Eine «Bromance» mit Folgen: Wie die Beziehung zwischen Pierin Vincenz und Beat Stocker den Grundstein für die Affäre Raiffeisen legteIm August beginnt der Berufungsprozess gegen den ehemaligen Bankchef und seinen Geschäftspartner. Die beiden Hauptangeklagten waren lange freundschaftlich verbunden – bis Vincenz zu geldgierig wurde.26.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSFast neun Jahre sind seit der ersten Anzeige gegen Pierin Vincenz und seinen Geschäftspartner Beat Stocker vergangen. Trotzdem lässt die Affäre um die früheren Chefs der Raiffeisenbank und der Kreditkartenfirma Aduno auch heute niemanden kalt. Dies zeigt sich in Gesprächen mit ehemaligen Weggefährten und Mitarbeitern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während die einen das Urteil gegen die beiden als viel zu hart kritisieren, sind andere der Meinung, es brauche ein entschlossenes Vorgehen im Raiffeisen-Skandal. Alles andere wäre ein schlechtes Signal für den Finanzplatz Schweiz.Der Fall ist kompliziert: Allein das erstinstanzliche Urteil des Zürcher Bezirksgerichts umfasst rund 1200 Seiten. Dieses verurteilte Vincenz und Stocker im April 2022 gemeinsam mit anderen Beschuldigten. Pierin Vincenz erhielt für mehrere Delikte eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Beat Stocker wurde zu vier Jahren verurteilt. Der zentrale Vorwurf: Sie sollen heimlich an Firmenübernahmen mitverdient und damit ihre Arbeitgeber betrogen haben. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.Der Anti-Grossbanker und der BeraterDie einstige Freundschaft von Pierin Vincenz und Beat Stocker legte den Grundstein für die Affäre Raiffeisen. Wenn nun im August der Berufungsprozess vor dem Obergericht Zürich beginnt, geht es nicht nur um strafrechtlich relevante Vorwürfe wie Betrug, Veruntreuung und Spesenexzesse. Es geht auch darum, inwieweit Manager private und geschäftliche Interessen vermischen dürfen.Die beiden haben ihre Geschäfte in einer Grauzone betrieben. Deals wurden bei privaten Abendessen oder spätnachts bei Besuchen im Rotlichtmilieu beschlossen, während die Kosten dafür bei Raiffeisen landeten. Wie im erstinstanzlichen Urteil festgehalten ist, versagten dabei sämtliche Kontrollmechanismen – bei Raiffeisen genauso wie bei der Kreditkartenfirma Aduno.Dabei war das Gespann lange äusserst erfolgreich unterwegs. Unermüdlich trieb der leutselige Vincenz das Wachstum bei Raiffeisen durch Zukäufe und Übernahmen voran. Stocker hielt sich meist im Hintergrund, als Berater lieferte er aber die analytischen Grundlagen für die ehrgeizigen Pläne des Bankchefs.Vincenz führte die Genossenschaftsbank von 1999 bis 2015. In dieser Zeit wurde Raiffeisen zur grössten Anbieterin im Schweizer Hypothekenmarkt – und zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Grossbanken.Nach der Finanzkrise avancierte Vincenz zum beliebtesten Banker der Schweiz. Er sprach sich öffentlich für ein Ende des Bankgeheimnisses aus. Bei seinen Auftritten im TV inszenierte er sich als Mann aus den Bündner Bergen, ein Anti-Grossbanker. Kritik, etwa an seinen Helikopterflügen auf Kosten der Bank, redete Vincenz klein. Im Bündnerland würden auch kranke Kühe per Heli herumgeflogen. Die Lacher hatte er damit meist auf seiner Seite.Erfolgreiche Geschäfte mit KreditkartenVincenz und Stocker lernten sich 1999 kennen. Zur Initialzündung wurde eine Reise nach London. Für ihre neu gegründete Kreditkartenfirma Viseca (später Aduno) verhandelten sie mit Mastercard und Visa um Lizenzen. Nach zähen Verhandlungen gelang ihnen der Durchbruch, der feuchtfröhlich in einem Pub gefeiert wurde: «An der nächsten Verwaltungsratssitzung sagte Pierin, er sei stets allergisch gewesen gegen Berater, jetzt habe er aber erstmals erlebt, dass ein solcher etwas bewirken könne», sagte Beat Stocker 2022 in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag».Vincenz war neben seinem Amt bei Raiffeisen Verwaltungsratspräsident der Kreditkartenfirma. Stocker war von 1999 bis 2015 für die Firma tätig, von 2006 bis 2011 als Geschäftsführer. 2011 wurde Stocker zudem Berater bei Raiffeisen.Vincenz sei von Stockers analytischen und intellektuellen Fähigkeiten fasziniert gewesen, sagt ein ehemaliger Raiffeisen-Manager. Stocker dagegen fand in Vincenz einen genialen Geschäftemacher. Er sei «street-smart» gewesen und habe gleich beim Betreten eines Raumes gewusst, was er sagen müsse, bescheinigen frühere Weggefährten dem Bankchef.Stocker brachte die Ideen, Vincenz setzte sie um. Zwischen den beiden entwickelte sich ein reger Austausch. Sie besuchten sich regelmässig privat, einmal fuhren sie laut Gerichtsakten sogar gemeinsam in die Ferien. Der Anwalt von Pierin Vincenz beantwortete eine Anfrage der «NZZ am Sonntag» zur Beziehung der beiden nicht. Stocker wollte sich ebenfalls nicht zu Vincenz äussern.Bei der Kreditkartenfirma Aduno kam es auch zur ersten Übernahme, an der Vincenz und Stocker laut dem Gerichtsurteil heimlich mitverdient haben sollen. 2007 kaufte Aduno die Firma Commtrain, allerdings ohne dass der Verwaltungsrat wusste, dass sich Vincenz und Stocker zwei Jahre zuvor privat an Commtrain beteiligt hatten. In den Gesprächen sassen Vincenz und Stocker auf beiden Seiten des Verhandlungstisches. Ihre Beteiligung an Commtrain wurde erst zehn Jahre später öffentlich.Ständig knapp bei KasseFür das Bezirksgericht Zürich zeigte sich bei der Übernahme von Commtrain allerdings ein Muster, das die beiden bei weiteren Firmenkäufen anwandten. Erst, so die Überzeugung des Gerichts, beteiligten sich Vincenz und Stocker privat heimlich an Firmen, später verkauften sie diese zu ihrem eigenen Vorteil an Raiffeisen und Aduno.Im Prozess wiesen die beiden die Vorwürfe zurück. Ihnen sei es nicht um Bereicherung gegangen, sämtliche Transaktionen seien wirtschaftlich begründet gewesen. Sie hätten keine geheimen Absprachen unter sich getroffen. Stocker beschrieb sich vor Gericht als Unternehmer, der Risiken eingehe und Verantwortung übernehme – ihm gehe es um «skin in the game».Für Vincenz ging es aber immer mehr um Geld, wie sich frühere Weggefährten erinnern. Besonders als dieser begann, seinen Rücktritt als Raiffeisen-Chef zu planen. Dazu wollte er sich finanziell absichern. Als Bankchef verdiente er fürstlich, die Genossenschaftsbank zahlte ihm zwischen 2005 und 2015 insgesamt mehr als 38 Millionen Franken.Trotzdem war er damals ständig auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Weggefährten erlebten ihn zunehmend als getrieben. Er nahm Mandate in diversen Verwaltungsräten an, etwa bei der Helvetia Versicherung oder dem Derivatespezialisten Leonteq.Immer wieder bat Vincenz auch Stocker um Geld. So auch 2014, als im Zürcher Hotel Park Hyatt – das Gericht spricht in nobler Zurückhaltung von einem Streit zwischen dem Raiffeisen-Chef und einer Bekannten – das Mobiliar eines Hotelzimmers demoliert wurde. Vincenz einigte sich mit ihr auf eine Zahlung von rund 1,5 Millionen Franken. Stocker steuerte einen substanziellen Teil der Summe bei.Der verhängnisvolle HauskaufDoch das reichte nicht. Der Bankchef brauchte mehr Geld, um seinen barocken Lebensstil zu finanzieren. Raiffeisen gewährte Vincenz damals ebenfalls mehrere Kredite. Als Sicherheiten dafür hinterlegte der CEO seine Firmenbeteiligungen, Lebensversicherungen, Wertschriftendepots oder sogar seine Pensionskasse.2015, in seinem letzten Jahr als Bankchef, beliefen sich die Darlehen an Vincenz auf knapp 9,6 Millionen Franken. Der grössere Teil des Geldes stammte von der Genossenschaftsbank. Aber Stocker war ebenfalls mit einem weiteren Darlehen zur Stelle. Vincenz wollte eine Villa im Tessin kaufen. Das Geld dazu wollte er sich von seinem Geschäftspartner pumpen.Wochenlang diskutierten sie in Chat-Nachrichten im Sommer 2015 über die Modalitäten der Überweisung und tauschten verschiedene Versionen von Darlehensverträgen aus. Schliesslich überwies Stocker 2,9 Millionen Franken auf ein Raiffeisen-Konto von Vincenz und dessen Frau in Lugano.Das Bezirksgericht sah in den 2,9 Millionen Franken jedoch kein echtes Darlehen, sondern den verdeckten Gewinnanteil aus einer weiteren heimlichen Beteiligung von Vincenz und Stocker. Diesmal an der Private-Equity-Firma Investnet, die an Raiffeisen verkauft wurde.Doch eine ZweckgemeinschaftDass Vincenz ständig klamm war, belastete auch die Beziehung zwischen den beiden. «Können wir uns auch einmal treffen, ohne über Geld zu reden? Sonst komme ich nicht mehr!», schrieb Stocker 2016 in einer SMS an Vincenz, wie er später in einer Einvernahme der Staatsanwaltschaft sagte.Danach gefragt, ob sie die Beziehung zwischen den beiden als Freundschaft bezeichnen würden, sagen ehemalige Weggefährten, es habe sich eher um eine Zweckgemeinschaft gehandelt. 2015 hätte er die Frage, ob sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt habe, sicher bejaht, sagte Stocker 2022 in dem Interview: «Aber heute sehe ich es vielleicht etwas differenzierter. Uns verband wohl doch keine richtige Freundschaft, sondern vor allem das Geschäftliche und die Ideen, die wir entwickelten und teilten.»Der ehemalige Raiffeisen-Chef äusserte sich öffentlich nicht über Beat Stocker. Als ihre Beziehung bei den Befragungen durch die Staatsanwaltschaft thematisiert wurde, gab er einzig zu Protokoll: «Beat Stocker war für mich vor allem in geschäftlicher Hinsicht eine sehr wichtige Stütze.»Ganz voneinander distanzieren können sich die beiden nicht. Spätestens beim Berufungsprozess im August werden sich Vincenz und Stocker wieder gegenüberstehen. Dann wird auch ihr Verhältnis erneut Thema sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Pierin Vincenz und Beat Stocker: Die Bromance hinter der Affäre Raiffeisen
Im August beginnt der Berufungsprozess gegen den ehemaligen Bankchef und seinen Geschäftspartner. Die beiden Hauptangeklagten waren lange freundschaftlich verbunden – bis Vincenz zu geldgierig wurde.







