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Nato: „Wir müssen der neuen Generation von Unternehmen klar sagen, welche Probleme sie lösen soll“ Mehr Drohnen, mehr Start-ups, mehr gemeinsame Beschaffung. Nato-Direktor Nikos Loutas erklärt im Interview, wie das Bündnis ihre Rüstungsproduktion beschleunigen will.

Produktion von Artilleriemunition. Foto: picture alliance / photothek.deAnfang Juli fand in Ankara der Nato-Gipfel statt. Der Gipfel war nach außen vom Ärger Donald Trumps über seine europäischen Verbündeten geprägt. Am Ende verabschiedeten die Nato-Staaten trotzdem eine gemeinsame Erklärung. Sie wollen unter anderem die Produktion und Beschaffung im Bündnis erweitern. Wie das konkret aussehen soll, erklärt Nikos Loutas, der Direktor für Innovation und hybride Bedrohungen bei der Nato, im Interview.WirtschaftsWoche: Herr Loutas, die Nato hat in Ankara das „Innovation Scale-up Package“ beschlossen. Das Paket stellt einen Instrumentenkasten bereit, um nicht-traditionelle Anbieter und Technologieunternehmen dabei zu unterstützen, ihre Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten zu skalieren. Warum braucht es das gerade jetzt?Nikos Loutas: Es gibt zwei Treiber. Erstens: Die Fähigkeitsziele und das Ambitionsniveau, auf die sich die Alliierten vor einem Jahr in Den Haag verständigt haben, lassen sich nicht allein mit klassischen Plattformen erreichen.Die Herausforderung ist so groß, dass wir zusätzliche Kapazitäten brauchen. Ein Teil der Anforderungen lässt sich schneller und effizienter mit neuen Technologien erfüllen, die von Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen stammen, die bisher nicht im Verteidigungsmarkt aktiv waren. Sie lassen sich schneller produzieren, haben sich unter anderem in der Ukraine bewährt und sind häufig günstiger. Gelingt diesen Unternehmen der Markteintritt und das Wachstum, hilft das unmittelbar dabei, unsere Ziele zu erreichen. Zweitens hat sich das Innovationsökosystem auf der Angebotsseite in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Viele Unternehmen können heute marktreife Produkte liefern, aber oft noch nicht in der nötigen Stückzahl. Die Streitkräfte brauchen jedoch verlässliche Lieferketten und Produktion im großen Maßstab. Genau diese Lücke soll das Scale-up-Package schließen.Foto: Privat Zur Person Dr. Nikos Loutas ist Direktor für Innovation in der Abteilung Defence Industry, Innovation and Armaments im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Bevor er zur Nato kam, arbeitete er für die Europäische Kommission und bekleidete mehrere Positionen in der Privatwirtschaft sowie in der Forschung. Er hat einen PhD in Informationssystemen abgeschlossen.Wo sehen Sie die größten strukturellen Schwächen in der Beschaffung?Zum einen bei den Kapazitäten. Der starke Anstieg der Verteidigungsausgaben überlastet vielerorts die Beschaffungssysteme. Die Beschaffungsvolumina steigen sprunghaft, doch Personal, Prozesse und IT-Systeme wachsen nicht im gleichen Tempo mit. Außerdem sind die Beschaffungsregeln der 32 Mitgliedstaaten nicht ausreichend harmonisiert. Das kann zur Fragmentierung führen und die gemeinsame Beschaffung erschweren.Nato in Ankara Rüstungsgipfel der Amerika-Deals In Ankara startet der Nato-Gipfel mit einem Forum der Rüstungsindustrie. Neben dem U-Boot-Abkommen mit Kanada gibt es Dutzende neue Geschäfte. Vor allem mit den USA. von Max BiederbeckWas beinhaltet das in Ankara beschlossene Paket konkret?Drei Elemente. Erstens: Wir müssen der neuen Generation von Unternehmen klar sagen, welche Probleme sie lösen soll – obwohl viele Anforderungen klassifiziert, also vertraulich, sind. Deshalb haben wir Wege geschaffen, zentrale Problemstellungen zu deklassifizieren und als öffentliches, verständliches Signal zu kommunizieren. Zweitens: Europa braucht deutlich mehr Wachstumskapital für Verteidigung, Sicherheit und Resilienz – nicht nur Venture Capital, sondern auch Kredite und weitere Finanzierungsinstrumente über die gesamte Kapitalstruktur hinweg. Deshalb enthält das Paket einen Call to Action an Finanzinstitutionen, stärker zu investieren. In den vergangenen Jahren sind in Europa bereits rund neun Milliarden Euro an Venture Capital in diesen Bereich geflossen. Angesichts der steigenden Verteidigungsausgaben reicht das jedoch nicht aus. Auf dem Gipfel in Ankara unterstützten zehn Finanzinstitutionen den Aufruf öffentlich, darunter unter anderem Banco Santander, Barclays, BNP Paribas, Citi, Deutsche Bank sowie der NATO Innovation Fund. Diese Gruppe hat zugesagt, zusammen rund 210 Milliarden US-Dollar in den Markt für Verteidigung, Sicherheit und Resilienz zu investieren.Rüstungsindustrie TKMS erhält offenbar Mega-U-Boot-Auftrag Thyssenkrupps Marinesparte TKMS sichert sich laut einem Medienbericht einen U-Boot-Großauftrag aus Kanada. Die Aktie reagierte prompt. Und drittens?Innovationen scheitern oft nicht an der Idee, sondern an der Fertigung. Für die Serienproduktion braucht es Kapazitäten, Qualitätsprozesse und Partner, die kurzfristig hohe Stückzahlen liefern können. Deshalb starten wir die Plattform „Nato Engine“. Dort können Hersteller freie Produktionskapazitäten anbieten, damit Start-ups, Innovatoren und kleine sowie mittlere Unternehmen ihre Produktion schneller hochfahren können.Bleibt Beschaffung am Ende nicht trotzdem national? Welche Anreize sollen Alliierten stärker in Richtung gemeinsamer Beschaffung bewegen? Die Vorteile liegen sowohl im Ergebnis als auch bei den Vorlaufkosten. Wer allein beschafft, trägt die finanziellen und administrativen Kosten des gesamten Prozesses und erzielt wegen kleinerer Bestellmengen oft schlechtere Preise. Außerdem können größere Bestellungen anderer Käufer bevorzugt werden. Bei gemeinsamer Beschaffung teilen Staaten den Aufwand, erzielen bessere Konditionen und werden häufig schneller beliefert.Wie tragen die Vereinigten Staaten zur gemeinsamen Beschaffung bei? Treten sie bei multinationalen Beschaffungen auch als Vertragspartner auf?Wie alle Nato-Verbündeten beteiligen sich die Vereinigten Staaten an der gemeinsamen Beschaffung, um die Arsenale der Alliierten zu stärken.Nato-Gipfel in Ankara Sie konnten die Trump-Show nicht verhindern von Max BiederbeckAuf dem Nato-Gipfel in Ankara wurde die Initiative „Drone Edge“ gestartet. Warum sind Drohnen und Drohnenabwehrsysteme für die Nato gerade so zentral?Drohnen sind gekommen, um zu bleiben. Sie ermöglichen Fähigkeiten, die früher nicht oder nur mit deutlich höherem Aufwand verfügbar waren. Außerdem lassen sie sich vergleichsweise leicht in großen Stückzahlen herstellen. Das haben uns die Erfahrungen in der Ukraine gezeigt. Gleichzeitig gilt: Wer Drohnen einsetzt, muss sich auch gegen Drohnen schützen können. Vorfälle an der Ostflanke haben die Dringlichkeit zusätzlich erhöht. Mit „Drone Edge“ senden wir deshalb eine klare Botschaft in drei Richtungen: an die Öffentlichkeit, dass wir Drohnen und den Schutz vor Drohnen sehr ernst nehmen; an potenzielle Gegner, dass wir Entwicklungen beobachten und Gegenmaßnahmen aufbauen; und an die Industrie, dass wir den Wert dieser Technologien erkennen und sie schneller in die Streitkräfte bringen wollen. Um die Drone Edge aufzubauen, planen die Alliierten in den kommenden fünf Jahren, rund 40 Milliarden US-Dollar in Drohnenabwehr zu investieren. Zusätzlich werden die Bündnispartner bis Ende nächsten Jahres fünfmal so viele Drohnenpiloten ausbilden.Ist die Ukraine in die Produktion eingebunden?Die Ukraine war eine wichtige Inspiration. Das Land betreibt selbst einen weit entwickelten und intensiv genutzten Marketplace. Zu konkreten Anbietern im Nato-Marketplace kann ich nichts sagen, weil die Beschaffung noch läuft. Grundsätzlich sehen wir jedoch, dass viele Drohnenunternehmen ihre Lösungen in der Ukraine erprobt haben. Außerdem arbeiten wir im Rahmen der Initiative „Unite Brave Nato“ an Co-Produktionsansätzen im Bereich Drohnenabwehrsysteme. Sobald diese Initiative später im Jahr konkrete Ergebnisse liefert, sollen die Lösungen voraussichtlich auch über den Marketplace verfügbar sein. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick