NZZ LiveEin Gespräch über Resilienz, psychische Gesundheit und die Kunst, sich selbst zu begegnenBarbara Studer und Martin Inderbitzin27.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMartin Inderbitzin und Barbara Studer im Gespräch.Hirncoach AGEs gibt Gespräche, die man führt, weil man Antworten sucht. Und es gibt Gespräche, die man führt, weil die Fragen selbst bereits etwas in Bewegung setzen. Dieses hier gehört zur zweiten Kategorie. Barbara Studer und Martin Inderbitzin sind Neurowissenschafter. Barbara ist zudem Unternehmerin und versteht, wie man mit Druck und Veränderung umgeht. Martin selbst weiss, was es bedeutet, wenn das Leben abrupt stoppt. Er erkrankte vor dreizehn Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er hat überlebt und schreibt und redet heute viel über Resilienz. Beide haben sich getroffen, um über das zu sprechen, was das Gehirn in Krisen tut und was Menschen in Umbruchphasen wirklich hilft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unser Gehirn ist nicht das Problem – unsere Zeit ist esMartin beginnt das Gespräch: Wir leben in einer Zeit voller Krisen und Unsicherheit. Hat sich unser Gehirn in den letzten Jahrzehnten verändert, oder ist einfach unsere Welt anspruchsvoller geworden? Barbara antwortet nachdenklich: Unser Gehirn hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Evolution braucht Jahrtausende, keine Jahrzehnte. Was sich verändert habe, sei die Welt, in der dieses alte Organ zurechtkommen müsse. Wir tragen ein Gehirn in uns, das für das Leben in kleinen Gruppen gebaut wurde, für klare Bedrohungen und ausreichend Erholung, und setzen es heute einer Dauerbeschallung aus Informationen, sozialen Vergleichen, globalen Krisen und permanenter Erreichbarkeit aus. Martin hakt nach: Und was macht das mit uns im Kopf? Die Amygdala, unser Alarmsystem, springe an wie eh und je, antwortet Barbara. Cortisol wird ausgeschüttet, der Körper mobilisiert Energie für Gefahr. Nur hört die Gefahr heute nie mehr richtig auf. Sie ist digital, allgegenwärtig. Und das, sagt sie, sei neurobiologisch eine völlig neue Herausforderung. Was fehlt, ist heute oft genau das: die mentale Pause und die Erholung. Was sich zusätzlich verändert habe, sei unsere Aufmerksamkeit selbst. Studien zeigten, dass die Fähigkeit zur anhaltenden Konzentration in den letzten zwanzig Jahren messbar abgenommen habe. Aber nicht, weil wir dümmer geworden seien, betont Barbara, sondern weil wir täglich trainierten, abgelenkt zu werden. Viele Menschen sagen heute: Ich bin dauernd gestresst. Wann wird aus normalem Stress chronische Überlastung?, will Martin wissen. Kurzfristiger Stress ist nicht das Problem, er ist sogar hilfreich, meint Barbara. Cortisol und Adrenalin schärfen die Aufmerksamkeit, mobilisieren Energie, machen uns wach. Das Gehirn ist für akuten Stress gebaut. Das Problem entsteht, wenn der Stress nicht mehr aufhört. Wenn Cortisol dauerhaft erhöht ist und das Gehirn im Alarmmodus bleibt, beginnt das Gehirn sich selbst zu schädigen.Dem Kontrollverlust mit Impathie begegnenNun wendet sich Barbara an Martin: Stichwort Alarmsystem und Unsicherheit; damit umzugehen, ist nicht einfach. Wir erleben sie bei jeder Veränderung. Mit welchen mentalen Tricks beeinflusst du dein Bedürfnis nach Kontrolle? In Krisen richteten wir unseren Fokus oft auf äussere Faktoren und versuchten, sie irgendwie zu kontrollieren, obwohl das häufig gar nicht möglich sei, sagt Martin. Diesem Kontrollverlust begegnen wir dann mit To-do-Listen oder detaillierten Aktionsplänen. Meine eigene Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass es noch einen anderen Ansatz gibt, der oft viel hilfreicher ist. In ungewissen Zeiten sollten wir uns weniger fragen: Was muss ich jetzt tun? Und mehr: Wer will ich in dieser Situation sein? Wie möchte ich in diesem Sturm auftreten? Nach welchen Werten möchte ich handeln? Wie möchte ich meinen Mitmenschen begegnen? Wenn wir das Aussen nicht kontrollieren können, lohnt es sich, den Fokus nach innen zu richten. Daraus kann eine grosse Ruhe und Klarheit entstehen. Oft ist das viel hilfreicher als nervöser Aktionismus.Jede Krise ist eine Einladung, genauer hinzuschauenAber wenn wir von einer Krise getroffen werden, richtet unser Gehirn den Fokus automatisch auf die Gefahr und auf alles, was schiefgehen könnte, meint Barbara. Wie können wir da entgegenwirken? Mit einem Perspektivenwechsel, meint Martin. Anstatt ständig zu fragen: Warum ich? Warum jetzt?, können wir uns fragen: Was will mir diese Situation sagen? Jede Krise ist eine Einladung, genauer hinzuschauen. Das ist nicht immer angenehm, aber oft unglaublich wertvoll. Oft vergessen wir das, wenn wir im Krisenmodus stecken. Und wenn wir besonders mutig sind, können wir sogar die Champions-League-Frage stellen: Was ist gut an dieser Situation? Im ersten Moment wirkt diese Frage fast zynisch. Aber wenn wir sie wirklich ehrlich stellen, entdecken wir oft unerwartet positive Aspekte. Und das sagst du mit deiner Geschichte, das finde ich unglaublich beeindruckend, meint Barbara. Ja, es ist furchtbar, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, erwidert Martin. Und wenn ich könnte, würde ich alles dafür geben, diese Krankheit nie erlebt zu haben und immer noch erleben zu müssen. Gleichzeitig hat mich aber die Konfrontation mit meiner eigenen Endlichkeit gezwungen, mein Leben neu auszurichten. Ich habe eine neue Berufung gefunden und die letzten dreizehn Jahre unglaublich bewusst gelebt. Dafür empfinde ich grosse Dankbarkeit.Die bessere Alternative zum positiven DenkenWas sagst du als Hirnforscherin, was wird unterschätzt, was wird überschätzt, wenn es um die Stärkung der psychischen Gesundheit geht?, fragt Martin. Die Evidenz sei klar, antwortet Barbara bestimmt, es seien fünf zentrale Dinge: Schlaf, Bewegung, echte soziale Verbindung, Sinnerleben und die Fähigkeit, den eigenen Fokus und die Emotionen bewusst zu lenken und zu regulieren. Als Ressourcen dazu dienen auch Dinge wie Humor und Musik. Das klingt unspektakulär, ich weiss. Und genau das ist das Problem: Wir suchen nach ausgefeilten Techniken und übersehen die Basics, die neurobiologisch am stärksten und messbar wirken. Was überschätzt wird? Positives Denken, das über die eigentliche emotionale Realität hinweggeht. Viel gesünder ist die Emodiversität, also das Erleben, Wahrnehmen und Regulieren einer Vielzahl von Emotionen. Absolut, bestätigt Martin. Wenn du eine schwere Diagnose erhältst und dir jemand sagt: Du musst einfach positiv denken, dann hilft dir das nicht gross weiter. Im Gegenteil, manchmal fühlt es sich sogar völlig unpassend an. Wenn wir traurig, verzweifelt oder überfordert sind, können wir im Gehirn nicht einfach einen Schalter umlegen und plötzlich positiv denken. Viel hilfreicher ist es, wenn wir uns dort abholen, wo wir gerade stehen. Ich vergleiche das gerne mit einer Bergführerin oder einem Bergführer. Wenn jemand auf einer Bergtour erschöpft ist, dann sagen wir als Bergführer auch nicht: Reiss dich zusammen, und denk positiv. Wir fragen zuerst: Was brauchst du jetzt? Vielleicht eine Pause. Vielleicht etwas zu trinken. Vielleicht ein Seil. Genau so sollten wir uns selbst begegnen, wie eine Bergführerin oder ein Bergführer. Wir sollten unsere Sensorik schärfen und erkennen, wo wir stehen und was wir jetzt brauchen. Beide einigen sich auf einen Wunsch: dass die Menschen erkennen, dass Resilienz keine Eigenschaft ist, die man entweder hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit, die wir trainieren können. Die meisten Krisen beginnen nicht mit einer grossen Katastrophe, sondern mit kleinen Unsicherheiten im Alltag. Genau dort können wir lernen, gelassener zu werden, unsere Gedanken besser zu steuern und den Fokus bewusst zu lenken. Wer diese Fähigkeiten im Alltag trainiert, verfügt in den grossen Krisen über deutlich mehr innere Stabilität.«NZZ Live»-Veranstaltung: Sicher in der Krise: Wie bleiben wir unter Druck agil und leistungsfähig?Krisen und Unsicherheit prägen unseren Alltag. Barbara Studer und Martin Inderbitzin zeigen anhand von Forschung und Martin Inderbitzins Krebserkrankung, wie Resilienz entsteht und mental starkmacht.23. 8. 2026, 18 Uhr 30, Kaufleuten Klubsaal, ZürichTickets und weitere Informationen finden Sie hier.Passend zum Artikel