Auch Sprechen ist eine Form des Handelns: Nikhil Krishnans Studie über die «Rebellen des Geistes»Nicht alles, was tiefsinnig oder bedeutungsvoll klingt, ergibt auch einen Sinn. Angelsächsische Philosophen rückten Mitte des 20. Jahrhunderts die Sprache ins Zentrum ihrer Analysen.Guido Kalberer27.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie angelsächsische Philosophie blickt auf eine jahrhundertealte empirische Tradition zurück. Ihre Anbindung an die faktenbasierten Erfahrungswissenschaften machte sie skeptisch gegenüber den Spekulationen metaphysischer Theorien: Vieles, was bedeutungsvoll klingt und dem menschlichen Geist schmeichelt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als hohl und leer. Der Respekt vor dem gesunden Menschenverstand und die Überzeugung, dass auch der Philosophie nur die Alltagssprache zur Verfügung steht, bilden das Fundament einer Weltsicht, die Humor und Ironie vermeintlichem Tiefsinn vorzieht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach dem Ersten Weltkrieg formiert sich in Cambridge und Oxford eine sich am Wiener Kreis orientierende Denkschule, die philosophische Thesen und Theorien daraufhin untersucht, ob sie überhaupt einen Sinn ergeben. Die zentrale Frage der sogenannten analytischen Philosophie bzw. Sprachphilosophie lautet: Was meint jemand, wenn er dies oder das sagt? Lösen sich Sätze und deren Bedeutung im Stahlbad der Nachweisbarkeit und Belegbarkeit in nichts auf, dann eignen sie sich nicht zur Erklärung von Welt. «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen», folgerte Ludwig Wittgenstein, neben Bertrand Russell der wichtigste Denker in Cambridge.Sprache als Material der PhilosophieMit den Philosophinnen und Philosophen, die zwischen 1920 und 1960 in Oxford lehrten und eine ähnliche Geisteshaltung vertraten wie jene an der benachbarten Universität, beschäftigt sich ein faszinierendes Buch mit dem Titel «Rebellen des Geistes». Der 1986 geborene Nikhil Krishnan ist zwar kein Zeitzeuge, aber bestens vertraut mit der geisteswissenschaftlichen Geschichte sowohl in Oxford, wo er studierte, als auch in Cambridge, wo er heute lehrt. Seine Darstellung orientiert sich an den prägenden Figuren und zeichnet die grossen Linien ihres Denkens in verständlicher Sprache nach: Es geht um John L. Austin und Iris Murdoch, um Elizabeth Anscombe und Alfred Jules Ayer, um Gilbert Ryle und Philippa Foot.Der Feind guter Philosophie sei der «Rausch der Tiefe», lautete die Kampfansage von John L. Austin an den Idealismus. Vielmehr müsse sich gute Philosophie, so der charismatische Oxford-Professor, nüchtern und sachlich auf ihr Material besinnen: die Sprache nämlich. Damit gab Austin, der wenig schriftlich festhielt und bereits mit 48 Jahren an Lungenkrebs starb, die Denkrichtung vor. Sein Buch, «How to Do Things with Words», wurde zum Manifest der analytischen Philosophie. Darin fokussiert Austin einerseits auf die Umgangssprache und die ihr zugrunde liegende Grammatik, andererseits auf die Frage, inwiefern «etwas Sagen etwas Tun bedeuten kann». Wer redet, handelt – das kann, muss aber keinen Sinn ergeben.Wissenschaft oder Unsinn!Auch für Alfred Jules Ayer war die Philosophiegeschichte zu weiten Teilen frei von Sinn. Analog zum Wiener Kreis, der sich der Logik und strengen Wissenschaft verschrieben hatte, richtete sich seine «grosse positivistische Kampagne» gegen metaphysische und theologische Gedankengebäude, die «unsinnige Aussagen» über Gott, die Seele und das Ich verbreiteten. Bei dem «analytischen Rodungswerk», so Nikhil Krishnan, galt die Devise: entweder Wissenschaft oder Unsinn! Irrationale Überzeugungen mussten genauso bekämpft werden wie alle Formen von Ismen. Philosophie müsse, so Ayer, zu ihrer prähistorischen Unschuld zurückfinden, ohne einen wie auch immer gearteten Ismus.Oxford war in der Mitte des letzten Jahrhunderts auch deswegen intellektuell so anregend, weil es prominenten Widerspruch gab. Die bekannteste Stimme war die Philosophin und Schriftstellerin Iris Murdoch. Zum einen verkörperte die spätere Booker-Prize-Trägerin als Kommunistin eine pointiert politische Form von Ismus, zum anderen hob sie in ihren Vorlesungen die Bedeutung der Metaphysik für die Ethik hervor. Zudem warf sie ihren Kollegen vor, sich mit dem Fokus auf den gesunden Menschenverstand und die Alltagssprache selbst einzuschränken: «Die Normalsprache ist keine Philosophie.» Auch wenn Dichtern und Denkern keine Privatsprache zur Verfügung stehe, heisse das nicht, dass ihnen nur die Alltagssprache bleibe.Heimliche Liebe in der Ablehnung«Rebellen des Geistes» zeigt anschaulich, wie sich das Pendel philosophischer Positionen im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert von einem Pol zum anderen bewegte. «Nach der Zwanglosigkeit des spätviktorianischen Idealismus folgten die allzu strikten Beschränkungen des positivistischen Zenits», schreibt Nikhil Krishnan. Und der Autor zitiert zeitgenössische Beobachter, die in der Ablehnung der Metaphysik durch die Positivisten eine heimliche Liebe zum intellektuellen Gegner erkannten. Ähnlich wie in Wien und Cambridge entstand so in Oxford eine «Revolution des Denkens», die in ihren extremen Ausprägungen zwar übers Ziel hinausschoss, aber als Korrektiv grossen Einfluss auf künftige philosophische Entwürfe und Konzepte ausübte.Nikhil Krishnan: Rebellen des Geistes. Oxford, die Philosophie und eine Revolution des Denkens. Aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs. Reclam-Verlag, Stuttgart 2026. 478 S., Fr. 49.90.
Auch Sprechen ist eine Form des Handelns: Nikhil Krishnans Studie über die «Rebellen des Geistes»
Nicht alles, was tiefsinnig oder bedeutungsvoll klingt, ergibt auch einen Sinn. Angelsächsische Philosophen rückten Mitte des 20. Jahrhunderts die Sprache ins Zentrum ihrer Analysen.








