Der Uber-Coup: Kriminelle haben mit einem Trick 1,5 Millionen Franken von dem Fahrdienstvermittler in der Schweiz erbeutetDie Spur der ausgeklügelten Betrugsmasche führt zu Drahtziehern in Ägypten. Doch die Ermittler in Zürich haben ein Problem.25.07.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenMit seiner App ist Uber in der Schweiz zu einer dominierenden Kraft geworden. Das hat auch Kriminelle auf den Plan gerufen.Michael Buholzer / KeystoneTariq Hedari ist in seinem Leben schon vieles gewesen. Buchhalter, Geschäftsführer, Verkäufer – und im Frühsommer 2021 plötzlich auch Teil einer Betrügerbande, die Uber mit einem ausgeklügelten Plan überlistet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund 1,5 Millionen Franken erbeuten die Betrüger zwischen Mai und Juni 2021 vom Schweizer Ableger des Fahrdienstvermittlers Uber. Die Geschichte führt dazu, dass der 50-jährige Hedari, der in Wirklichkeit anders heisst, und weitere Personen in der Schweiz in den Fokus der Ermittler geraten.Doch bei den Drahtziehern des Coups haben die Strafverfolger ein Problem. Das geht aus mehreren rechtskräftig gewordenen Strafbefehlen hervor, in die die NZZ für diese Recherche Einsicht genommen hat.Der Anruf des mysteriösen Herrn MansurIm Fall von Tariq Hedari beginnt alles im Mai 2021 mit einem Anruf von einem Kollegen, der in Ägypten lebt. Der Kollege macht Hedari mit einem Mann bekannt, der sich selbst als Hosin Mansur vorstellt. Ob das sein richtiger Name ist, bleibt unklar. Sicher ist: Herr Mansur macht Hedari ein lukratives Angebot.Wie die Zürcher Staatsanwaltschaft später in einem der Strafbefehle festhält, gibt sich Mansur als Chef von Uber für die «Emirate, Dubai und Bahrain» aus. Die beiden Männer telefonieren mehrfach. Herr Mansur sagt, er brauche einen Geschäftspartner, um in der Schweiz eine Firma mit dem Namen «Die Transporter» aufzubauen.Was er genau befördern will, erwähnt der Ägypter nicht.Misstrauisch wird Hedari nicht. Im Gegenteil: Er eröffnet am 11. Juni 2021 bei seiner Bank ein Konto. Zwei Wochen später gehen darauf plötzlich Dutzende Gutschriften von Uber ein. Insgesamt sind es Beträge in der Höhe von rund 83 000 Franken. Einen Grossteil davon überweist Hedari gleich weiter – auf Konten von Firmen in China und Hongkong. So wie es ihm der angebliche Herr Mansur aufgetragen hat.Einen Teil hebt der Zürcher in bar ab. Das Bargeld übergibt er in Winterthur einer Frau, die er zuvor noch nie gesehen hat. Und mit einem kleineren Betrag reist er im Juli 2021 nach Ägypten, um ihn dort einem Mann zu übergeben. Hedari ignoriert dabei Warnungen aus seinem Umfeld. Trotz hohen Geldsummen und riskanten Geschäften stellt ihm Herr Mansur erst spät einen Vertrag zu. Auch als sein Treuhänder nach Verträgen fragt und Erklärungen für die seltsamen Zahlungen verlangt, macht Hedari weiter.Ein raffiniertes SystemDas Geld, das auf Tariq Hedaris Konto landet, stammt aus einem gross angelegten Betrug. Wie dieser im Detail abgelaufen ist, darüber geben weder Uber noch die Staatsanwaltschaft Auskunft. Klar ist einzig, dass die Kriminellen den amerikanischen Fahrdienstvermittler mit einem ausgeklügelten System ausgetrickst haben.Dafür wurden fiktive Fahrten generiert, die anschliessend abgebrochen wurden. Das Geld für die Fahrten wurde daraufhin rückerstattet – und diese Rückerstattungen wiederum für weitere fiktive Fahrten genutzt, die dann an die vorgeblichen Fahrer ausgezahlt wurden. Die Gutschriften flossen schliesslich über diverse Konten ins Ausland. Konten, die Männer wie Hedari zur Verfügung stellten.Für den Betrug nutzten die Kriminellen eine Lücke in der App, mit der das Fahren für Geld in den letzten Jahren revolutioniert wurde. Die Fahrten mit Uber sind günstig, und die App ist so elegant konstruiert, dass wenige Klicks reichen, um eine Fahrt zu bestellen.Möglicherweise nutzten die Kriminellen den Umstand aus, dass über den Fahrdienstvermittler mittlerweile massenhaft Fahrten durchgeführt werden. Uber-Fahrer holen die Geschäftsleute, die Partygänger und die Nachtarbeiter ab. Fahren sie zum Klub, zum Termin, zum Gartenfest oder einfach nach Hause. Immer innert weniger Minuten da, meist für einen Bruchteil des Taxipreises. Uber hat seit seinem Eintritt in den Schweizer Markt immer weiter expandiert – trotz Kritik an seinem Geschäftsmodell und der Behandlung der Fahrer. Da fällt zunächst kaum auf, wenn Fahrten storniert werden.Über ein Konto transferieren die Kriminellen fast eine MillionHedari nutzt bald nicht mehr nur sein eigenes Konto, sondern auch das seiner Ehefrau, um Geldtransfers abzuwickeln. Schliesslich bittet er auch eine enge Freundin, ein Bankkonto zu eröffnen, damit er Geld aus Ägypten in die Schweiz holen könne. Er erzählt ihr, er wolle ein Restaurant eröffnen, könne das Geld aber nicht über sein eigenes Konto transferieren, um seine Sozialhilfe nicht zu gefährden.Als er ihr verspricht, sie könne später in seinem Restaurant arbeiten, gibt die Frau schliesslich nach. Auf Anweisung von Hedari macht sie auch gegenüber der Bank falsche Angaben. Sie behauptet, sie wolle mit finanzieller Unterstützung ihrer Familie ein Logistikunternehmen gründen. Und sie verfüge über ein weitreichendes Netzwerk, das sie Uber für ein Projekt zur Verfügung stelle. Auf Drängen von Hedari lässt sie schliesslich eine Firma im Handelsregister eintragen.Doch die Banken werden angesichts der Vielzahl seltsamer Gutschriften misstrauisch und verweigern teilweise die Überweisungen.Hedari und seine Freundin sind nicht die Einzigen, die für die Kriminellen zu Geldwäschern werden. Auch Ahmed Elsayed (Name geändert) wird am 5. Mai 2021 via Whatsapp von einem fremden Mann kontaktiert. Der Anrufer fragt den Kioskverkäufer aus Zürich, ob er mit seiner Gruppe zusammenarbeiten wolle. Man mache auf der ganzen Welt Einladungen an Fahrer und erhalte dafür von Uber einen Bonus.Elsayed sagt schliesslich zu, obwohl ihm der Verdacht kommt, das Ganze könnte nicht legal sein. Der Anrufer schickt ihm die Zugangsdaten für ein Kundenkonto bei der Krypto-Plattform Binance. Innerhalb von knapp zwei Monaten fliessen fast eine Million Franken auf Konten von Elsayed. Fast den gesamten Betrag leitet der Kioskverkäufer an die Krypto-Plattform weiter.Das Kundenkonto auf der Krypto-Plattform verknüpft er auf Anweisung seines Kontakts aus Ägypten mit seinem Bankkonto, so dass auch der Fremde Zugriff auf sein Konto hat. Elsayed muss die Transaktionen schliesslich lediglich noch mit einem per SMS erhaltenen Code bestätigen, wobei er diesen seinem Kontakt weiterleitet, damit dieser selbst die Bestätigung vornehmen kann.Die Spur der Uber-Betrüger verliert sich in ÄgyptenIm Juli 2021 entdeckt Uber schliesslich den Betrug, der Fahrdienstvermittler reicht Strafanzeige ein. Uber schreibt auf Anfrage der NZZ, man wolle sich nicht zum konkreten Fall äussern. Allgemein schreibt das Unternehmen: «Wir verfolgen Betrugsfälle auf unserer Plattform konsequent. Unser globales Sicherheitsteam überwacht permanent Aktivitäten, um potenziell kriminelles oder betrügerisches Verhalten auf Uber zu identifizieren.» Betrugsfälle leite man proaktiv an die Strafverfolgungsbehörden weiter.Die Zürcher Ermittler stossen während der Strafuntersuchung zwar auf Hedari und seine Freundin sowie auf Elsayed und drei weitere Personen, über die die Kriminellen Geld ins Ausland transferierten.Doch an die Namen der Drahtzieher hinter dem ausgeklügelten Betrug gelangen sie nicht. Möglicherweise auch deshalb, weil die Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden nur schleppend funktioniert. In einem der Strafbefehle hält die Zürcher Staatsanwaltschaft fest, man habe zu einer Bankverbindung in Ägypten bis heute keinerlei Informationen erhalten können.Auf Anfrage schreibt die Staatsanwaltschaft, man habe das Verfahren gegen die in Ägypten vermuteten Hintermänner inzwischen sistiert. Man habe ihre Identität bis jetzt nicht verifizieren können. Bis heute ist es gemäss Angaben der Staatsanwaltschaft zu keinen Festnahmen im Ausland gekommen.Und so bleibt im Dunkeln, wer die Drahtzieher wirklich sind.Immerhin drei Strafverfahren gegen Geldwäscher im Dienste der Uber-Betrüger konnten die Zürcher Ermittler fünf Jahre nach dem Millionen-Coup abschliessen, drei weitere sind noch im Gang. Die Untersuchungen gegen Tariq Hedari und Ahmed Elsayed sind rechtskräftig abgeschlossen.Weil sich die beiden Männer geständig zeigten, hat sie die Staatsanwaltschaft per Strafbefehl wegen Geldwäscherei verurteilt. Hedari hat eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken sowie eine Busse von 700 Franken aufgebrummt erhalten, Elsayed eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 70 Franken sowie eine Busse von 1700 Franken. Zudem werden knapp 34 000 Franken, die die Ermittler auf seinem Konto beschlagnahmt haben, an Uber herausgegeben.Im Strafbefehl hält die Staatsanwaltschaft fest, die Männer hätten zumindest annehmen müssen, dass die Gelder, welche Uber auf ihr Konto überwiesen habe, aus einem Verbrechen stammen könnten. Denn trotz grossen Geldbeträgen seien keine Verträge abgeschlossen worden, zudem seien phantastische Prämien versprochen worden.Während Hedari und Elsayed bestraft werden, könnte der Uber-Coup der ägyptischen Kriminellen ungelöst bleiben.Passend zum Artikel