Michel Friedman redet den Festspielen, aber auch den Besuchern mit Nachdruck ins Gewissen, Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen. Die erste Aufführung von Wagners «Rienzi» in Bayreuth wirkt wie ein eindringlicher Kommentar dazu.27.07.2026, 17.00 Uhr6 LeseminutenAufstieg und Fall eines Volksverführers: Szene aus der Erstaufführung von Richard Wagners Oper «Rienzi, der letzte der Tribunen» an den Bayreuther Festspielen 2026.Enrico NawrathSo hätte sich Richard Wagner die Feiern zu 150 Jahren Bayreuther Festspiele vermutlich nicht vorgestellt. Statt sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen oder seine Musik schlicht zu geniessen, reibt sich die Kulturnation Deutschland nun schon seit Wochen an der Frage auf, wie antisemitisch einer ihrer grössten Künstler war. Die Debatte, die durch die Absage einer Gedenkveranstaltung mit dem Publizisten Michel Friedman ausgelöst wurde, überschattet in diesem Festivalsommer alles. Und sie geistert nicht zuletzt durch sämtliche Ansprachen während des Festakts, mit dem am Wochenende die Jubiläumssaison eröffnet wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Friedrich Merz, der Bundeskanzler, kommt auf die Kontroverse zu sprechen, überrascht aber zugleich mit einem differenzierten Bekenntnis sowohl zur Bedeutung wie zur geschichtlichen Problematik der Festspiele: «Canceln ist auch hier keine Lösung». Regelrecht in Sack und Asche geht dagegen Katharina Wagner, die amtierende Festspielleiterin: Sie entschuldigt sich ein weiteres Mal bei Friedman für die peinliche Ausladung und versichert, künftig würden neben der Rolle der Festspiele im «Dritten Reich» auch die teilweise engen Verbindungen «meiner Familie» mit den braunen Machthabern lückenlos aufgearbeitet.So weit, so richtig, und Wagner, die emotional angefasst wirkt, erhält für dieses Bekenntnis viel Zustimmung. Auf den zweiten Blick fragen sich Kenner der Materie freilich, was genau da eigentlich aufgearbeitet werden soll. Denn dass Richard Wagner ein verbohrter Antisemit war, wird heute ebenso wenig bestritten wie die Tatsache, dass Bayreuths Grüner Hügel den Nationalsozialisten schon lange vor 1933 bereitwillig als ideologischer Tummelplatz diente. Es gibt Bücher dazu, auch zu beinahe jedem Mitglied der Familie Wagner – und ganze Bibliotheken zur Wagner-Verehrung Hitlers. Was also fehlt noch?Verstrickungen und KontinuitätenMichel Friedman bringt es anderntags auf den Punkt: Bei der Gedenkveranstaltung «Verstummte Stimmen», die nun doch im Festspielhaus stattfindet, vor vollen Reihen, nennt er es gleich zu Beginn einen Wendepunkt, dass Katharina Wagner das lange nachwirkende Erbe des Nationalsozialismus nunmehr im Rahmen der Festspiele durchleuchten lassen will. Das zielt auf den tatsächlich skandalösen Umstand, dass es hier, am Ort des Geschehens, noch bis in die 2010er Jahre keinerlei ernstzunehmende Dokumentationen zu den Verstrickungen und den antisemitischen Kontinuitäten bei den Festspielen gegeben hat.Es gibt sie bis heute allenfalls in Ansätzen. Die als Mahnmal zu verstehende Ausstellung «Verstummte Stimmen», die an vertriebene und ermordete ehemalige Mitwirkende erinnert und auf die Friedman eindringlich verweist, ist aus privater Initiative entstanden. Ein geplantes NS-Dokumentationszentrum, das die Anbiederung der Wagner-Nachfahren an die braunen Machthaber transparent machen sollte, könnte wegen Finanzierungsproblemen im Bayreuth-typischen Klein-Klein zerrieben werden.Sehr beschämend für all die zahlreich erschienenen Landes- und Bundespolitiker, die sich, wie der bayrische Ministerpräsident Söder beim Festakt, nur zu gern im Licht dieses trotz allem wichtigsten und traditionsreichsten Kulturfestivals in Deutschland sonnen.Michel Friedman bei seiner Gedenkrede auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses am Sonntagvormittag.Daniel Löb / DPAMichel Friedman liest ihnen anderntags sehr scharfzüngig die Leviten. Er liest sie aber auch uns allen, denn bei seiner gut einstündigen Ansprache geht sein Blick bald über den Wagner-Mikrokosmos Bayreuth hinaus. In immer neuen Anläufen umkreist er das Thema Zivilcourage, fragt, was jeder Einzelne tun kann, wenn die Demokratie erneut durch die extreme Rechte bedroht wird.Ihm mache nicht die Vielfalt in Deutschland Angst, sondern die politische Einfalt, also das Versprechen der einfachen Lösungen, von dem sich immer mehr Menschen täuschen liessen. Friedman braucht das Wort «AfD-Verbot» nicht erst auszusprechen – es wird im Verlauf seiner immer wieder vehement gesteigerten Rede so oder so klar, dass er die gegenwärtigen Anstrengungen der Politik, aber auch der Gesellschaft insgesamt zum Schutz von Demokratie und Rechtsstaat für unzureichend hält.Eine Parabel des PopulismusDie Ansprache Friedmans findet an diesem Sonntagmorgen wohl nicht zufällig vor einer Kulisse aus der abendlichen Premiere statt. Auf dieser Videowand prangt anklagend das Wort «Antisemitismus». Falls Friedman damit insinuieren wollte, dass es sich hierbei um eine Art Unwort handelte, das auf dem Grünen Hügel nach wie vor allenfalls hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen würde, läge er allerdings falsch.Künstlerisch, in ihren Bühnenproduktionen, setzen sich die Festspiele seit der Übernahme der Leitung durch Katharina Wagner sehr wohl mit der deutschen Geschichte auseinander – was Friedman ausdrücklich anerkennt. Ein Höhepunkt dieser gelegentlich fast obsessiv wirkenden Beschäftigung war fraglos die zwischen 2017 und 2021 gezeigte «Meistersinger»-Inszenierung von Barrie Kosky. Er stellte den Protagonisten Hans Sachs symbolisch vors Nürnberger Kriegsverbrechertribunal.Ohne Rücksicht auf Verluste: Rienzi (Andreas Schager) zerstört in seinem Machtwahn sogar das Leben seiner Schwester Irene (Gabriela Scherer) und ihres Geliebten Adriano (Jennifer Holloway, liegend).Enrico NawrathIndes macht auch die Neuinszenierung von Wagners Frühwerk «Rienzi» in diesem Jahr Politik und Geschichte zum Thema; ja, sie knüpft – obwohl lange vorher geplant – in gewisser Weise direkt an Friedmans bohrende Gesellschaftsanalyse an. Die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka machen das Stück nämlich zu einer Parabel über den Populismus, indem sie den (un-)aufhaltsamen Aufstieg und den tödlichen Fall eines Volksverführers nachzeichnen.Dass der real wütende «Führer» der Deutschen ebendiese Oper als Erweckungserlebnis bezeichnet haben soll, hat die Wirkungsgeschichte des «Rienzi» nach 1945 nahezu ausgebremst. Heute aber, das zeigt die Erstaufführung im Festspielhaus, ist es das Stück der Stunde. Denn dieser Tribun, dessen Geschichte der 25-jährige Wagner aus einem Roman des zeitgenössischen Autors Edward Bulwer-Lytton («Die letzten Tage von Pompeji») destillierte – dieser Rienzi entspricht auf frappierende Weise jenem zerstörerischen Politikertypus, dem wir derzeit auf Schritt und Tritt begegnen.Ohne jedes Mass lässt er sich für die vermeintliche Befreiung Roms von den Machenschaften seiner Gegner feiern. Doch als ihm die Macht zu Kopfe steigt und er im Rausch Tausende in einem fragwürdigen Kriegszug opfert, waren natürlich wieder die anderen die Bösen, und der strauchelnde Volksverdummer entzieht sich der Verantwortung.Szemerédy und Parditka, die auch die konsequent in Schwarz, Weiss und Rot gehaltene Ausstattung verantworten, müssen nicht konkreter werden. Sie rücken die gesamte Ästhetik der Produktion beklemmend nah an die Gegenwart und sorgen obendrein mit dystopischen Elementen dafür, dass die Sache nicht zur mehr oder weniger heiteren Trump-Persiflage wird. Die angeblich freien Römer hausen hier in anonymen Wohnblöcken, immer und überall bespasst von Bildschirmen, die alle und jeden mit Fake News bei Laune halten. Ein Orwell-Szenario – und doch irritierend vertraut, wenn zeitgleich zu «Breaking News» mit Kriegsbildern vermeldet wird, dass der Tourismus boome und sich Goldpreis wie Aktien weiterhin im Höhenflug befänden.In anonymen Wohnblöcken werden die angeblich freien Römer über Bildschirme mit Fake News bei Laune gehalten.Enrico NawrathHilfreiche DirigentinDer Tenor Andreas Schager gibt dem Urheber dieser modernen Version von «Brot und Spielen» eine angemessen kraftvolle Gestalt – die Verpflichtung zum charismatischen Dauerstrahlen verführt ihn freilich auch zum Dauer-Forte. Das setzt seine beiden Bühnenpartnerinnen Gabriela Scherer in der Partie der Schwester Irene (der Rienzi offensichtlich inzestuös zugetan ist) und Jennifer Holloway in der Hosenrolle des Adriano unnötig unter Druck. Weniger wäre bei allen drei Protagonisten oft mehr, zumal ihnen die Frau am Pult des Festspielorchesters die ideale Grundlage dafür schafft.Nathalie Stutzmanns Dirigat ist das Ereignis dieser Premiere: Mit Tempo, Feingefühl und Mut zum dramatischen Effekt bereitet sie den Sängern die Bühne und hilft dem Jugendwerk über manche Längen und Unvollkommenheiten hinweg. Ein Meisterwerk kann auch Stutzmann nicht aus dem Stück machen, aber einen packenden, über vier Stunden tragenden Opernabend.Und noch etwas belegt diese erste, leider wohl einmalige Produktion im Festspielhaus: Musikalisch wie inhaltlich bietet «Rienzi» genügend Stoff, dass man ihm auch in Zukunft noch neue Sichtweisen abgewinnen könnte. Man sollte dieses so beunruhigend gegenwärtig wirkende Werk endlich in den Wagner-Kanon aufnehmen. Und man sollte dies zuallererst in Bayreuth tun, an diesem so schwer kontaminierten wie einzigartigen Ort der Kunst.Passend zum Artikel
150 Jahre Bayreuther Festspiele: Kontroversen und ein Wendepunkt am Wagner-Festival
Michel Friedman redet den Festspielen, aber auch den Besuchern mit Nachdruck ins Gewissen, Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen. Die erste Aufführung von Wagners «Rienzi» in Bayreuth wirkt wie ein eindringlicher Kommentar dazu.










