rechte längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern der Kern jeglichen Strebens nach Freiheit. Die Männer stehen ihnen endlich zur Seite.Katajun Amirpur28.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Freiheit einer Gesellschaft misst sich an der Freiheit der Frauen. Auf der iranischen Insel Kisch dürfen Frauen etwas Haut zeigen, Badeanzug ist verboten.Kaveh Kazemi / Hulton / GettyMeine Studierenden der Iranistik fragen mich, ob all die Verluste der letzten Jahrzehnte überhaupt irgendetwas gebracht hätten. Die Frage kam in einem Seminar des letzten Semesters auf, das ich «Von Revolution zu Revolution» nannte. Denn man kann ab ziemlich genau 1896 einen kompletten Geschichtskurs unterrichten mit dem Thema: Revolution. So lange schon machen Iranerinnen und Iraner Revolution. Mit welchen Ergebnissen?, werde ich gefragt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man kann vor allem die jüngere Geschichte Irans entlang ihrer Symbole lesen: ein Kopftuch, an einen Stock gebunden und schweigend in die Luft gehalten; Joghurt, der am Turban eines Geistlichen hinunterläuft; Drohnen, die über einer Stadt nach unbedecktem Haar fahnden; drei kurdische Worte, die binnen weniger Tage um die Welt gehen. In diesen Bildern wird sichtbar, was sich in Iran verändert hat und was nicht.Drohnen suchen unverhülltes FrauenhaarVerändert hat sich: In einem Teil der iranischen Öffentlichkeit, der seit Jahrzehnten an Bedeutung gewinnt, gilt die Frauenfrage nicht länger als Nebenschauplatz des Kampfes für Demokratie, sondern als dessen Kern. Der Kampf der Frauen für gleiche Rechte ist die kulturelle Revolution.Nicht verändert hat sich: Dieser Diskurs findet in einem Land statt, dessen Sicherheitsapparat und konservative Basis und dessen Gesetze die alte Ordnung mit unverminderter Härte verteidigen. Im letzten Winter geschah dies mit einer Gewalt, die in einem Massaker endete.Drohnen fliegen über Teheran, niedrig und gut sichtbar. Sie suchen Haare von Frauen. Wer heute unverschleiert durch eine Einkaufsstrasse in Teheran geht, muss damit rechnen, von einer solchen Drohne gefilmt zu werden, die die Bilder an eine Datenbank sendet. Auf die Bilder folgen Strafen, und das Repertoire ist breit: Geldbussen, die Beschlagnahmung von Fahrzeugen, der Entzug beruflicher Lizenzen, Reiseverbote, Haft. Eine Ärztin wurde dazu verurteilt, zwei Monate lang Leichen zu waschen. Einer anderen wurde die Ausreise verboten. Eine dritte kam ins Gefängnis.Die Nischen, in denen sich Widerstand regt, gibt es aber trotzdem: Auf dem Youtube-Kanal «Iran Social» wurde bis vor kurzem verhandelt, welches System man etablieren möchte, Republik oder Monarchie. Wegen der Internet-Sperre, und weil man als Kollaborateur des Feindes diskreditiert werden könnte, ist das zurzeit nicht mehr möglich. Die iranische Zivilgesellschaft, wie sie sich hier zeigte, ist gigantisch. Auch wenn sich die Diaspora zerfleischt hat, konnte man anscheinend in Iran gut miteinander reden.Der Joghurtbecher über dem TurbanDie Islamische Republik Iran, die 1979 mit dem Versprechen antrat, gegen die westliche, technokratische Moderne eine authentische, antiimperiale Ordnung zu errichten, muss vier Jahrzehnte später sogar das Haar ihrer eigenen Bürgerinnen aus der Luft kontrollieren? Diese Drohne ist eben nicht das Zeichen technologischen Fortschritts, als das das Regime sie gern vorführt. Sie zeigt, wie hilflos diese Ordnung ist, dass sie ihre eigene Bevölkerung überwachen muss.Und dann ist da dieser Joghurtbecher. Im Frühjahr 2023 betrat ein junger Mann in Shandiz, einer kleinen Stadt nordwestlich von Mashhad, ein Lebensmittelgeschäft. Ein Geistlicher hatte dort gerade eine Frau wegen ihres unbedeckten Kopfes zurechtgewiesen. Der junge Mann nahm einen Becher Joghurt aus dem Kühlregal, ging zu dem Geistlichen und leerte ihn über dessen Turban aus. Jemand filmte ihn dabei.Watch: Citizens in the city of Shandiz in Iran's northeast grapple with a member of IRGC's Basij militia who pours a bucket of yoghurt on the heads of two women defying the Islamic Republic's hijab regulations by not wearing any headscarf. pic.twitter.com/M8VEmy3lmZ— Iran International English (@IranIntl_En) March 31, 2023 Binnen weniger Stunden wurde das Video über Telegram und Instagram zehntausendfach geteilt und erreichte so Millionen von Menschen. Der junge Mann wurde verhaftet, der Geistliche erstattete Anzeige. Beide Seiten wussten sehr genau, dass es hier nicht um einen Becher Joghurt ging.Damit ist das, was jahrzehntelang als partikulares Anliegen galt, nämlich die Befreiung der Frau, ins symbolische Zentrum des politischen Konflikts gerückt. Das ist die eigentliche Revolution Irans.Der Bedeutungswandel des HijabsKein Symbol hat die Islamische Republik so tief geprägt wie der Hijab – und erfuhr einen derartigen Bedeutungswandel im vergangenen Jahrzehnt. Im Frühjahr 1979, wenige Wochen nach Khomeinys Rückkehr nach Teheran, führte das neue Regime die verpflichtende Verschleierung ein. Die Demonstrationen vom 8. März 1979, bei denen Zehntausende iranische Frauen genau dagegen auf die Strasse gingen, sind das Gründungsbild eines Widerstands, der seither nie erloschen ist, obwohl er zeitweise im Untergrund stattfand.Die amerikanische Feministin Kate Millett (Mitte) nimmt in Teheran im März 1979 an einem Protest von Frauen für gleiche Rechte teil.Francois Duhamel / Sygma / GettyAm 27. Dezember 2017 stieg im Zentrum Teherans, auf der khiyaban-e enghelab, der Strasse der Revolution, beispielsweise eine junge Frau auf einen Stromverteilerkasten. Vida Movahed, 31 Jahre alt, nahm ihr Kopftuch ab, band es an einen Stock und schwenkte es schweigend über ihrem Kopf. Das war keine spontane Geste. Es war eine sichtbare Praxis, die in der Kampagne #WhiteWednesdays bereits eingeübt worden war: Iranerinnen hatten begonnen, jeden Mittwoch weisse Kopftücher zu tragen und Fotos davon zu teilen.Movahed wurde verhaftet. Doch andere Frauen folgten. Junge Frauen in Städten im ganzen Land kletterten auf Stromkästen und Mauern und hielten ihre Kopftücher an Stöcken empor. Man nannte sie die Mädchen der Revolutionsstrasse – dokhtaran-e enghelab. Die Formel war bewusst doppeldeutig. Sie waren die Töchter jener Strasse, die nach der Revolution von 1979 benannt worden war. Sie waren zugleich die Töchter einer anderen, kommenden Revolution, deren Umrisse gerade erst hervortraten.Die Tote an der MetrostationAm 13. September 2022 wurde eine 22-jährige Kurdin aus der Provinz Kurdistan an einer Teheraner Metrostation von der Sittenpolizei festgenommen. Ihr Name: Jina Mahsa Amini. Der Vorwurf: Sie habe ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäss getragen. Drei Tage später war sie tot. Die offizielle Darstellung sprach von einem Herzinfarkt. Gemäss Spitalunterlagen und Aussagen der Familie starb die junge Frau an Schlägen gegen den Kopf. Was folgte, gehört zu den aussergewöhnlichsten Ereignisfolgen der iranischen Geschichte.Bei Aminis Beerdigung in Saqqez, ihrer kurdischen Heimatstadt, riefen die Frauen am Grab den Slogan, der die kommenden Monate bestimmen sollte. Im kurdischen Original: Jin, Jiyan, Azadi. In persischer Übersetzung: Zan, Zendigi, Azadi. Auf Deutsch: Frau, Leben, Freiheit.Der Slogan ist nicht neu, er stammt aus der kurdischen Freiheitsbewegung der nuller Jahre und geht auf Abdullah Öcalans Schriften über die zentrale Bedeutung der Frauenbefreiung für jede freie Gesellschaft zurück. Als er am Grab einer jungen Kurdin in einer iranischen Provinz ausgesprochen wurde, fand eine kulturelle Aneignung statt, die die Menschen zusammenwachsen liess.Bei den Beerdigungen der Menschen, die während der Proteste getötet worden waren, schnitten sich nicht nur Frauen das Haar ab – was eine vorislamische Form der Trauer ist. Auch Männer taten es. Junge und ältere, Bauarbeiter, Studenten, Lehrer. Auf den Videos sieht man Männer mit Scheren und Rasierern, die sich vor der Kamera das Haar schneiden lassen oder es sich selbst abschneiden. Manche weinen dabei.Männer trauern mit den FrauenMänner übernahmen nun öffentlich eine Form der Trauer, die über Jahrhunderte den Frauen vorbehalten war. Was die Männer mit den Scheren an ihrem Kopf sagten, war: Wir trauern wie ihr. Eure Sache ist unsere Sache. In der langen Geschichte des iranischen Reformdiskurses markieren diese Bilder einen Wendepunkt. Jahrelang hatten männliche Reformer – religiöse wie säkulare – die Frauenfrage als nachrangig behandelt: zuerst Demokratie, dann Frauenrechte, in dieser Reihenfolge.Hamid Dabashi, einer der wichtigsten Intellektuellen Irans, hat dies öffentlich eingeräumt. Als sich iranische Männer endlich an die Seite iranischer Frauen gestellt hätten, seien sie um mehr als vier Jahrzehnte zu spät gewesen, erklärte er. Ihr Platz an der Seite der Frauen wäre 1979 gewesen, als die ersten Frauen gegen die verordnete Verschleierung marschiert seien.Doch damals kam von den Männern keine Unterstützung. Sie standen nicht an der Seite der Frauen, als es jahrzehntelang um die Reform der Islamischen Republik ging. Reformtheologen wie Abdolkarim Soroush haben sich schlicht nicht für die Frauenfrage interessiert. Und die Gesellschaft, die sie beeinflussten, auch nicht.Die jungen Männer, die sich 2022 vor den Kameras das Haar abschnitten, waren die Söhne und Enkel jener Generation, die geschwiegen hatte.Am Anfang ist die Freiheit der FrauUm zu dem Joghurtbecher zurückzukommen: Die Szene ist kurz – ein paar Sekunden Video, ein Geistlicher, der seine Brille abwischt, die Kundschaft im Laden zwischen Schreck und Gelächter. Und die Szene ist zugleich lang: Sie steht für eine ganze Reihe ähnlicher Handlungen, die in den vergangenen Jahren in iranischen Städten sichtbar geworden sind und die zeigen, wie sehr sich verschoben hat, was in der Öffentlichkeit gesagt und getan werden kann.Vor zwanzig Jahren hätte ein iranischer Mann, der einen Becher Joghurt über einen Geistlichen leert, mit der Empörung seiner Umgebung rechnen müssen. Heute filmt seine Umgebung die Szene und teilt sie.Vor zwanzig Jahren hätte die Nachbarschaft gesagt: Das ist unislamisch. Heute sagt nicht nur Hamid Dabashi, sondern eine ganz normale Nachbarschaft: Wir stehen ein für dieses «kleine» Recht der Frau neben uns. Denn in diesem Kleinen liegt das grosse Ganze. Frauen bringen Leben, und Leben braucht Freiheit.Das ist die Revolution, die in Iran schon länger stattgefunden hat. Und auf die Benjamin Netanyahu oder Donald Trump hätten vertrauen sollen. Statt die Keime dieser Zivilgesellschaft, die so viele Früchte getragen hat, zu zerbomben.Katajun Amirpur ist Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Köln.Passend zum Artikel
Der Kampf um gleiche Rechte: Frauen sind der Treiber der iranischen Revolution
In Iran ist der Kampf der Frauen für gleiche Rechte längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern der Kern jeglichen Strebens nach Freiheit. Die Männer stehen ihnen endlich zur Seite.






