Herr Herbig, in „Toy Story 5“ sprechen Sie zum dritten Mal die Cowboy-Spielzeugpuppe Woody. Diesmal spielt sich im Kinderzimmer ein echtes Drama ab. Ein manipulatives Kinder-Tablet namens Lilypad lässt das klassische Spielzeug plötzlich uralt aussehen. Was halten Sie als Vater von Tablets im Kinderzimmer?Ich will da jetzt nicht mit erhobenem Zeigefinger kommen und irgendeine Art von Moralpredigt halten. Alle Eltern haben das gleiche Problem. Mein Sohn ist mittlerweile 16 Jahre alt, und wir haben das glücklicherweise ganz gut geregelt. Wir haben unserem damals Dreijährigen kein iPad hingestellt und die Kopfhörer aufgesetzt, damit wir als Eltern beim Frühstück oder im Urlaub unsere Ruhe hatten. Das gab es bei uns nicht. Aber das sieht man leider oft. Dann vergessen die Kinder sogar das Essen, weil sie völlig stoisch auf diesen Monitor glotzen.Was war Ihr Alternativprogramm?Wir hatten halt Karten dabei, ein paar Buntstifte und haben am Tisch gemeinsam etwas gespielt. So richtig „old school“. Ich finde es immer noch erstaunlich, wie wir das Handy-Thema in den Griff bekommen haben. Unser Sohn hat erst mit zwölf Jahren sein erstes Handy bekommen. Als er zehn wurde, bekam ich mit, dass in seinem Freundeskreis schon die Ersten mit Smartphone unterwegs waren. Bisschen früh für meinen Geschmack. Also bestand die Herausforderung darin, ihm den Verzicht positiv zu verkaufen.Verraten Sie uns Ihren Trick?Ich habe ihn beiseitegenommen und gesagt: Hör mal, ich habe eine super Nachricht für dich. Halt dich fest. Wenn du zwölf bist, weißt du, was dann passiert? Dann bekommst du dein eigenes Handy! Das fand er richtig gut. In dem Moment hat er das so verinnerlicht, dass er auf Fragen, warum er noch kein Handy habe, ganz selbstbewusst und lässig antwortete: Ich bekomme meines mit zwölf. Die Diskussionen um Screentime und Tablets, das sind Themen, die in „Toy Story 5“ eine Rolle spielen und in denen sich viele Eltern wiedererkennen werden. Aber am Ende müssen die Eltern selbst entscheiden, ob sie mit ihren Kindern rausgehen, etwas unternehmen und mit klassischem Spielzeug gemeinsam spielen oder nicht. Bequemer ist es natürlich, Kinder vor einen Bildschirm zu setzen. Ob sie ihren Kindern damit einen Gefallen tun, stelle ich infrage.Sie sprechen Woody zum dritten Mal. Setzen Sie dabei auf Kontinuität, oder werden Sie uns überraschen?Na ja, man muss der Vorlage schon treu bleiben. Das ist ja vorgegeben. Die Originalversion kommt von Tom Hanks. Ich find’s irgendwie ganz schmeichelhaft für mich, wenn man meinen Namen in einem Atemzug mit Tom Hanks nennt. Ich habe mir nach sieben Jahren den vierten Teil noch einmal angesehen und festgestellt: Der klingt ja immer noch wie ich. Mache ich genauso wieder. Dann war ich zwei Tage im Studio und tue das, was der Synchronregisseur gerne hätte. Der hat in der Regel auch die Übersetzung geschrieben. Auch wenn ich einmal etwas anderes anbiete, bleibt da eher wenig Spielraum. Letztlich soll es dem Original entsprechen.Wir möchten Sie noch einmal in Ihr Kinderzimmer mitnehmen. Sie sind als Einzelkind aufgewachsen. Wie wichtig waren Ihnen Spielzeuge?Ich bin als Einzelkind mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Und in den Siebzigerjahren war das noch anders. Da wurden alleinerziehende Mütter oft auch ein bisschen schräg angeguckt. Aber eigenartigerweise fühlte ich mich nie wie ein Einzelkind. Ich war immer von Gleichaltrigen umgeben, in der Kinderkrippe, im Kindergarten, in der Tagesheimschule, Internat bis hin zum Wehrdienst. Ich kannte das gar nicht anders. Wenn ich dann aber einmal allein zu Hause war, dann hatte ich als Kind meinen Stoffhasen. Hatte ihn Hasi getauft, ziemlich kreativ.Wie lange hat Hasi Sie durchs Leben begleitet?Für Hasi habe ich sogar Betten aus Holz gebaut. Den hatte ich immer dabei, auch, als ich mit zwölf ins Internat kam. Dafür habe ich mich auch nicht geschämt. Ich habe es nie übers Herz gebracht, Hasi wegzuwerfen oder wegzugeben. Nach 30 Jahren habe ich ihn dann wieder aus der Kiste geholt und meinem Sohn geschenkt. Unter all diesen Stofftieren, die er dann hatte, hatte Hasi auch seinen Platz. Es gibt ihn immer noch. Mal gucken, vielleicht schafft er auch noch die nächste Generation.Von einem Komiker könnte man vermuten, dass er ein eher extrovertiertes Kind war.Komischerweise war ich ein paar Mal Klassensprecher. Ich konnte mir das nie erklären. Ich habe mich eher als wahnsinnig schüchtern in Erinnerung, gerade wenn es nach vorn an die Tafel ging. Da stieg mir wirklich das Blut in den Kopf, und ich bekam buchstäblich eine rote Birne. Auf der anderen Seite wurde viel gelacht und mir wurde auch bei späteren Klassentreffen immer wieder gesagt: Kein Wunder, was aus dir geworden ist. Das ist ein schönes Kompliment. Ich habe schon immer gerne in lachende Gesichter geschaut. Mit fünf oder sechs Jahren zog ich schon die Klamotten meiner Großmutter an und spielte für sie mit ihrem Stock den Charlie Chaplin. Wenn Menschen gelacht haben, hat mich das immer selbst glücklich gemacht, und das ist auch heute noch so.Wollten Sie deswegen Schauspieler werden?Ich stand für ein kleines Theaterstück zum ersten Mal vor Publikum im Klassenzimmer. Das hat mich total überwältigt. Da waren sie wieder, die lachenden Gesichter. Als ich dann wenig später meinen ersten Hitchcock-Film gesehen hatte, dachte ich allerdings, noch besser als Schauspieler zu sein, ist es, selbst Filme zu machen. Weil ich die Geschichte dann noch genauer erzählen kann. Ich kann mich nicht erinnern, dass es für mich irgendwann einmal eine Alternative dazu gegeben hätte.Der Hitchcock-Film war „Die Vögel“, und Sie waren zwölf Jahre alt. War das für Sie nicht eher verstörend als inspirierend?Hat mich nicht traumatisiert. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich nur die eine Hälfte des Films sehen konnte. Die andere Hälfte des Fernsehers war durch den Türspalt, durch den ich gelugt habe, verdeckt, und den Ton konnte ich auch nicht so gut hören. Trotzdem fand ich es faszinierend. Warum war das so spannend? Ich wollte einfach wissen, wie das geht. Wie macht man das? Wie bekommt man Leute dazu, dass sie mitfiebern? Das war mein Schlüsselerlebnis.Die Filmhochschule München hat Ihre Bewerbung abgelehnt. Niemand wollte Ihren Traum von einem Western finanzieren. Warum haben Sie trotz jahrelanger Ablehnung immer weiter gemacht?Es hat mir ja glücklicherweise keiner direkt ins Gesicht gesagt, dass man mich nicht wollte. Obwohl es natürlich auch nicht schön ist, wenn man einen Brief mit der Absage bekommt. Im Nachhinein hat mir das Scheitern allerdings massiv geholfen. Ich landete dann erst einmal beim Radio, und da habe ich sehr viel gelernt: Geschwindigkeit und Spontaneität, um Kino für die Ohren zu produzieren. „Der Schuh des Manitu“ musste ich dann selbst produzieren, weil es keiner machen wollte. Mit einem Filmstudio oder anderen Produzenten als Partner wäre es mit Sicherheit ein anderer Film geworden. Es gab viele Leute, die gesagt haben, das kannst du doch im Schwarzwald drehen. Wollte ich aber nicht. Ich wollte einen echten Western.Aus dem Scheitern lernt man also tatsächlich mehr als aus den Erfolgen?Das klingt vielleicht wie eine alte Floskel, aber da ist etwas dran. Der Erfolg ist vergänglich. Ich laufe jetzt nicht herum und finde mich großartig, weil ich vor 25 Jahren einmal den erfolgreichsten deutschen Film gemacht habe. Das ist abgehakt. Was zählt, ist immer das nächste Ding, das nächste Projekt. Du gehst immer zurück auf Los. Es ist wirklich nicht schön, wenn du einen Film machst, der nicht funktioniert. Aber ich merke dann, wo die Fehler gemacht wurden, was falsch lief. Es gibt Erwartungshaltungen, aber ich will die Leute eben auch immer ein bisschen überraschen.Wird es einen dritten „Manitu“-Film geben?Im Moment sehe ich den nicht, aber das habe ich ja auch beim zweiten Teil lange gesagt. Es gibt Tage, da kann ich es mir vorstellen und dann wieder nicht. Ich lasse mich einfach weiterhin inspirieren, und dann sehen wir weiter.
Interview mit Michael Herbig: „Das Scheitern hat mir massiv geholfen“
Zum dritten Mal spricht Michael „Bully“ Herbig den Woody in „Toy Story 5“. Im Interview erzählt er, wie es war, als Einzelkind aufzuwachsen, wann sein Sohn das erste Handy bekam und ob er einen dritten „Manitu“-Film plant.









