Das Lohrheidestadion in Bochum-Wattenscheid ist nicht nur Spielstätte des örtlichen Fußballklubs Wattenscheid 09, sondern inzwischen Deutschlands modernste Leichtathletikarena. Sie wurde zwischen 2023 und 2025 für rund 55 Millionen Euro umgebaut. Die Laufbahn ist inzwischen blau, wie jene im Berliner Olympiastadion. Hier, in Wattenscheid, zwischen dem schwarzen Fördergerüst der einstigen Zeche Holland und der Himmelstreppe der Halde Rheinelbe, war am Wochenende das Revier der Werfer, Springer und Sprinter. In jenem Bochumer Stadtteil, in dem die Ampelmännchen nahe dem Zentrum Steigerhut und Grubenlampe tragen, fand also die Generalprobe für die EM im August in Birmingham statt. Es war eine, um im Bild zu bleiben, Berg- und Talfahrt gleich mehrerer Athleten.Ein Zeckenbiss und seine FolgenGina Lückenkemper auf Platz drei im 100-Meter-Sprint, in 11,29 Sekunden? Nach 11,45 Sekunden im Vorlauf und 11,39 im Halbfinale? Das kann nicht der Anspruch der zweimaligen Europameisterin sein. Am Samstagabend kämpfte Lückenkemper dann mit den Tränen, als sie das Ergebnis zu erklären versuchte. „Ich hatte vor knapp vier Wochen einen Zeckenbiss am Hinterkopf. Diese scheiß Zecke hat echt ein paar Mal das Nervensystem gebissen“, sagte Lückenkemper: „Ich hatte unglaublich viel Trainingsausfall, musste Antibiotika nehmen. Die letzten vier Wochen waren deshalb eine absolute Achterbahnfahrt, weil ich überhaupt nicht wusste, was noch möglich ist.“ Eine Sommergrippe sei auch noch dazugekommen, „der Körper konnte sich einfach nicht mehr erholen“.Starten wollte die Titelverteidigerin Lückenkemper, die ohnehin keine besonders gute Saison hat (Jahresbestzeit 11,21 Sekunden), trotzdem bei ihrem Quasi-Heimspiel 70 Kilometer westlich ihres Geburtsortes Hamm. Doch dann lief Jolina Ernst vom örtlichen TV Wattenscheid 01 zum ersten DM-Titel ihrer Karriere. Nur drei Tausendstelsekunden dahinter landete U20-Athletin Emma Goretzka (LAC Berlin) auf Platz zwei. Für Lückenkemper bleibt ein kleiner Trost: Den EM-Startplatz hat sie sicher.Potyes PlatzwundeSchwer gezeichnet: Hochspringer Tobias Potye, der trotz seines Malheurs deutscher Meister wurde, allerdings mit eher bescheidenen 2,15 Metern. Axel Kohring/Beautiful Sports/ImagoHochspringer Tobias Potye sprang ab, 2,19 Meter sollten eigentlich kein Problem sein für den EM-Zweiten von 2022, es war sein zweiter Versuch. Doch dann prallte Potye, als er gerade die Latte zu überqueren versuchte, oben mit dem Kopf an den rechten Ständer. Dieser wackelte, die Latte fiel herunter, Potye zermalmte dann aus Wut seine Sportbrille – dabei hatte er noch gar nicht gemerkt, dass Blut an seiner Schläfe herunterlief. Eine ganz unglückliche Aktion war das, der 31-Jährige war schlicht etwas zu nah am Ständer abgesprungen. Ohnehin ist Potye verletzungsgeplagt, seine Leidensgeschichten ziehen sich durch sein ganzes Sportlerleben. Aber nun, immerhin: deutscher Meister! Verhältnismäßig magere 2,15 Meter reichten dem Münchner für seinen sechsten Titel in Serie vor dem höhengleichen Falk Wendrich, der einen Versuch mehr gebraucht hatte. Nach seinem Malheur brach Potye den Wettkampf ab, mit der Erkenntnis, dass er noch immer weitaus höher springen kann. Im Juni sind ihm 2,30 Meter gelungen.Die Hürde war nicht das HindernisStrauchelte in der Mitte des Rennens, kam aber als Erster ins Ziel: Karl Bebendorf. Philipp Stevens/Imago3000 Meter Hindernis, diese Strecke ist längst zu einem Schaufenster der deutschen Leichtathletik geworden, nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern. Viele hatten sich daher auf das Duell des EM-Dritten Karl Bebendorf gegen Frederik Ruppert gefreut, der Ende Mai einen neuen Europarekord aufgestellt hatte. Ruppert allerdings lief lieber die 5000 Meter, wurde dort deutscher Meister und ging Bebendorf aus dem Weg. „Das war schon gut so“, sagte Bebendorf, der mit Ruppert sehr eng befreundet ist, „es reicht, wenn wir dann bei der EM aufeinandertreffen.“ Und Bebendorf, der 30-jährige Dresdner? Er fiel in der Mitte seines Rennens abseits aller Hürden hin. „Fragen Sie mich bitte nicht, wieso es dazu kam, ich habe nur gemerkt, wie ich ins Trudeln kam und dann am Boden lag“, sagte er. Doch er rappelte sich auf, spurtete wieder in die Spitze und kam in 8:21:01 Minuten als Erster ins Ziel – sein siebter DM-Erfolg seit 2018. Nur 2024 hatte er den Titel abtreten müssen: an seinen Kumpel Ruppert.Über die 100 Meter flogen die Frauen hingegen nur so über die Hürden: Die deutsche Überraschungsmeisterin Franziska Schuster (TSV Bayer 04 Leverkusen) kam in sehr starken 12,69 Sekunden ins Ziel, egalisierte den Meisterschaftsrekord und lief so schnell wie keine deutsche Hürdensprinterin seit 2018. „Ich zittere immer noch“, sagte Schuster danach: „Über eine 12,80er-Zeit hätte ich mich gefreut. Aber das hätte ich nicht für möglich gehalten. Wir wussten alle, dass wir den deutschen Hürdensprint wieder nach vorn bringen können. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich dann diejenige bin, die vorangeht.“Springer und Werfer machen HoffnungEin Riesensatz auf 8,29 Meter: Weitspringer Simon Batz. Sven Hoppe/dpaSimon Batz flog und flog und flog – und landete im fünften Durchgang der Weitsprung-Konkurrenz bei regulären Bedingungen erst bei 8,29 Metern. 17 Zentimeter über seiner bisherigen persönlichen Bestleistung. „Unfassbar, bei den deutschen Meisterschaften so was zu springen“, staunte der 23-jährige Titelverteidiger von der MTG Mannheim, der bei den Olympischen Spielen in Paris Sechster geworden war – und sich mit seiner DM-Weite zum Medaillenkandidaten für die EM in Birmingham aufgeschwungen hat. „Die Tribüne am Weitsprung war unfassbar. Wir konnten die Energie wirklich aufsaugen“, sagte Batz. Zuletzt war bei einer DM sein Trainer Sebastian Bayer (8,49 Meter im Jahr 2009) weiter gesprungen.Im fünften Wurf zum DM-Titel: Shanice Craft. Sven Hoppe/dpaAuch andere Athleten weckten Hoffnungen für Birmingham: Der länger angeschlagene Speerwerfer Julian Weber hat, wenn auch mit eher soliden 82,60 Metern, seinen sechsten deutschen Meistertitel in Serie gewonnen, damit zog der Athlet des USC Mainz mit Klaus Wolfermann gleich. Bei der EM peilt Weber die 90-Meter-Marke an. Auch Shanice Craft vom SV Halle überzeugte, deren Diskus im fünften Durchgang auf 66,18 Meter geflogen war, so weit wie nie in dieser Saison. Auch die vor der DM von Adduktorenproblemen geplagte dreimalige EM-Dritte würde ihren Medaillensatz in England gerne erweitern.Am besten dann ohne Zeckenbisse, Stürze aus dem Nichts und plötzlich im Weg stehende Pfosten.
Leichtathletik-DM: Die etwas anderen Lattentreffer
Hochspringer Tobias Potye und Hindernisläufer Karl Bebendorf verteidigen ihre Meistertitel trotz kurioser Missgeschicke. Sprinterin Gina Lückenkemper wird Dritte – nach einem Zeckenbiss.















