InterviewEin praktisches Gespräch mit dem scharfsinnigsten Philosophen Deutschlands.31.05.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenVielleicht ist die Weisheit ja nur ein Kraut, das wir pflücken müssen. Oder ein Sortiment von Pillen, aus dem wir auswählen können. Auf jeden Fall wäre eine Hausapotheke der Philosophie, auf die man in der Krise zurückgreifen kann, eine ungemein praktische Lebenshilfe. Und wer könnte die Regale besser bestücken als Wolfram Eilenberger, Deutschlands ausgebufftester Denker? Seine Bücher wie «Zeit der Zauberer» sind Bestseller, kürzlich veröffentlichte er mit «Die Gegenwart der Philosophie» einen Überflug über die abendländische Geistesgeschichte. Bekannt wurde der 53-jährige Deutsche auch als Moderator der TV-Sendung «Sternstunde Philosophie». Wir treffen Eilenberger in St. Gallen, wo er gerade am Collegium der HSG weilt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Die Finnen lachen sich halb tot, wenn sie wieder einmal zum glücklichsten Volk auf Erden erklärt werden. Denn die Frage nach dem Glück stellt sich dort oben niemand. Zufriedenheit ist für den Finnen das höchste der Gefühle. Eine Zufriedenheit, die sich nicht zuletzt durch die Abwesenheit von Ängsten auszeichnet. Und hierzu kann die Philosophie sehr wohl beitragen.Kräuter gegen die AngstUnd wie hilft mir die Philosophie gegen die Angst?Zuerst einmal müssen wir zwischen Furcht und Angst unterscheiden. Furcht ist etwas Konkretes: die Furcht vor einer Schlange oder einem Finalspiel gegen den FC Bayern. Man weiss, wovor man sich fürchtet, und hat einen Horizont für die unerfreuliche Erfahrung, die einem droht. Bei der Angst ist das anders, hier ist die Erwartung unklar. Der Tod ist das Paradebeispiel: Er kommt sicher und ist doch unbestimmt. Letztlich hängt jede Angst irgendwie mit dem Tod zusammen. Die Philosophie kann uns dabei helfen, uns klarerzumachen, was genau uns beunruhigt. Sie kann Wörter dafür finden und uns so bewusster handeln lassen. Und die Philosophie kann uns durchaus von Angst befreien.Zum Beispiel?Zum Beispiel die Frage, ob es Gott gibt. Sie wird leicht zum Scheinproblem, sofern man Gottes Existenz beweisen will, am besten noch rein wissenschaftlich oder logisch. Solch ein Beweis spielt für einen religiösen Menschen indes keine entscheidende Rolle. Ihm oder ihr geht es ja um ein «glauben an», nicht um ein «glauben, dass». Ein religiös bestimmtes Leben wird vom Glauben an Gott getragen.Können Sie das etwas genauer erklären?Wenn ein Vater seinem Sohn vor der Prüfung «Ich glaube an dich» sagt, bedeutet das nicht, dass der Vater glaubt, dass der Sohn eine gute Note schreiben wird. Nein, der Vater sagt mit diesem Satz etwas ganz anderes. Er positioniert sich in seiner Beziehung zu seinem Sohn. Ein analoges Verhältnis besteht zwischen einem Gläubigen und Gott.Aber woher nehme ich Hoffnung, wenn ich nicht an Gott glauben kann?Es gibt dieser Tage wenig Grund für Optimismus. Der Philosoph Jonathan Lear bietet einen Ausweg, indem er für die Haltung einer «radical hope», einer radikalen Hoffnung plädiert. Dies ist eine Hoffnung, die sich von Optimismus klar distanziert und sich auf keinerlei Fakten abstützt. Auch das ist ein Fall von «Glauben an».«Das Denken kann Klarheit verschaffen», ist Wolfram Eilenberger überzeugt.Ich möchte auf das Gute im Menschen vertrauen. Aber vieles auf der Welt lässt mich daran zweifeln.Es hilft schon, die Kategorie zu hinterfragen. Verkappte Kollektivsingulare wie «das Gute», «das Schöne» und «das Böse» bringen uns selten weiter, sind in dieser Abstraktion kaum mit Sinn zu füllen. Der Rat der Philosophie wäre nun, eine Stufe tiefer zu gehen und ein konkretes Objekt zu befragen, ob es gut sei oder nicht.Die Klimakrise ängstigt mich, der Mensch scheint unfähig, zu handeln. Kann mich die Philosophie beruhigen?Es gibt derzeit unzählige Wissenschaftsaktivistinnen wie Maja Göpel, die durchs Land touren und behaupten, wir hätten die Mittel zur Bewältigung der Klimakrise und anderer grosser Probleme, würden die Technologien aber einfach nicht genügend nützen. Auch hier plädiere ich für das Entlarven falscher Hoffnungen. Solche Stimmen machen sich und vielen anderen etwas vor. Denn wir haben diese Lösungen nicht. Nicht einmal im Ansatz. Falsche Hoffnungen speisen Unruhe ins System, ermuntern zur Suche nach Sündenböcken, erzeugen Ressentiments – und schlagen letztlich gegen sich selbst zurück. Irgendwann realisieren die Leute nämlich, dass die Dinge, die ihnen solche Aktivistinnen im Expertengewand erzählen, so schlicht nicht stimmen. Und dann kommt der Rückstoss, die Wut, das Protestwählertum.Zu meinen Ängsten gehört auch die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz. Wenn die KI bald alles besser kann als ich: Was bin ich als Mensch dann noch wert?Im akademischen Milieu sehe ich gerade, welche ungeheure Umwälzung die KI bewirkt. Seminararbeiten werden überflüssig, das Prüfungssystem befindet sich im offenen Kollaps. Und so manchen Studiengang, der an der HSG angeboten wird, wird es bald nicht mehr brauchen.Klingt ja nicht sehr ermutigend.Wenn die Universitätskarrieristen sich 80 Prozent ihrer Fachpublikationen, die sowieso keiner liest, zukünftig sparen, befürworte ich diese Entwicklung. Und vielleicht könnte die Uni dann ja jene Kompetenz wieder ins Zentrum stellen, die seit Kant den Kern der Aufklärung ausmacht: die Ausbildung einer reflektierenden Urteilskraft. Just jene Kompetenz ist nämlich ein Residuum für den Menschen und hob ihn immer schon von den Tieren, jetzt aber auch von der künstlichen Intelligenz ab. Humor, Ironie, uneigentliches Sprechen, das Voraus- und Neu-Zusammendenken: Darin ist KI schlecht. Der Philosoph ist also gut gewappnet für die Zukunft. Oder zumindest besser als die Steuerberaterin oder der Betriebswirtschafter.Soll ich mich vor den Aliens fürchten?Das ist nicht nötig. Die Menschen sind beängstigend genug, als dass wir den Angsthorizont ins Universum ausweiten müssten. Im Gegenteil hoffe ich, dass ich unsere erste Kontaktaufnahme mit den Aliens noch erleben darf. Ja, das würde mich sehr freuen!Schmalz für mehr VernunftSind meine Gedanken frei?Unsere Gedanken werden noch lange frei sein. Denn letztlich gelingt es auch dem totalitärsten System mit der raffiniertesten Technik nicht, die Gedanken seiner Bürger vollends zu kontrollieren. Der menschliche Geist ist zu komplex, als dass man ihn einhegen könnte. Selbst ein nordkoreanischer Beamter wird dann und wann Dinge denken, die seinem Führer nicht genehm sind. Hier liegt auch die Macht der Philosophie: Je reger sie ist und ihre Gedanken in die Öffentlichkeit einzuspeisen vermag, desto schwieriger wird es für Diktatoren, Menschen zu kontrollieren.Muss ich mich von der Idee der Wahrheit verabschieden?Sie sollten sich von der Idee verabschieden, dass es «die Wahrheit» gibt. Aber es gibt Wahres. Es muss Wahres geben. Denn, wie man mit Wittgenstein sagen könnte: Es kann nicht nur Falschgeld geben.Wahr ist zum Beispiel?Wahr ist zum Beispiel, dass wir drei hier im Restaurant sitzen. Wahr ist ohne Zweifel, dass diese Apfelsaftschorle, die ich mir bestellt habe, sehr gut schmeckt. Die Schweizer Apfelsaftschorle schmeckt irgendwie besser als die deutsche . . . Bemerkenswert.Sind Sie ganz sicher? Es gibt ja diese Idee, dass unsere Gehirne in Tat und Wahrheit in einem Tank mit Nährlösung liegen und wir von einem Computer mit Impulsen manipuliert werden. Es gibt immer wieder Philosophen, die darauf zurückkommen.Ja, aber auch diese Skepsis hat Grenzen. Es gibt Erfahrungen. Punkt. Und diese Apfelsaftschorle-Erfahrung jetzt, die ist gewiss etwas ganz Feines! Da ist kein Zweifel möglich.Pillen für richtige EntscheidungenWie kann mir die Philosophie dabei helfen, richtige Entscheidungen zu treffen?Es hilft schon, sich über eine wichtige Unterscheidung im Klaren zu sein: die Unterscheidung zwischen Wahl und Entscheidung. Wenn ich in den Supermarkt gehe und aus einem Dutzend ein bestimmtes Shampoo auswähle, treffe ich eine Wahl. Eine Wahl bedeutet, dass ich eine Übersicht über meine Optionen und deren Folgen habe und meine Handlung entsprechend überdenken kann. Eine Wahl ist faktenbasiert.Und die Entscheidung?Wenn ich einen Menschen heirate, ist das keine Wahl, sondern eine Entscheidung. Die Entscheidung für einen Menschen ist ein Sprung ins Offene. Die Konsequenzen sind unberechenbar und unüberschaubar. Eine Entscheidung erfordert Demut. Viele Menschen glauben heute, eine Wahl zu treffen, gerade bei der angeblichen Partnerwahl. Der Partner wird wie ein Konsumgut betrachtet. Tatsächlich aber treffen die Menschen eine Entscheidung. Was dann – wenig überraschend – viel Leid und Enttäuschung zur Folge hat.Habe ich keinen freien Willen?Es sind Entscheidungen, in denen wir unsere Freiheit am intensivsten spüren. Zum Beispiel das Ja-Wort der Heirat! Mit ihm verspreche ich etwas, was ich eigentlich nicht versprechen kann: jemanden ein Leben lang zu lieben. Wir entwerfen uns in eine offene Zukunft.«Kultur, Zivilisation: All das gibt es nur, weil Menschen mehr haben wollten.»Soll ich dem Bettler am Bahnhof etwas Geld geben?Nicht im kategorisch bindenden Sinne. Kant würde hier von einer «unvollkommenen Pflicht» sprechen. Denn die unbedingte Forderung, jedem Bettler immer Geld zu geben, stösst schnell an Grenzen.Der Bettler ist bedürftiger als Sie.Hätte ich deshalb die unbedingte Pflicht, ihm etwas zu geben? Das würde mit anderen Pflichten kollidieren. Ich würde den Imperativ «Du musst Bedürftigeren immer helfen» nicht unterschreiben. Soziale Bedürftigkeit ist nicht das einzige Kriterium von ethischem Verhalten. Es gibt nicht nur Pflichten gegenüber dem anderen, sondern auch Pflichten gegenüber mir selbst und meinen Nächsten.Warum ist es in Ordnung, viel Geld zu haben und mehr haben zu wollen?Das Mehr-haben-Wollen ist Gier, Aristoteles nennt sie «pleonexia». Aber: Wir sitzen hier in einem schönen Lokal an einem weiss gedeckten Tisch. Kultur, Zivilisation: All das gibt es nur, weil Menschen mehr haben wollten. Was von alledem um uns herum würde existieren, wenn die Menschen nicht mehr haben wollen würden? Nichts!Das Wasser.Das Wasser, einverstanden. Aber nicht das Glas. Das Ziel des Lebens ist es nicht, nur zu leben, sondern das Leben zu intensivieren. Das Mehr-haben-Wollen ist dem Leben selbst eingeschrieben. Wer wären die besten Wesen, wenn es nur darum ginge, bedürfnislos zu überdauern? Steine! Die machen das seit Millionen von Jahren sehr erfolgreich. Aber ich zumindest strebe keine Steinexistenz an. Ob das eine Legitimierung dafür ist, 50 Millionen Franken zu erben und keine Steuern zu zahlen, wäre eine andere Frage.Darf ich fischen gehen, obwohl ich den Fisch nicht brauche?Ich gehe auch fischen, hoffe aber immer, dass ich nichts fange . . . Es ist also sicher besser, sich ein Hobby zu suchen, das das Leid anderer Wesen nicht notwendig umfasst.Was ist das beste philosophische Argument für das Kinderhaben?Das beste Argument dafür liefert Hannah Arendt: Das Neue kommt nur durch die Geburt zu uns. Kinder sind immer ein radikaler Neuanfang. Ich habe das verstanden, als unsere Kinder geboren wurden. Wir hatten eine Wollmütze aus Peru, die wir unserer Tochter aufsetzten. Als ich sie so sah, mit dieser Dalai-Lama-Mütze auf dem Kopf, verstand ich, was die Buddhisten mit dem gesuchten Kind meinen: Jedes Kind ist ein möglicher Dalai Lama.Und was spricht gegen das Kinderhaben?Das beste Argument dagegen – das mich persönlich aber nicht überzeugt – ist folgendes: Alle Dilemmata unserer Existenz würden sich erledigen, wenn wir ein einziges Gebot befolgen würden: Du sollst nicht zeugen! Das hat sich Friedrich Nietzsche ausgedacht.Was ist die beste Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?Es gibt ihn. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, worin er liegt. Es gibt ein sinnerfülltes Leben, aber es gibt nicht den Sinn des Lebens. Man sieht Ihrer Frage gleich an, dass da etwas nicht stimmt. Wenn es den Sinn des Lebens gäbe und wir sagen könnten, das ist er, wäre das eine totalitäre Antwort und würde jegliche Freiheit und Kultur ersticken.Heilpflanzen für eine souveräne ExistenzWie kann ich ein besserer Mensch werden?Die vorrangige Weise, uns als Mensch zu verbessern, ist der Umgang mit Menschen, die besser sind als man selbst. Menschen, die einen in Tugenden leiten, die man selbst für erstrebenswert hält. Und man wird besser, indem man darüber nachdenkt, was Gutes ist, und diesen Einsichten dann folgt. Allerdings ist das eine sehr intellektualisierte Form des Besserwerdens. Ich glaube nicht, dass das im Alltag funktioniert.Eilenberger plädiert für «eine Konzentration auf die Dinge, die wir im eigenen Leben tun können».Ich fühle mich ohnmächtig. Spielt es überhaupt eine Rolle, was ich tue?Alles könnte anders sein, und ich kann nichts ändern. Das ist das moderne Befinden. Es hängt davon ab, auf welche Probleme Sie Ihre moralische Energie verwenden. Meine zugegeben etwas böse Beobachtung von politischen Aktivisten ist, dass manche sich grosse und hehre Ziele aussuchen, um sich von ihrer eigenen Verworfenheit in alltäglichen Dingen abzulenken. Mir scheint, ein Grossteil des politischen Aktivismus verdanke sich dieser existenziellen Ablenkungslogik. Ich plädiere eher für eine Nah-Ethik. Für eine Konzentration auf die Dinge, die wir im eigenen Leben tun können. Dass ich mein Kind rechtzeitig in der Kita abhole zum Beispiel.Elixiere für die LiebeIst mehr Liebe immer die Lösung?Wenn die Liebe auf Abhängigkeit und Selbstverlust beruht, auf keinen Fall. Wahre Liebe wäre vielleicht die Lösung. Aber Liebe ist ja etwas Unverfügbares. Slavoj Žižek sagt spitz, der Tendenz nach sei die romantische Liebe faschistisch.Warum denn das?Es ist eine ausgrenzende Zumutung, jemanden zu lieben: Warum ausgerechnet du? Warum soll ich mich ausgerechnet um dich kümmern? Es gibt ja so viele andere – womöglich bedürftigere.Wie weiss ich, dass ich wirklich geliebt werde?Nicht durch Fakten und gewiss nicht durch Hirnstrommessungen. Wenn mich ein Mensch fragte: Warum liebst du mich eigentlich?, würde ich mich sofort von ihm trennen. Nichts ist verdächtiger als Menschen, die nun eine Liste von Gründen aufführen! In einem spezifischen Sinn wissen Sie nie, ob Sie geliebt werden. Aber in einem anderen Sinn ist dies Ihr eigentliches Wissen. Die Gewissheit, geliebt zu werden, ist mitunter höher, als die, dass der Urmeter einen Meter lang ist.Ist Liebe eine Form der Mystik?Was ist das Seltsame an der Flamme? Wenn wir sie greifen wollen, entweicht sie uns. Aber die Flamme an sich ist nicht seltsam. Die Liebe und das Vertrauen sind wie die Flamme. Nichts daran ist rätselhaft. Aber es wird sehr rätselhaft, wenn wir sie zu fassen bekommen wollen.Was ist der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft?Das kann man phänomenal schon unterscheiden. Aber der Kern der Liebe ist der Satz: Ich will, dass du seist. Die unbedingte Bejahung der Existenz des anderen. Die findet man in allen Liebesverhältnissen, die ihren Namen verdienen.Kann ich einen anderen Menschen jemals verstehen?Klar. Die Frage ist, ob ich mich selber überhaupt verstehen kann. Warum sollte ich mich besser verstehen als Sie mich? Ich sende ja die ganze Zeit kommunikable Signale, die Sie interpretieren. Die Chance, dass ich mich selbst erkenne oder Sie mich erkennen, ist gleich hoch.Kann ich ohne Liebe leben?Ich kann ohne Liebe überleben.Pilze gegen die VerwirrungKönnte es sein, dass ich ein komplett falsches Leben führe?Das Phänomen, dass man das ganze Leben an sich vorbeilebt, wurde in der Philosophie immer wieder beschrieben. Nietzsche zum Beispiel spricht von Schlafwandlerexistenzen. Nie recht wach, nie recht bei sich. Viele Menschen sagen von sich, sie hätten ein Leben geführt, in dem sie sich nicht zu Hause fühlten. Denken Sie an eine homosexuelle Person, die ländlich aufgewachsen ist und sich in die konventionelle soziale Ordnung eingefügt hat. In dem vollen Wissen, dass ihr diese Ordnung, diese Existenz nicht entspricht.Könnte es sein, dass ich böse bin?Über die wahren, auch moralischen Antriebe unser selbst sind wir uns nicht vollständig im Klaren. Wir sind uns oftmals sogar fundamental im Unklaren darüber, was die Treiber unserer Handlungen sind. Manchmal kommt es vor, dass es einem andere Menschen sagen. Es sind Momente der Scham.Wenn die Ukraine russische Truppen zurückschlägt, freue ich mich. Indirekt freue ich mich damit über den Tod von Menschen. Ist das verwerflich?Nein. Aber man kann sich davon gedanklich distanzieren. Es verlangt viel, so einen Übersprung zu wagen, wie Simone Weil das nannte, und zu sagen: Die russischen Soldaten sind genauso Opfer dieses Krieges wie die ukrainischen. Wagt man diese Umstellung, zeigt sich, dass eine solche Freude Teil ebenjener Entmenschlichung des anderen ist, die Kriege überhaupt erst möglich macht.Beim Betrachten junger und schöner Menschen empfinde ich Freude, nicht so jedoch beim Betrachten alter oder dicker Menschen. Muss ich mich für dieses Gefühl schämen?Die Frage ist, inwieweit wir Affekte steuern können. Muss ich mich dafür schämen, dass ich mich vor Exkrementen ekle? Nein. Ich ekle mich davor, das ist ein sehr starkes Gefühl. Es gibt auch Leute, die sich ekeln, wenn sie sehen, wie sich zwei Männer küssen. Müssen sie sich dafür schämen? Ich glaube nicht. Aber sie könnten sich klarmachen: Mein Ekel ist einfach mein Ekel. Daraus sollte keine direkte Handlung erfolgen. Solch ein Ekel ist keine Grundlage, die guten Rechte anderer einzuschränken.Gibt es so etwas wie menschlichen Fortschritt?Wenn Ihr Sohn lernt, ein Wort zu schreiben, das er vorher nicht konnte, ist das Fortschritt. Völlig klar. Ob es den Fortschritt gibt, ist wie gesagt eine andere Frage.Kann man auch zu viel philosophieren?Ja, das kann man. Wenn ich an einem Weiher vorbeispaziere und sehe, wie ein Kind ins Wasser fällt und zu ertrinken droht, und wenn ich in diesem Moment noch darüber nachdenke, ob ich die moralische Pflicht habe, diesem Kind zu helfen, dann philosophiere ich definitiv zu viel.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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