Von Weltmeister zu Weltmeister gab Max Verstappen seinem Podestnachbarn zur Sicherheit ein kleines Zeichen. Lando Norris hatte seine Trophäe einhändig so hoch in den Himmel gehalten, wie es ihm die Länge seines Arms erlaubte, und sie dabei so glücklich angestrahlt, als wäre sie sein erstgeborenes Kind. Als Norris sie auf den Boden stellte, deutete Verstappen mit dem Zeigefinger drauf und schaute zu Norris, als wolle er sagen: Denk dran, was uns hier schon passiert ist! Vor drei Jahren war Verstappen beim Großen Preis von Ungarn vor Norris zum Sieg gefahren. Bei der Podiumsparty knallte Norris die Champagnerflasche auf die für ihn typische Weise senkrecht auf den Boden, um den Schampus in einer Fontäne rausschießen zu lassen. Blöderweise neben Verstappens Trophäe, die dadurch umflog. Und weil diese in Budapest aus feinstem, handbemalten Porzellan der Manufaktur Herend gefertigt wird, zerbrach sie. Verstappen erhielt später eine Neue.Diesmal war Norris umsichtiger, die Trophäe im Wert von etwa 45 000 Euro musste nicht ersetzt werden. Profis wie ihn zeichnet eine gewisse Lernkurve aus, gepaart mit etwas Wettbewerbsglück ergibt sich dann allzu oft Erfolg. Den hatte der 26-Jährige wiedererlangt am elften Rennwochenende dieser Saison, dem letzten vor der vierwöchigen Sommerpause der Formel 1. Die Kombination aus Upgrades am MCL40 und einer Strecke, die dem McLaren liegt, ließ sich zu einem erfolgreichen Paket schnüren. Die Geschwindigkeit und der Reifenverschleiß seien besser gewesen, als er das erwartet habe, erzählte Norris auf der Pressekonferenz: „Aber es war wahrscheinlich eine meiner besten Leistungen, was das Fahren des Autos angeht.“Formel 1:Der Weltmeister meldet sich zurückErstmals in dieser Saison gewinnt kein Mercedes oder Ferrari: Lando Norris siegt beim Großen Preis von Ungarn vor Max Verstappen und Kimi Antonelli, der seinen WM-Vorsprung eindrucksvoll ausbaut.Das Vertrauen darauf, dass sein Team auch in dieser Saison gewinnen könnte, war Norris nicht verloren gegangen an all den Sonntagen, an denen ständig Männer in schwarzen oder roten Overalls Erfolge feierten. In Japan war Oscar Piastri Zweiter geworden, in Miami schafften es beide McLaren mit dem zweiten Platz für Norris und dem dritten für Piastri aufs Podium, in Barcelona kam Bronze für Norris dazu. Aber was ist das schon für eine Ausbeute für den Titelverteidiger in der Konstrukteurs- und der Fahrer-WM? Mit dem neu eingeführten Reglement kommen Mercedes und Ferrari deutlich besser zurecht, McLaren doktert herum, und so gestand Norris nach seinem zwölften Sieg in der Königsklasse: „Das kam ein bisschen früher als ich dachte.“Die Frage ist, welchen Wert, welchen Effekt dieser Start-Ziel-Erfolg haben wird. War das der Höhepunkt? Oder markiert der 26. Juli 2026 gar einen Wendepunkt, an dem McLaren seine Aufholjagd startet und in der zweiten Jahreshälfte aus dem Zweikampf um den Titel einen Dreikampf macht?Unmöglich ist es für Lando Norris nicht, den Rückstand in der Fahrerwertung noch zu egalisierenIn der Qualifikation war Norris lediglich zwölf Millisekunden schneller als Hamilton. Diese Saison dominiert Mercedes. Bis Budapest hatten die Silberpfeile jede Pole eingeheimst, nur zwei der Siege schnappte ihnen Ferrari weg. In der Gesamtwertung führt Kimi Antonelli mit 219 Punkten, weil er sich in Ungarn trotz Rückschlägen vom siebten auf den dritten Rang durchgeboxt hat. Lewis Hamilton (169) büßte im Ferrari sowohl in der Qualifikation als auch im Rennen eine bessere Platzierung durch Strafen ein. George Russell im zweiten Mercedes ist mit 160 Zählern auch noch längst nicht raus, dahinter folgt Hamiltons Teamkollege Charles Leclerc (138), dann Norris mit 128 Punkten. Er hat also 91 Punkte weniger auf dem Konto als der Spitzenreiter.Unmöglich ist es nicht, diesen Rückstand zu egalisieren. In der Geschichte der Formel 1 gab es schon so manch erstaunliche, zunächst unmöglich wirkende Aufholjagd. Manch einer wurde dafür mit dem Titel belohnt, andere scheiterten ganz knapp. Vergangenes Jahr lag Verstappen nach Ungarn 96 Zähler hinter Piastri zurück, der so souverän fuhr, dass er schon sicher wie der neue Champion wirkte. Fünf Rennen vor Schluss war die Lücke auf 40 Punkte geschrumpft. Im letzten Rennen hatte Verstappen nur noch zwei Punkte Rückstand – allerdings auf Norris, der Piastri im Oktober die Führung abgenommen hatte.Noch ist gerade einmal die Hälfte vorbei, vielleicht sogar weniger, sollte doch ein 24. Grand Prix gefahren werden. Aufgrund der schwierigen Sicherheitslage durch den Iran-Krieg waren die Stopps in Bahrain und Saudi-Arabien im April ausgefallen. Bahrain soll am 4. Oktober zwischen den Terminen in Aserbaidschan und Singapur nachgeholt werden, allerdings nicht im Mittleren Osten, sondern in Südostasien: Die Wahl fiel auf Malaysia, wo die Formel 1 von 1999 bis 2017 fuhr. Eine Alternative für Saudi-Arabien zu finden, dürfte schwierig werden, der Kalender bietet kaum eine Lücke. Fraglich erscheint angesichts der aktuellen politischen Lage außerdem, ob die letzten beiden Grand Prix am 29. November in Katar und am 6. Dezember in Abu Dhabi nicht auch eine neue Heimat finden oder gestrichen werden müssen.Als Weltmeister kann Norris natürlich auch mit Champagnerflaschen umgehen. Clive Mason/Getty ImagesAber, das wissen sie auch bei McLaren: Eine derartige Aufholjagd wird enorm schwierig. Teamchef Andrea Stella hatte bereits eingestanden, dass der Rückstand dieses Jahr bei den Weiterentwicklungen rund zwei bis drei Monate beträgt. Die für Budapest installierten Upgrades haben offensichtlich gewirkt, weitere sollen folgen. Aber in Zandvoort kann sich die Lage ändern, wenn es wieder mehr aufs Energiemanagement ankommt. Und die Konkurrenz tüftelt ja genauso weiter. „Das Auto war phasenweise immer noch furchtbar zu fahren“, sagte Norris. „Aber es war schnell. Und mir ist ein schreckliches, aber schnelles Auto lieber als alles andere.“ Er habe viel mit seinen Ingenieuren daran gearbeitet, den MCL40 zu verstehen – was so schwierig sei, wie herauszufinden, wie man diesen Wagen konstant am Limit fahren könne.„Es ist ein Wettlauf der Upgrades“, sagte Stella in einer Medienrunde. „Und die gute Nachricht ist, dass McLaren wieder an diesem Wettlauf teilnimmt – während wir um die Spitzenposition kämpfen.“ Dem Rennstall wäre gar beinahe ein Doppelerfolg geglückt. Piastri sah lange wie der Sieger aus, nachdem er Norris gleich auf der ersten Runde in der zweiten Kurve überholt hatte. Doch erst versaute Carlos Sainz die Aufholjagd Piastris nach einem Boxenstopp, weil er trotz blauer Flagge beim Überholen im Weg war. Dann beendete ein Getriebeschaden vorzeitig Piastris Rennen. Stella saß am Abend trotzdem zufrieden im Motorhome. Der 55-Jährige prognostizierte einen „sehr starken Oscar“ für die zweite Saisonhälfte. Bei Norris beobachte er „eine großartige Entwicklung“ und findet: „Lando tritt viel selbstbewusster auf.“Der erste Sieg als Weltmeister – so kann man sich jedenfalls in die Sommerpause verabschieden. Die Postkarte an die Konkurrenz schickte Lando Norris schon vor dem Urlaub ab: „Wir waren auf einem anderen Level heute“, sagte er. „Wenn das Auto gut ist und ich im Flow bin, gibt es kein Halten mehr.“ McLaren hat nun vier Wochen Zeit, um den nächsten Beweis dafür zu erbringen.