Eine ungewohnte Allianz: Linke engagieren sich für die Neutralitätsinitiative von Christoph BlocherMehrere linke Gruppen haben eine Kampagne für die Neutralitätsinitiative lanciert. Manche behaupten sogar, die Initiative gehe auf einen Linken zurück. Der SVP-Vordenker Christoph Blocher widerspricht.25.07.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSDie Neutralitätsinitiative ist Christoph Blocher, 85, derart wichtig, dass er selbst zum Hörer greift. Fast eine Stunde lang spricht er am Telefon darüber, wie die Initiative entstanden sei, wie er sich schon vor Jahren Gedanken dazu gemacht habe. Das Projekt liegt dem ehemaligen SVP-Bundesrat am Herzen, die Abstimmung im September wird vielleicht seine letzte grosse politische Schlacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Freitag wird Christoph Blocher an der Bundesfeier in Interlaken auftreten. Das Fest steht ganz im Zeichen der Neutralität: Die Tellspiele werden aufgeführt, die SVP-Prominenz wird auflaufen, und Christoph Blocher wird die Festrede halten. Der Titel: «Tell. Freiheit. Neutralität. Unser Weg seit 1291».Die Initiative galt bislang als rechtes Projekt. Sie will die Neutralität als «immerwährend und bewaffnet» in der Verfassung festschreiben. Die Schweiz soll zudem keinem Militärbündnis wie der Nato beitreten dürfen und keine Sanktionen gegen kriegführende Staaten mehr ergreifen – ausgenommen wären Sanktionen der Uno. Lanciert wurde die Initiative von Mitgliedern der SVP und der rechten Vereinigung Pro Schweiz.Doch nun erhalten die Rechten unerwartete Unterstützung von links. Kürzlich hat ein linkes Komitee seine Kampagne für die Initiative lanciert. Es nennt sich «pazifistisches und internationalistisches Komitee für die Neutralität» und umfasst neun Organisationen, darunter die Partei der Arbeit, die Kommunisten, die Schweizerische Friedensbewegung, die Vereinigung Schweiz-Kuba oder die Gruppe «Linksbündig», ein Zusammenschluss von Linken, der aus Kritik an den Corona-Massnahmen des Bundes entstanden ist.Diese Linken argumentieren hauptsächlich friedenspolitisch. Nur eine strikt neutrale Schweiz, die keinem militärischen Block angehöre, könne in der Welt vermitteln, Konflikte lösen, Frieden stiften. Die Initiative sei deshalb «Teil eines breiteren Friedenskampfes». Als Feindbild dient den Linksaussen-Aktivisten – wie seit Jahren – das westliche Verteidigungsbündnis Nato. Auf einem Abstimmungsflyer heisst es drohend: «Die Schweiz Mitglied der Nato? Und unsere Jugend an der Front?» Im Hintergrund ein kauernder Soldat in Vollmontur.Verständnis für PutinAuch das Sanktionsverbot, das die Initiative vorsieht, begrüssen die Linken. Sanktionen träfen primär die Bevölkerung in Ländern wie Venezuela, Nicaragua, Iran oder Kongo, sagen sie. «Riesige Bevölkerungsteile» würden getötet, weil ihnen Medikamente und Nahrungsmittel vorenthalten würden. Die Partei der Arbeit schreibt, die Übernahme «willkürlicher Sanktionen» habe «verheerende Folgen für die werktätigen Klassen».Die Schweiz soll also keine Länder bestrafen. Mehr noch: In einem «Aufruf von Linken und Grünen» für die Neutralitätsinitiative heisst es, die Schweiz müsse gegenüber allen Parteien «Verständnis und Dialogbereitschaft» aufbringen. Gegenüber allen? Also auch Verständnis für den russischen Machthaber Wladimir Putin, der die Ukraine überfällt? Für das iranische Regime, das die eigene Bevölkerung niederschlägt? Oder – im historischen Extremfall – für Hitlers Nazideutschland?Wolf Linder, ehemaliger Professor für Politikwissenschaft und Mitinitiator des Aufrufs, sagt: «Verständnis ist vielleicht das falsche Wort. Aber wer vermitteln will, muss beiden Seiten zuhören und versuchen, die Beweggründe beider Parteien zu verstehen.» Wichtig sei, zwischen der persönlichen und der staatlichen Ebene zu unterscheiden: «Als Privatperson darf man ausländische Regierungen selbstverständlich kritisieren, der Bundesrat aber sollte nicht zwischen guten und schlechten Staaten unterscheiden.»Wolf Linder ist seit mehr als fünfzig Jahren Mitglied der SP. Im Abstimmungskampf vertritt er allerdings eine andere Haltung als seine Partei. Die SP Schweiz bekämpft die Neutralitätsinitiative, die sie «Pro-Putin-Initiative» nennt. «Wer Aggressor und Opfer gleich behandelt, ist nicht neutral – er stellt sich auf die Seite des Stärkeren», sagte der SP-Nationalrat Fabian Molina einmal. Während der Debatte im Parlament hatte sich mit dem Ständerat Daniel Jositsch bloss ein Sozialdemokrat für die Initiative ausgesprochen – mittlerweile ist er aus der Partei ausgetreten.Trotzdem versuchen die Linksaussen-Aktivisten nun, die Wählerinnen und Wähler von SP und Grünen von ihren Argumenten zu überzeugen. Dabei behaupten sie sogar, die Initiative stamme nicht aus dem rechten, sondern aus dem linken Lager. Es sei der linksliberale Historiker und Gymnasiallehrer René Roca gewesen, der die Idee für die Volksinitiative gehabt habe.Wer hat’s erfunden?Der parteilose Roca bestätigt auf Anfrage, dass er nach dem Beginn des Ukraine-Krieges einen Text zur Geschichte der Schweizer Neutralität verfasst und an mehrere Personen verschickt habe, unter ihnen auch der Altbundesrat Christoph Blocher von der SVP. «Ich hatte bereits damals die Idee einer Volksinitiative im Hinterkopf», sagt er, «und Christoph Blocher ebenfalls.» Also hätten sie sich zusammengeschlossen und eine Arbeitsgruppe gegründet. Roca wurde später Mitglied im Initiativkomitee.Ist die Neutralitätsinitiative also ein Projekt von links?Der SVP-Vordenker Christoph Blocher widerspricht. Er sagt, er habe bereits in den 1990er Jahren mit dem Gedanken gespielt, eine Initiative zur Wahrung der schweizerischen Neutralität zu lancieren. Weil der Bundesrat ihm aber versichert habe, sich an diese zu halten, hätten er und seine Mitstreiter davon abgesehen. In den nuller Jahren hätten sich die Schweizer Behörden aber zunehmend in fremde Konflikte eingemischt. Endgültiger Auslöser für die Lancierung der Initiative sei die Reaktion der Schweiz auf den Krieg in der Ukraine gewesen.Der Bundesrat hatte direkt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 erklärt, keine Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Doch nur wenige Tage nach diesem Entscheid und nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland schloss er sich den EU-Sanktionen gegen Russland an. «Einem Aggressor in die Hände zu spielen, ist nicht neutral», sagte Aussenminister Ignazio Cassis damals.«Für mich war das der Moment, die Neutralitätsinitiative auszuarbeiten», sagt Christoph Blocher. Die Glaubwürdigkeit der schweizerischen Neutralität habe damals stark gelitten, und die Kriegsgefahr sei gestiegen. Den Initiativtext habe er gemeinsam mit anderen geschrieben. René Roca sei auch dabei gewesen, an eine Neutralitätsschrift von ihm könne er sich allerdings nicht erinnern.Dass nun linke Gruppen, die nichts mit der SVP zu tun haben, die Initiative unterstützen, nimmt Blocher zur Kenntnis. «Das stört mich nicht», sagt er. «Eigentlich müssten alle Parteien dafür sein.» Ein gemeinsames Abstimmungskomitee mache aber keinen Sinn. Zu unterschiedlich seien wohl die Beweggründe, warum Linke und Rechte die Initiative unterstützten.Das sehen offenbar auch die Linken so. Vergangene Woche lancierte ein weiteres, überparteiliches Komitee in Genf seine Kampagne für die Neutralitätsinitiative. Mit dabei war auch der Co-Präsident der Partei der Arbeit Alexander Eniline. Er sagte, die Präsenz der SVP in den eigenen Reihen sei «peinlich», die Arbeiterpartei werde eine von der SVP «streng getrennte» Kampagne führen. Eine Liebesallianz sieht anders aus.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel