Der eine versinkt in Schwermut, der andere führt eine Affenarmee an: Die Sänger von The Cure und Gorillaz prägten das Paléo-Festival auf ihre je eigene WeiseRobert Smith und Damon Albarn geben mit ihren Weltbands zwei völlig unterschiedliche Konzertabende. Das Publikum haben die beiden Briten in Nyon sowieso auf ihrer Seite .Adrian Schräder24.07.2026, 13.00 Uhr5 LeseminutenRobert Smith von The Cure will sein Publikum nicht überwältigen, sondern in seine Welt hineinziehen. So auch am diesjährigen Paléo-Festival in Nyon.Jean-Christophe Bott / Keystone1976 entstehen zwei Geschichten. Am Genfersee findet die erste Ausgabe eines kleinen Folkfestivals statt. Im englischen Crawley gründen ein paar Jugendliche eine Band, aus der später The Cure wird. Fünfzig Jahre später sind beide noch da – grösser, berühmter und erstaunlich lebendig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zur ersten Festivalausgabe versammelten sich 1800 Menschen im Gemeindesaal von Nyon. Am Mittwochabend blickten rund 25 000 Besucherinnen und Besucher zur Grande Scène, um jene Band zu sehen, mit der inzwischen mehrere Generationen so viele Erinnerungen teilen, als gehörte sie zur eigenen Familie. Für The Cure war es bereits der vierte Auftritt am Paléo – nach Konzerten 1990, 1995 und 2019.Wenn The Cure ein Familienmitglied wären, dann wohl der kauzige Cousin. Derjenige, der konsequent sein eigenes Ding macht. Der nachts lieber durch Wälder streift, als früh ins Bett zu gehen. Der mit Muttis Lippenstift experimentiert, sich nie darum schert, was andere von ihm halten, und Wahrheiten ausspricht, die manchmal weh tun. Einer, über den man gelegentlich den Kopf schüttelt – und den man gerade deshalb ins Herz schliesst.Eine gespenstische PräsenzBevor Robert Smith überhaupt erscheint, rauscht minutenlang Regen über die Lautsprecher, Blitze zucken über die Videowand. Dann betritt er gemeinsam mit fünf Mitmusikern die Bühne. Statt zielstrebig ins Rampenlicht zu marschieren, bleibt er zunächst am Rand stehen. Er wandert langsam über die Bühne, wirkt beinahe, als suche er seinen Platz. Erst nach einigen Minuten steht er dort, wo alle ihn erwarten: in der Mitte. Exakt im richtigen Moment.Es ist eine kleine Szene, aber sie erzählt viel über diese Band. Robert Smith ist auch mit 67 Jahren noch genau jener kauzige Cousin. Er umschlingt seine Gitarre wie ein liebgewonnenes Lebewesen – und ist gleichzeitig gespenstisch präsent. Jede Note sitzt, der Sound ist glasklar. Er singt diese Songs noch immer mit jener Mischung aus Fatalismus und Präzision, die sie so unverwechselbar macht. Der Konzertbeginn wirkt wie ein gemeinsames Eingrooven.Fast wie ein Baukasten legen The Cure nach und nach offen, woraus ihr unverwechselbarer Sound besteht. Aus rollenden Basslinien. Aus den hohen Gitarrenmelodien, die Robert Smith darüberlegt. Aus einem Schlagzeug, das selbst die dunkelsten Songs nach vorne treibt. Und aus jenen etwas unschuldigen Keyboardklängen, die heute wie Relikte aus einer anderen Zeit wirken. The Cure können vieles sein: düster und schroff, verspielt und funky, manchmal aber auch eine Stadionrockband. Doch immer bleiben sie unverkennbar The Cure.Hingabe an die DunkelheitWer diese Band verstehen will, muss Simon Gallup beobachten. Der sogenannte Bad Wolf trägt seinen Bass auf Kniehöhe und lässt Groove um Groove über den Platz rollen. Während Robert Smiths Texte nach innen ziehen, zieht Gallups Bass nach vorne. Erst aus dieser Spannung entsteht das eigentliche Geheimnis von The Cure: Musik, die von Vergänglichkeit erzählt und den Körper trotzdem in Bewegung setzt. Kaum ein Song zeigt das eindrücklicher als «A Forest» aus dem zweiten Album «Seventeen Seconds». Die Band dehnt den Klassiker, ohne ihn zu verlieren. Das Publikum folgt ihr überallhin. Nicht in eine wilde Ekstase, sondern in einen gemeinsamen Sog.Das aktuelle Album «Songs of a Lost World» beginnt mit «Alone» und endet mit «Endsong». Genau so rahmen The Cure auch den Hauptteil ihres Konzerts am Paléo. Dazwischen liegen Lieder über Einsamkeit, Sehnsucht, Vergänglichkeit und Verlust. Robert Smith beschwört seit Jahrzehnten das Ende. Und doch tritt es nie endgültig ein. Jeder Abschied trägt bereits den Anfang von etwas Neuem in sich. Die Zugabe schlägt einen anderen Ton an. «Lullaby», «The Lovecats», «Friday I’m in Love», «Close to Me», «Why Can’t I Be You?» und «Boys Don’t Cry» gehören zu den grössten Pop-Songs der vergangenen vierzig Jahre.Und doch fehlt etwas. Wo andere Gruppen den Schluss in eine immer grössere Ekstase treiben würden, verweigern The Cure selbst im Triumph den Triumphgestus. Vielleicht ist genau das konsequent. Robert Smith will sein Publikum nicht überwältigen, sondern in seine Welt hineinziehen. Fast einlullen. So, wie ihn selbst seit Jahrzehnten die Dunkelheit einlullt.Als das Konzert endet, verschwindet Robert Smith genau so, wie er gekommen ist. Mit einem schüchternen Lächeln zieht er sich zurück, die Unterarme eng am Körper, als wolle er möglichst wenig Raum einnehmen.Die Guerillas des GutenEinen Abend später beginnt auf derselben Bühne das Gegenprogramm. Oder vielleicht doch nicht. Damon Albarn betritt die Bühne in Tarnkleidung, stellt sich stramm in die Mitte und salutiert. Die Gorillaz muten in ihren tarnfarbenen Bühnenoutfits wie die Guerillas des Guten an. Die Bühne bevölkern mehr als ein Dutzend Musikerinnen und Musiker, unter ihnen vier Backgroundsängerinnen und -sänger und Gäste wie die Rapper Bootie Brown, Posdnuos oder Yasiin Bey.Damon Albarn gibt den Anführer – aber mit Selbstironie. Auch am diesjährigen Paléo-Festival in Nyon begeistert er das Publikum.Jean-Christophe Bott / KeystoneAlbarn spielt den Anführer – allerdings mit einem ironischen Unterton. Seine Revue aus Hip-Hop, Dub, Soft-Disco, Elektro-Pop, Rock, indischer Sitar und Tablas wirkt auf ihre Weise pompös, aber nie geschniegelt. Immer wieder steigt Albarn in den Bühnengraben hinunter. Er klatscht Hände ab, sucht die Nähe des Publikums, fordert es mit Gesten zum Mitmachen auf und reckt die Faust.Wenn Robert Smith der kauzige Cousin ist, dann ist Damon Albarn das träumende Kind, das früh begriffen hat, wie kompliziert die Welt ist – und sich deshalb eine eigene gebaut hat. Die Gorillaz sind bis heute ebenso ein visuelles wie ein musikalisches Projekt. Jamie Hewletts Animationen gehören zu dieser Band wie Damon Albarns Stimme.Zu «On Melancholy Hill», dem Höhepunkt des Abends, treiben gezeichnete U-Boote und Quallen über die Screens. Hier offenbart sich auch, worin Albarns Genie liegt: Aus scheinbar kleinen Einfällen – einer Figur auf der Melodica, einem gepfiffenen Motiv, einem Kinderchor oder einem einfachen «La-la-la» – entstehen Pop-Songs, die grösser wirken, als ihre Bausteine vermuten lassen.Nur der Gesang ist fahrigAlbarns einziges Manko an diesem Konzertabend in Nyon ist, dass er dort, wo er selbst glänzen könnte, oft zu nonchalant bleibt. Sein Gesang und sein Spiel wirken stellenweise fahrig. Vielleicht gehört auch das zu seiner Rolle als ironischer Anführer dieser weltumspannenden Affenarmee.Auffällig bleibt, mit welcher Aufmerksamkeit das Publikum den beiden britischen Weltbands folgt. Es goutiert die langen Instrumentalpassagen von The Cure ebenso wie Albarns bewusst fahrigen Gesang oder die kleinsten musikalischen Einfälle der Gorillaz.Weder The Cure noch die Gorillaz treiben die Menge allerdings in jene kollektive Sing-Ekstase, die viele Festivalabende prägt. Das gelingt an diesem Wochenende vor allem den in der Deutschschweiz wenig bekannten frankofonen Künstlern Disiz und Theodora. Aus Zuhörerinnen und Zuhörern wird ein Chor. Dann singt das Festival.Passend zum Artikel