Ein früherer Feuilletonchef der SZ, angefragt, ob er nicht Lust hätte, bei der SZ-Kostprobe mitzumachen, wies dieses Ansinnen weit von sich. „Da würden mir ja schnell die Adjektive ausgehen.“ Recht hatte er. Ausgezeichnet, hervorragend, köstlich, das war’s dann in etwa – auf keinen Fall sollte lecker in einer Kostprobe vorkommen. Da hat man in Italien eine bessere Auswahl: spettacoloso, eccezionale, magnifico, meraviglioso, delizioso, straordinario, molto gustoso, una esplosione di sapore, eccetera, eccetera.Die Villa Morgana in Gräfelfing hat das Motto „Keine Pizza. Keine Kompromisse. Nur echtes italienisches Fine Dining.“ Wobei Letzteres nicht gerade echt italienisch klingt. Da wollten wir doch einmal sehen, ob auf das kompromisslose Angebot wenigstens einige der aufgeführten Adjektive zutreffen.Meraviglioso ist auf jeden Fall das Ambiente. Das Restaurant befindet sich in einer umgebauten alten Villa, umgeben von viel Grün. Die frühere „Osteria“ hat eine lange Geschichte. In den Fünfzigerjahren gab es dort Tanzkurse, bei denen die Gräfelfinger Jugend lernen sollte, auf glattem Parkett eine Bella Figura zu machen. Der damals recht düstere Raum wurde später fein herausgeputzt und als „Laurus“ zu einem gehobenen Ristorante. Es folgte eine lange, harte Zeit mit Baumaßnahmen, Pandemie und einem Brand. Doch nach den jahrelangen Schwierigkeiten war das Haus gelungen saniert, und Rosario Morgana, daher der Name der Villa, konnte seinen Traum eines Ristorante eccezionale ausleben.Der ovale Gastraum mit hohen Fenstern, edlem Parkett und dezenter Beleuchtung kommt ohne jeden Schnickschnack aus. Man sitzt bequem auf samtbezogenen Sesseln und Wandbänken. Die Tische sind ganz in Weiß eingedeckt, auch im sehr schönen Garten. Die Terrasse im ersten Stock empfiehlt sich für Feiern aller Art.Der ovale Gastraum mit hohen Fenstern, edlem Parkett und dezenter Beleuchtung kommt ohne jeden Schnickschnack aus. Stephan RumpfSo meraviglioso wie das Ambiente ist auch das Angebot. Besonders die Menüvorschläge unter der Rubrik „Unser Chefkoch Antonio empfiehlt“ lohnen eine genauere Betrachtung, ehe man sich der allgemeinen Karte widmet. Die empfohlenen, hausgemachten Kalbsbraten-Mascarpone-Ravioli mit Thymian-Rotweinbutter: straordinari. Die „kleine“ Portion davon war als Vorspeise irresistibile, aber schon fast zu viel, denn die folgenden zwei perfekt gebratenen Scheiben Steinbuttfilet auf Wildbrokkoli an Zitronen-Marsala-Soße waren ebenso unwiderstehlich. Da durfte nichts auf dem Teller liegenbleiben. Spettacolose die Kalbsbackerl in Barolo geschmort mit Selleriepüree und Buttergemüse. Auch die knusprig gebratenen Stücke vom Loup de Mer auf Tomatenrisotto, festes Fleisch, Risotto cremig mit leichtem Biss: perfetto. Soweit zu Antonios Empfehlungen.Die Rinderlende kommt auf einem Bett aus Rucola und Tomaten. Stephan RumpfZur Standardkarte: Sind die Spaghetti aglio olio gut, sind normalerweise auch die anderen Speisen eines Restaurants gut, so wie in bayerischen Wirtschaften die Leberknödelsuppe. Hier war die Konsistenz der Pasta genau richtig, das Öl mit den Gewürzen – mit Peperoncino gut scharf – delizioso, sodass es mit dem lockeren, hausgebackenen (nicht zu verwechseln mit hausbacken, wo man gleich an Kittelschürzen denkt) Olivenbrot bis zum letzten Tropfen ausgetupft wurde. Saltimbocca alla romana war geschmacklich und von der Knusprigkeit des Schinkens her molto gustoso; die Vitelloscheiben hätten etwas dünner geschnitten sein können. Aber dann käme vielleicht manch deutscher Gast ins Nörgeln, hat er doch gerne viel Fleisch auf dem Teller.Das Mandel-Halbgefrorene zum Dessert löste eine wahre Esplosione di sapore im Mund aus. Auf Letztere mussten die Besteller des Waldbeerenparfaits auf Beeren-Kokosragout eine Weile warten, es war noch steinhart gefroren. Aber sie kam, die Esplosione.Der Inhaber Rosario Morgana gab dem Restaurant seinen Namen; hier zerteilt er einen Loup de mer in der Salzkruste. Stephan RumpfZu den Preisen: Ja, die Preise sind hoch. Für zwei Personen ist bei sehr zurückhaltendem Weingenuss mit mindestens 120 Euro zu rechnen, nach oben offen. Aber es ist eben nicht nur der Preis hoch, sondern auch die Qualität. Das Vergnügen, die Entschleunigung, die die Villa Morgana bietet, ist im Preis inbegriffen.Mittags geht es auch weniger teuer. Zwei dreigängige Menüs werden angeboten, mit Pasta für 25,90 Euro, mit Fisch oder Fleisch für 27,90 Euro. Vorspeise: flockige Mozzarella mit leicht süßen Kirschtomaten, wie es sich gehört, in einer perfekt austarierten Vinaigrette, meilenweit von den oft sehr langweiligen Tomaten-Mozzarella-Tellern entfernt. Hauptspeise Fisch: zwei festfleischige Stücke Seeteufel in intensiver Kapern-Oliven-Soße, molto gustose. Hauptspeise Fleisch: Die Scaloppine Valdostana mit Parmaschinken und Mozzarella waren geschmacklich sehr gut, das Fleisch etwas zu fest. Oder das Messer schlecht? Die Zubereitung unterschied sich völlig von der weitverbreiteten Art à la Cordon bleu, eher wirkte sie wie Saltimbocca romana mit Käse.Dolce: ein kleines Stillleben, auf einem blauen Teller die altweiß glänzende Panna cotta mit tief orangefarbenem, fruchtigem Mango-Mus.Die Villa Morgana ist ein Ort, „an dem sich italienische Tradition, feine Küche und herzliche Gastfreundschaft vereinen“, so der Wirt. Die Betreuung der Gäste – Bedienung ist da das falsche Wort – ist herzlich, familiär, aber nicht ranschmeißerisch. Viele Gäste sind Stammgäste; man kennt sich, man mag sich. Da wird auch gerne über Privates und Intimes geplaudert. Ganz wie in Italien, wo oft eine Bekanntschaft von zehn Minuten ausreicht, um die Blutdruckwerte, den Verlauf der Blinddarmoperation oder die Wurzelbehandlung des Gegenübers zu erfahren. Und da sage noch einer, dass die Leute nicht mehr miteinander reden. Sie brauchen nur den richtigen Platz, einen wie die Villa Morgana.Villa Morgana, Maria-Eich-Straße 67, 82166 Gräfelfing, Telefon 089/99999067, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 14.30 und 18 bis 22.30 Uhr, Sonntag und Montag RuhetageDie Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
Villa Morgana in Gräfelfing: Italienisch tafeln auf hohem Niveau
Die Villa Morgana in Gräfelfing setzt mit Erfolg auf italienische Traditionen und ein angenehm familiäres Ambiente.








