Die Stadt des Lichts und der Liebe hat auch eine finstere und kühle Seite. Und vielleicht ist die gerade die lieblichere. In diesem Hitzesommer erinnern sich die Pariser daran, dass unter ihrer schönen Stadt eine zweite vergraben liegt, ein Geflecht aus verlassenen Metrostationen und unterirdischen Bahnhöfen, aus Katakomben und geschlossenen Straßentunnels, Stollen, Parkgaragen, Kellern. Und dass diese zweite Stadt im Untergrund im fortrasenden Klimawandel immer wichtiger werden könnte: als Zufluchtsort, wenn die Hitze oben nicht mehr zu ertragen ist, vor allem diese tropischen Nächte im Gesurre müder Ventilatoren.Die Pariser Stadtverwaltung beschäftigt sich mit dem Szenario „50 Grad im Jahr 2050“. Übersteht man das überhaupt? Wenn dieser Sommer eine Erkenntnis bringt, dann diese: Extreme Hitzewellen machen fast allen zu schaffen, sie ermatten, sie mindern die Hirnleistung. Am meisten trifft sie die Betagten, die Gebrechlichen. Und die, die unter den Zinkdächern von Paris wohnen, das sind viele, mehr als Hunderttausend Haushalte.Zink war billig und leicht, heute lassen sich die Dächer aber nicht beliebig isolieren.Als Baron Haussmann, der große Bauherr von Paris, die Stadt vor bald zweihundert Jahren mit dem nunmehr denkmalgeschützten Zinkgrau überziehen ließ, dachte er offenbar in erster Linie an die Kosten: Zink war billig und leicht. Nun gibt es Tage, an denen es in den kleinen Wohnungen und alten Zofenzimmern nicht mehr auszuhalten ist. 78 Prozent der Pariser Dächer sind Zinkdächer. Weil sie so dünn sind, lassen sie sich auch nicht beliebig isolieren oder begrünen. Klimaanlagen böten eine schnelle Kühlung. Aber sind sie eine gute Lösung?Und so wendet man sich jetzt also in der Verzweiflung dem Pariser Untergrund zu, dem Paris souterrain. Es gibt da unten zum Beispiel ein Dutzend Metrostationen, die entweder nie im Dienst waren oder stillgelegt wurden, weil sie nicht mehr gebraucht werden. „Champ de Mars“ ist so eine, Linie 8, geschlossen 1939. In manchen Geisterbahnhöfen hängen noch Werbeplakate von damals. Man könnte sie in Abkühlbunker umwandeln.Oder die Parkhäuser, früher gab es ganz viele davon: Paris war mal eine Autostadt, nun ist Paris eine Radstadt. Der von oben verordnete Ökowandel hat viele Autofahrer dazu bewegt, ihre Autos aufzugeben, die Tiefgaragen stehen leer. Die Parkplätze konnten umfunktioniert werden in Schlafkojen, mit Trennwänden. Während der jüngsten Hitzewellen sollen viele Pariser schon mal Pritschen in ihre Keller gestellt und darauf geschlafen haben.Das unterirdische Paris ist eine Welt voller Mythen und Legenden. Vielleicht auch einsturzgefährdet.Die Katakomben wären auch kühl, konstant 14 Grad, aber ob man da übernachten will? Es sind die weitläufigsten der Welt, untergebracht im imposanten Stollennetz unter der Stadt, dreihundert Kilometer lang. Die Gebeine von etwa sechs Millionen Parisern wurden dahin überführt, weil auf den Friedhöfen kein Platz mehr war. Paris souterrain ist deshalb eine Welt voller Mythen und Legenden. Einsturzgefährdet soll es auch sein.Aber wenn es sauheiß ist, träumt der Mensch nun mal besonders bunt. Die Nutzung des Untergrundes ist übrigens auch eine bürokratische Herausforderung: Es gibt dafür keine klaren Regeln. Was ist mit der Hygiene, was mit der Sicherheit? In der Not wäre man dann ja gerne schnell wieder oben, auch wenn es oben heiß ist.
Wenn es oben heiß ist, träumt Paris von seinen Katakomben
Stillgelegte Metrostationen, alte Bahnhöfe, leere Tiefgaragen – all das sind mögliche Orte für Abkühlung. Wie sich Paris auf noch heißere Sommer einstellt.









