Steven Sasson ist erst Mitte 20, als er 1975 einen unförmigen Kasten auf den Tisch seiner Vorgesetzten in einem Büro in Rochester, New York, stellt. Mehr als dreieinhalb Kilogramm wiegt das Gerät. Es erinnert von der Form her an einen Toaster. Aber es ist eine neue Kamera – die weltweit erste, die ohne Film fotografiert.Der junge Ingenieur hat gerade die Zukunft der Digitalfotografie eingeläutet. Sein Arbeitgeber: die Eastman Kodak Company.Kodak beherrscht Mitte der 1970er-Jahre als Quasi-Monopolist mehr als 80 Prozent des amerikanischen Fotomarkts. Millionen Menschen halten ihre Urlaube, Geburtstage, Hochzeiten auf Kodak-Film fest.Fotografie für die breite MasseDen Grundstein dafür hat Kodak-Gründer George Eastman Ende des 19. Jahrhunderts gelegt, zu einer Zeit, in der Fotografie noch kompliziert und teuer ist: eine Beschäftigung, die Profis und Wohlhabenden vorbehalten ist. Eastman will das ändern. Im Jahr 1888 bringt der Unternehmer die erste Rollfilmkamera auf den Markt, mit der erstmals mehrere Fotos hintereinander gemacht werden können. Sie kostet etwa 25 Dollar. Vier Jahre später entsteht daraus das Unternehmen Kodak. Mit der Brownie im Jahr 1900 folgt der eigentliche Durchbruch: Die Ein-Dollar-Kamera kann sich jeder leisten und sie macht die Technologie massentauglich.Der Werbeslogan verspricht: „Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest.“ Kunden müssen also nur den Auslöser betätigen. Kodak entwickelt dann die Filme und übernimmt den Abzug der Bilder. Das ist so besonders, weil den Kunden damit der damals komplizierteste Teil des Fotografierens abgenommen wird. Die Kameras, die Kodak verkauft, sind ein wichtiges Standbein für das Unternehmen. Aber das große Geld verdient der Konzern mit Filmen, Fotopapier und der Entwicklung von Bildern.Kodak gelingt es sogar, den eigenen Markennamen in den Alltag zu tragen. In seinen Werbekampagnen prägt der Konzern dafür den Begriff „Kodak-Moment“. Gemeint ist ein besonderer, oft persönlicher Augenblick, der es wert ist, auf einem Foto festgehalten zu werden. Der Ausdruck wird im englischen Sprachraum schließlich so bekannt, dass er sich zu einer festen Redewendung entwickelt – bis heute.George Eastman gründete die Eastman Kodak Company. Foto: picture alliance / SZ PhotoAls Sasson seine Erfindung präsentiert, ist Kodak also längst ein erfolgreicher Konzern. Und Sassons Prototyp hätte eigentlich ein Grund zum Feiern sein müssen – die Kamera, die Schwarz-Weiß-Bilder auf einer Kassette speichert und fast 23 Sekunden für ein Foto braucht, revolutioniert die Fotografie in den folgenden Jahrzehnten. Doch er stellt mit seiner Innovation das Geschäftsmodell infrage, das Kodak bis dahin Erfolg verspricht.Dementsprechend verhalten reagiert das Management auf die Vorstellung. „Das ist süß – aber erzählen Sie niemandem davon“, sollen die Manager Sasson an dem Tag gesagt haben, wie er später der „New York Times“ berichtete.Sony, Nikon und Canon sind schnellerDas Unternehmen erkennt das Potenzial der Erfindung. Aber die Manager glauben, Digitalkameras seien zu schwer und zu langsam, die Fotos nicht hochwertig genug. Ihre Hoffnung: Bis die Digitalära kommt, werden noch Jahrzehnte vergehen. Genug Zeit, um das lukrative Geschäft mit Filmen und Fotoentwicklung noch lange zu genießen.Kodak liegt falsch. Das Unternehmen beginnt in den folgenden Jahren zwar, Milliarden in digitale Technologien zu investieren. 1991 bringt der Konzern mit der „DCS 100“ sogar die erste kommerzielle digitale Spiegelreflexkamera auf den Markt, setzt also erneut die Maßstäbe. In diesem Jahr erzielt Kodak auch einen Rekordumsatz von knapp 20 Milliarden Dollar. Bis Anfang der 2000er-Jahre gehört der Konzern weiterhin zu den größten Herstellern digitaler Kameras. Trotzdem ist das Unternehmen zu langsam – und jede verkaufte Digitalkamera schrumpft das Geschäft, das jahrzehntelang die Gewinne gesichert hat.