PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungProteste im IranVon diesem Punkt gibt es kein Zurück mehrVon Maryam RajaviVeröffentlicht am 09.02.2026Lesedauer: 5 MinutenProteste in Irans Hauptstadt TeheranQuelle: MAHSA/MEI/SIPApicture allianceDie jungen Iraner glauben nicht an eine Reform des bestehenden Systems. Wie ein Übergang zur Demokratie gelingen könnte, beschreibt Maryam Rajavi, eine der führenden Politikerinnen der iranischen Opposition, in einem Gastbeitrag.Was sich aktuell im Iran entfaltet, ist weder eine Wiederholung früherer Aufstände noch eine emotionale Reaktion auf eine vorübergehende Krise. Diese Bewegung markiert eine fortgeschrittene und gereifte Phase im Kampf der Bevölkerung gegen das Regime – ein Prozess, der vor Jahren begann und nun einen Punkt erreicht hat, von dem es kein Zurück mehr gibt. Bis vor Kurzem gingen die maßgeblichen Annahmen der globalen Mächte davon aus, das klerikale Regime im Iran sei stabil und ein Zusammenbruch realistisch nicht zu erwarten. Heute sprechen jedoch viele, auch offen, über die Möglichkeit seines Kollapses. Die Entscheidung der EU, die Islamischen Revolutionsgarden nach der brutalen Niederschlagung der Protestwelle als Terror-Organisation einzustufen, war ein Zeichen eines neuen Verständnisses für den tatsächlichen Zustand des Regimes. Lesen Sie auchDaraus ergeben sich zwei grundlegende Fragen. Erstens: Wie wird ein Regimewechsel erreicht? Zweitens: Was sind die Voraussetzungen für einen friedlichen Übergang – und ist ein solcher Übergang möglich?Heute glaubt praktisch niemand mehr an Veränderung von innen heraus. Während der Protestwelle 2017 erklärten die Menschen im Iran mit dem Slogan „Reformist, Hardliner – das Spiel ist vorbei“ das Ende der Reform-Illusion. Auch die andere Option, eine ausländische Militärintervention, ist durch jüngste Erfahrungen erprobt worden und ist nicht die Antwort auf Irans Krise. Luftangriffe mögen die Machtstrukturen beschädigen, doch sie werden den Sturz des Regimes nicht herbeiführen. Unter allen denkbaren Optionen gibt es nur einen praktikablen Weg: den Sturz des Regimes durch das Volk selbst und seinen organisierten Widerstand. Dieser Weg ist nicht leicht, aber erreichbar – und der jüngste Aufstand ist ein klarer Beleg dafür.Lesen Sie auchDieser Aufstand ist das Ergebnis von 47 Jahren angestauter Wut, politischen Bewusstseins und historischer Erfahrung einer Gesellschaft, die zu einer endgültigen Schlussfolgerung gelangt ist: Das Problem ist nicht eine Politik oder eine Fraktion, sondern das gesamte System der Velayat-e Faqih (Oberherrschaft der Geistlichkeit). Diese Proteste haben klare Ursachen: der Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft; eine Inflation, die nach Angaben des Regimes nahezu 45 Prozent erreicht hat; weitverbreitete Armut sowie chronische Wasser- und Energiekrisen. Das Regime hat keine Lösungen für diese Probleme – und die Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag.Ein prägendes Merkmal dieser Protestphase ist die gleichzeitige Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Die Ausbreitung der Proteste auf 400 Städte – nach eigenem Eingeständnis von Regimevertretern – zeigt, dass der Riss zwischen Gesellschaft und herrschendem Establishment einen qualitativen Bruchpunkt erreicht hat. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal dieses Aufstands liegt jedoch in der leitenden Rolle organisierter Kräfte – insbesondere der Jugend und der Widerstandseinheiten. Ihnen ist es gelungen, verstreute Proteste zu einer landesweiten Bewegung zu verknüpfen, dem Repressionsapparat an verschiedenen Orten die Initiative zu entreißen und die Kosten der Unterdrückung für das Regime zu erhöhen. Die Antwort auf die Frage, wie das Regime gestürzt werden kann, liegt genau in dieser Verbindung zwischen dem Volksaufstand und einer organisierten, entschlossenen Kraft – einer Verbindung, die während dieser Proteste durchgehend wirksam war, jedoch angesichts bestimmter Propagandakampagnen nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die sie verdient hätte. Demokratischer MachttransferDiese organisierte Kraft ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes – eines Kampfes, der den Preis von mehr als 100.000 Todesopfern gefordert hat, darunter 30.000 politische Gefangene, die 1988 massakriert wurden. Diese furchtbare Opferbilanz bezeugt die gesellschaftlichen Wurzeln, die organisatorische Fähigkeit und die Legitimität dieses Widerstands innerhalb der iranischen Gesellschaft.Die Antwort auf die zweite Frage – wie ein friedlicher Übergang erreicht werden kann – ist ebenfalls in derselben Realität angelegt. Nur eine Bewegung, die in der Volksresistenz verwurzelt ist, über ein breites Netzwerk vor Ort, eine klare Roadmap und ein definiertes Programm, nachgewiesene organisatorische Fähigkeiten, ausreichende Erfahrung und internationale Anerkennung verfügt, kann einen ruhigen und demokratischen Machttransfer garantieren.Die Existenz einer solchen Alternative ist die Schlüsselbedingung, um Chaos zu verhindern. Die Koalition des Nationalen Widerstandsrats Iran, der ich angehöre, hat den Rahmen für die Übergangsphase seit Langem vorbereitet und dargelegt: Bildung einer provisorischen Regierung; Durchführung freier Wahlen zu einer Verfassungsgebenden Versammlung innerhalb von höchstens sechs Monaten; eine vollständige Übertragung der Souveränität an die gewählten Vertreterinnen und Vertreter des Volkes. Grundprinzipien sind die Trennung von Religion und Staat, die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Freiheit politischer Parteien, eine unabhängige Justiz und die Abschaffung der Todesstrafe.Lesen Sie auchIm Iran ist eine Rückkehr in die Vergangenheit unmöglich. Eine Gesellschaft, die nahezu fünf Jahrzehnte Unterdrückung und strukturelle Korruption ertragen hat, ist heute bewusster denn je in Bezug auf Freiheit und die Zurückweisung von Despotismus. Die junge Generation, die den Aufstand anführt, lehnt sowohl die monarchische Diktatur ab als auch – seit Jahren – die Illusion, das bestehende System könne reformiert werden. Diese Generation verfolgt das Ziel einer demokratischen Republik.In diesem Zusammenhang ist die Rolle der Frauen entscheidend. Frauen, die über Jahrzehnte Opfer von systematischer Diskriminierung und Repression waren, sind nun zur treibenden Kraft des Aufstands geworden. Ihre führende Präsenz hat das psychologische Kräfteverhältnis in der Gesellschaft verändert und dient als Garantie gegen die Wiederkehr irgendeiner Form von Despotismus in der Zukunft.Der Iran der Zukunft wird eine demokratische, säkulare, pluralistische und nicht-nukleare Republik sein – im Frieden mit der Welt. In diesem Moment ist die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft klar: Sie muss die Kosten der Unterdrückung durch gezielte Sanktionen erhöhen, insbesondere durch den Stop von Ölexporten. Sie muss rechtliche Rechenschaft für die Architekten der Verbrechen einfordern, die Sicherheitsagenten des Regimes ausweisen, das Recht des Volkes und der Jugend anerkennen, sich gegen Repressionskräfte zu wehren. Die internationale Gemeinschaft muss auf der richtigen Seite der Geschichte stehen – an der Seite eines Volkes, das den Preis der Freiheit mit dem eigenen Blut bezahlt.Maryam Rajavi ist die gewählte Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran für die Übergangszeit zur Übertragung der Souveränität an das iranische Volk.