PfadnavigationHomeWissenschaft„Nie zuvor erreicht“„Neuronaler Bypass“ lässt gelähmten Mann wieder greifen – und sogar fühlenStand: 07:41 UhrLesedauer: 4 MinutenKeith Thomas, der seit einem Schwimmunfall im Jahr 2020 mit einer Querschnittslähmung lebt, demonstriert nach der Implantation des neuronalen Bypass des Feinstein Institutes, dass er sogar delikate Objekte wie eine Eierschale wieder mit seinen Händen anheben kannNach einem schweren Unfall war Keith Thomas querschnittsgelähmt. Nun bildet ein Computer eine Brücke zwischen seinen durchtrennten Nerven. Was geschah, als die Forscher das Gerät nach Monaten abschalteten, grenzte an ein Wunder.Ein Mann, der nach einem Schwimmunfall vor sechs Jahren querschnittsgelähmt war, kann sich wieder selbst Nahrung zuführen und von einem Becher trinken. Möglich wurde dies durch ein Gehirnimplantat, das die Verletzungen in seinem Rückenmark überbrückt. Keith Thomas aus Massapeque im US-Bundesstaat New York erklärte sich im Jahr 2021 bereit, die Technologie auszuprobieren. Damals konnte er nicht einmal seinen Arm von seinem Rollstuhl heben. Nach der Operation, bei der Elektroden in sein Gehirn implantiert wurden, sowie monatelangem Training kann er jetzt seine Gliedmaßen wieder selbst bewegen.Mehr noch: Dank des „Neuro-Bypass“ hat Keith sogar einen Teil seines Tastsinns zurückerlangt, da das Gerät auch Nervensignale aus seinen Fingern zurück an sein Gehirn sendet. So konnte er wieder die Hand seiner Schwester spüren sowie das Fell seines Hundes. Lesen Sie auchErstaunlicherweise blieben die Fähigkeit, seine Hände zu bewegen, und sein Tastsinn teilweise auch dann noch erhalten, wenn das Gerät ausgeschaltet wurde. Die Technologie und das darauf aufbauende Training haben also einen Teil der ursprünglichen Nervenverbindung zwischen seinen Händen und seinem Gehirn wiederhergestellt. „Unser Team von Ingenieuren, Neurochirurgen und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Klinik hat etwas geschafft, das noch nie zuvor erreicht wurde“, sagte Chad Bourton, Professor am Institute of Bioelectronic Medicine am Feinstein Institute in New York, in einer Pressemitteilung. Er ist Hauptautor der im Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlichten Studie zu dem Versuch. Lesen Sie auch„Wir überbrücken nicht nur die Verletzung – wir verschalten tatsächlich das Nervensystem neu“, sagte Bourton. „Diese Arbeit gibt eine vielversprechende Perspektive für Millionen von Patienten, die derzeit mit Querschnittslähmung leben müssen.“Thomas brach sich im Juli 2020 den Hals bei einem Sprung in einen Swimmingpool. Der heute 42-Jährige verlor kurz darauf das Bewusstsein. Am nächsten Morgen konnte er sich nicht mehr bewegen.Im Oktober darauf begann er seine Teilnahme an der drei Jahre dauernden Studie. Die Forscher sprachen von einem „doppelten Neuro-Bypass“. Die Elektroden in seinem Gehirn registrieren, wenn er seinen Arm bewegen will. Das Gerät leitet die Signale dann an seinen Arm und in seine Hände weiter, um diese zu bewegen.In seinen Händen, Fingern und Daumen sitzen zudem künstliche Drucksensoren, die Signale an sein Gehirn zurücksenden und ein Tastgefühl simulieren. Für Thomas’ Gehirn ist damit ein grundlegender Kreislauf aus Wille, Bewegung und spürbarem Ergebnis wiederhergestellt. So konnte er sogar delikate Objekte wie Eierschalen anheben, ohne diese zu zerdrücken.Lesen Sie auchDie neuen Bewegungsmöglichkeiten wirkten sich spürbar auf Thomas’ Armmuskulatur aus. Innerhalb von 35 Wochen nahm die Kraft in seinem linken Arm um 62 Prozent zu, in seinem rechten Arm sogar um 86 Prozent. Zu Beginn der Studie konnte er seine Hände nicht zu seinem Gesicht heben. Nun war es ihm möglich, sich selbst an der Nase zu kratzen oder den Mund abzuwischen. Thomas sagte: „Die Technologie hat mir sowohl die Verbundenheit als auch das Gefühl für mich selbst zurückgegeben.“Das Forscherteam entwickelte eine Therapietechnik, die sie „Cortical Mirroring“ nannten, also frei übersetzt „Spiegeln der Sinneswahrnehmung“. Dafür nahmen sie Aktivitätsmuster von Thomas’ Gehirn auf, während er sich Tastempfindungen vorstellte. Anschließend spielten sie diese Muster über die Elektroden wieder in seinen sensorischen Kortex und stimulierten gleichzeitig die Nervenbahnen in seinem Rückenmark und seine Haut. Nach etwa 25 Wochen nahm Thomas in seinem rechten Handgelenk wieder Tastempfindungen wahr, ein Körperteil, das er seit seinem Unfall nicht mehr gespürt hatte.Diese Verbesserungen seiner Kraft und seines Tastsinns blieben im Verlauf der Studie auch Monate nach der therapeutischen Intervention erhalten. „Erstaunlicherweise fanden wir in einer kürzlichen Nachprüfung heraus, dass diese Gewinne auch mehr als zwei Jahre später noch vorhanden waren. Das ist unfassbar motivierend“, sagte Bourton. Bourton und sein Team wollen die Technologie nun weiter verbessern und möglicherweise auf Schlaganfallpatienten ausweiten.Ebenso hat das Team kürzlich eine weitere Studie abgeschlossen: Dabei nutzte Thomas sein Gehirnimplantat, um einem anderen Teilnehmer mit Rückenmarksverletzung bei der Bewegung seiner Hand zu helfen, während er selbst Empfindungen in den Fingerspitzen wahrnahm, wenn der andere Teilnehmer verschiedene Gegenstände berührte. Die Forscher nannten die Technologie, die hier im Video zu sehen ist, einen „zwischenmenschlichen neuronalen Bypass“.