Grünes Kerosin aus der Schweiz: Wie die EU nachhaltiges Fliegen unbezahlbar machtDie Schweizer Startups Metafuels und Synhelion entwickeln mithilfe der Swiss das nachhaltige Kerosin der Zukunft. Doch wegen unrealistischer Forderungen der EU droht nun ein Preisschock.27.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Flugzeuge der Swiss sollen künftig vermehrt mit nachhaltigem Treibstoff abheben Ein Flugzeug der Swiss im Landeanflug auf den Flughafen ZürichPetra Orosz/ KeystoneNach einer Woche reicht es Saurabh Kapoor. Er hat auf Netflix tagelang Serien gestreamt, weil der Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 die Arbeit bei seiner kleinen Unternehmensberatung lahmgelegt hat. Doch dann merkt der Maschinenbauingenieur, dass der erzwungene Stillstand eine einmalige Chance ist, sich seiner Herzensangelegenheit zu widmen: der Entwicklung von Treibstoffen, die ein klimaneutrales Fliegen möglich machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kapoor hat zuvor lange Jahre in Indien und Deutschland gearbeitet und sich auf Kohlekraft spezialisiert. «Doch ich wusste: Auch wenn die eingesetzte Technologie noch so modern ist – auf Dauer dürfen wir wegen des Klimaschutzes nicht mehr auf Kohle setzen.»Kapoor und seine beiden Mitgründer des Startups Metafuels recherchieren systematisch, wo die ungelösten Probleme bei der Produktion von nachhaltigem Flugtreibstoff liegen. Zwar gibt es bereits Ansätze, doch der resultierende Treibstoff würde so teuer, dass Fliegen «irgendwann nur noch für reiche Menschen möglich wäre», sagt er. Kapoors Startup will darum eine Technologie finden, mit der grüner Treibstoff bezahlbar wird und sich in grossem Massstab herstellen lässt.Zusammenarbeit mit der SwissMit ihrer Herangehensweise haben die Jungunternehmer Erfolg. Vor zwei Monaten hat die Fluggesellschaft Swiss verkündet, sie gehe eine Zusammenarbeit mit dem in Adliswil beheimateten Startup ein. Für den Einstieg der Swiss gebe es mehrere Gründe, sagt der Corporate-Responsibility-Manager Gabriel Müller. Die Swiss wolle sich langfristig den Zugang zu nachhaltigem Treibstoff sichern. «Wir wollen aber auch eine Vorreiterrolle in der Entwicklung neuer Technologien einnehmen.»Ein Grund für dieses Engagement ist die Nähe zur ETH. Die Swiss hat bereits mit mehreren Spin-offs der renommierten Hochschule Partnerschaften geschlossen: mit Climeworks, das CO2 direkt aus der Luft filtert und im Boden speichert, und mit Neustark, das CO2 aus Biogasanlagen in Abbruchbeton bindet.Zudem ist die Fluggesellschaft an einem weiteren ETH-Spin-off beteiligt, das ebenfalls eine Methode zur Herstellung von grünem Flugzeugtreibstoff entwickelt: Synhelion nutzt dafür die Kraft der Sonne. Ein Feld aus beweglichen Spiegeln bündelt das Sonnenlicht. Mit der so erzeugten Hitze wird aus Wasser und CO2 eine Art synthetisches Rohöl hergestellt, das sich in einer herkömmlichen Raffinerie zu Kerosin weiterverarbeiten lässt.Treibstoff aus grünem MethanolBei Metafuels setzen Kapoor und seine Kollegen auf ein völlig anderes Verfahren. Ihr Ausgangsstoff ist Methanol – bereits heute der zweitwichtigste Grundstoff der Chemieindustrie, weltweit gehandelt, in Schiffen transportiert und in Tanks gelagert. Gebraucht wird Methanol etwa für die Herstellung von Kunststoffen.Methanol stammt heute zwar vor allem aus Erdgas, es lässt sich aber auch klimafreundlich herstellen: Dafür nimmt man grünen Strom aus Windrädern, Solaranlagen oder Kernkraftwerken, um mit einem elektrochemischen Prozess Wasserstoff zu gewinnen. Diesen verbindet man anschliessend mit CO2. Dadurch entsteht sogenanntes E-Methanol.Kapoor und seine Kollegen haben eine Methode entwickelt, um daraus Kerosin zu machen. Sie stehen vor der Inbetriebnahme einer Demonstrationsanlage auf dem Gelände des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) im aargauischen Villigen. Diese soll rund 50 Liter synthetisches Kerosin pro Tag liefern. Bereits läuft die Planung für eine grössere Anlage in Rotterdam.Künftig wird es einen enormen Bedarf an solchen Treibstoffen geben, wie die skandinavische Fluggesellschaft SAS kürzlich in einem Bericht vorgerechnet hat. Der Grund: Die EU schreibt ab 2030 eine Beimischquote für synthetische Flugtreibstoffe vor, wie sie derzeit von Metafuels, Synhelion und rund vierzig weiteren Startups entwickelt werden. Zu Beginn müssen es 1,2 Prozent sein, ab 2035 bereits 5 Prozent.Um diese Pflicht zu erfüllen, werden laut dem Report der SAS EU-weit bereits im Einstiegsjahr 2030 rund 552 000 Tonnen des synthetischen Treibstoffs benötigt. Das bedeutet: Bis 2030 würde es acht industrielle Grossanlagen brauchen. Bis 2035 müssten europaweit gar mehr als 35 Werke am Netz sein, um die EU-Vorgabe zu erfüllen.Drohende PreisexplosionEin Blick auf die aktuellen Anlagen von Metafuels und Synhelion zeigt, wie weit die Technologie von diesem Ziel entfernt ist. Die Demonstrationsanlage von Metafuels in Villigen liefert umgerechnet weniger als 15 Tonnen pro Jahr. Auch die neue Synhelion-Anlage in Jülich, die ab 2027 als erste kommerzielle Anlage überhaupt läuft, kommt auf rund 1000 Tonnen jährlich. Eine einzige der acht bis 2030 nötigen Grossanlagen müsste dagegen 60 000 bis 70 000 Tonnen pro Jahr produzieren.Bisher ist aber für kein einziges Grossprojekt in Europa ein definitiver Investitionsentscheid gefällt worden. Die SAS warnt darum: Trifft die Nachfrage ab 2030 auf ein derart knappes Angebot, werden Strafzahlungen fällig. Der Preis für eine Tonne synthetisches Kerosin könnte dadurch im schlimmsten Szenario auf bis zu 23 000 Euro hochschnellen – rund das Dreissigfache des heutigen Preises für fossiles Kerosin.Swiss-Manager Müller teilt die Einschätzungen des SAS-Reports. Die Quote für synthetische Treibstoffe ab 2030 «sehen wir als nicht wirklich realisierbar, weil es noch keine kommerzielle Produktion von solchen Treibstoffen gibt», sagt er. Das werde sich so rasch nicht ändern. «Der Bau solcher Anlagen dauert Jahre.»Zwar stehen gemäss den EU-Richtlinien nicht die Fluggesellschaften in der Pflicht für die Beimischung, sondern die Treibstofflieferanten. Doch in der Praxis werden diese die Strafen direkt an ihre Abnehmer weiterreichen.Flugpassagiere müssten Kosten tragenDiese Kosten wären so hoch, «dass wir diese nicht alleine tragen könnten», sagt der Swiss-Manager Müller. Die Airline müsste in der Folge versuchen, einen Teil mit internen Einsparungen abzufedern, einen grossen Teil aber wohl an die Passagiere weitergeben.Müller betont, dass die Swiss die bereits heute bestehende Pflicht zur Beimischung nachhaltiger Treibstoffe befürworte. Derzeit werden diese vor allem aus biologischen Abfällen wie altem Speiseöl gewonnen. Auch beim erst in Entwicklung stehenden synthetischen Kerosin sei eine Quote sinnvoll: Sie schaffe klare Marktsignale und ermögliche es Startups wie Metafuels oder Synhelion, überhaupt erst zu gedeihen. «Doch die spezifischen Teilziele beim synthetischen Kerosin müssen realistisch sein – und das sind sie derzeit einfach nicht», sagt Müller.Er fordert darum, die Skalierung von synthetischen Treibstoffen mit aller Kraft voranzutreiben. Dazu müssten die nötigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Sollte sich die ab 2030 geltende Beimischquote für synthetisches Kerosin als nicht erfüllbar erweisen, müsse man auch darüber nachdenken, die entsprechende Vorgabe zu verschieben: «Die geplanten Strafzahlungen entziehen den Fluggesellschaften Geld, ohne dass dies der Umwelt etwas nützt.»Kapoor von Metafuels warnt allerdings davor, die Beimischpflicht gänzlich zu kippen. «Wenn wir sie aufgeben, wird niemand mehr in solche Technologien investieren», sagt er. Für junge Firmen sei die Pflicht eine wichtige Absicherung, dass es künftig überhaupt einen Markt für ihre Produkte gebe. Kapoor verweist auf die historische Lernkurve bei Batterien für Elektroautos, deren Kosten in den letzten 15 Jahren um rund 90 Prozent gesunken sind. «Eine solche Entwicklung ist auch in unserer Industrie möglich.»Kapoor bleibt aber optimistisch. So gibt es auch international Bewegung beim Thema. Singapur wird ab 2027 eine Ticketabgabe zur Finanzierung des Kaufs von synthetischen Treibstoffen erheben. Südkorea führt im gleichen Jahr eine eigene Beimischpflicht ein, Japan arbeitet an einer entsprechenden Regelung. China treibt den Aufbau eigener Kapazitäten als industriepolitische Strategie voran.Interesse beim MilitärDer Klimaschutz ist laut Kapoor auch nicht mehr das einzige Argument dafür, Treibstoffe aus grünem Strom zu produzieren, anstatt dafür Erdöl aus dem Boden zu holen. So seien auch die Luftwaffen in den USA, Grossbritannien oder der Schweiz an der Entwicklung solcher Treibstoffe interessiert.Der Swiss-Manager Gabriel Müller bestätigt: «Bei der Entwicklung von synthetischen Treibstoffen geht es heute auch darum, die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen.» Setzten sich solche Technologien durch, sei man künftig viel weniger von einzelnen, krisengeschüttelten Regionen und klassischen Rohölstaaten abhängig – ein wichtiges Argument für die weitere Forschung und Skalierung.Passend zum Artikel
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