PfadnavigationHomeKulturZu wenig KriegerhandwerkMehr Scham als Ruhm – Der woken Übersetzerin ist Nolans „Odyssee“ zu wokeStand: 12:00 UhrLesedauer: 6 MinutenRegisseur Christopher Nolan und seine Frau und Produzentin Emma ThomasQuelle: Evan Agostini/Invision/dpaChristopher Nolans „Die Odyssee“ zieht massenhaft Besucher an. Doch viele Kritiker sehen darin eine verfälschende Modernisierung des uralten Mythos. Kritik kommt jetzt von unerwarteter Seite. Eine besondere Rolle spielt dabei der Hund des Helden.Die Übersetzerin Emily Wilson hat in den monatelangen giftigen Debatten, die der Veröffentlichung von Christopher Nolans „Odyssee“-Film vorangingen, die Rolle des Superschurken gespielt. Allzu gut passte sie mit ihrer Tätowiertapete auf den Armen und mit ihren roten Haaren, die laut „feministisch“ schreien, ins Klischee einer Frau, die alles tun würde, um einen der größten Helden der westlichen Literatur und Mythologie zu verkleinern – sogar den griechischen Originaltext verfälscht wiederzugeben.Nachdem Christopher Nolan durchblicken ließ, dass Wilsons Übersetzung eine seiner Quellen sei, war für viele das Urteil über den Film schon gefallen. Wilsons Entscheidung für die Übertragung der ersten Verse, Homers berühmt­e Anrufung der Muse, schien eine fatale Richtung vorzugeben. Sie lautet: „Tell me about a complicated man./ Muse, tell me how he wandered and was lost/ when he had wrecked the holy town of Troy.“Besonderen Widerwillen löste das Wort „complicated“ (kompliziert) aus. Es klingt doch arg nach modischem Mental-Health- und Beziehungsgebrabbel auf sozialen Medien: „Beziehungsstatus zwischen Odysseus und den Göttern: Es ist kompliziert“. Im altgriechischen Original wird Odysseus als πολύτροπος (polýtropos) beschrieben – wörtlich „vielgewandt“, „vielgereist“ oder „von vielen Wendungen“. Deutsche Übersetzer haben das Attribut des Odysseus im ersten Satz mit „vielgewandert“ (Voß), vielgewandt (Schadewaldt, Hampe) und „wandlungsreich“ (Steinmann) übersetzt.Lesen Sie auchVielleicht hat sich Wilson entschieden, polytropos mit einem Ausdruck aus dem Therapiejargon zu übersetzen, weil die Vorsilbe poly in der psychologischen Fachsprache so oft auftaucht: u. a. Polymorphe Perversion, polyamor, Polychronizität, Polytoxomanie und – besonders odysseushaft – polytrope Persönlichkeit. Vielleicht war es aber nur der moderne Drang, alles überdeutlich auszusprechen, was in der Poesie verschlüsselt und mehrdeutig gesagt wird.Mit der Entscheidung für Wilsons Text und ihren „complicated man“ schien festzustehen, dass auch Nolan vorhätte, den Helden der archaischen Griechenzeit zu einem Männlein mit moderner Psyche zu erniedrigen.Lesen Sie auchUm die Erregung darüber zu verstehen, muss man wissen, dass der Bezug auf die klassische Antike in konservativen Kreisen ein identitätsstiftendes Signal geworden ist. Überdurchschnittlich viele rechte Accounts in sozialen Medien haben römische Marmorköpfe im Profilbild, und es ist kein Zufall, dass der Autor dieser Zeilen bei X als „Speerzenturio“ firmiert. Das war ursprünglich ein selbstironischer Gag auf die Unteroffiziersposition im Redaktionsgefüge, aber politisch passt’s schon auch.Es geht bei dieser Debatte also nicht nur um Philologie. Mit der Entscheidung für Wilsons Text, so glauben die Kritiker, war die Bahn in den Charybdis-Strudel der Wokeness eingeschlagen. Wer Odysseus für „complicated“ hält, der muss auch Helena mit einer Schwarzen besetzen und den Helden Sinon von einem Transmann spielen lassen.Lesen Sie auchMit einem ziemlich guten Aphorismus hat der konservative Podcaster Matt Walsh die Vorbehalte auf den Punkt gebracht: „In ‚Apocalypto‘ versetzt Mel Gibson einen in die Gedankenwelt eines Maya vor 500 Jahren. In ‚The Northman‘ versetzt Robert Eggers einen in die Gedankenwelt eines Wikingers vor tausend Jahren. In ‚The Odyssey‘ versetzt Christopher Nolan einen in die Gedankenwelt einer linken Frau aus dem Jahr 2017.“ Wilsons Übersetzung, die mittlerweile eine Million Mal verkauft wurde, erschien 2017.Doch ausgerechnet Wilson kritisiert nun Nolan dafür, dass sein Film Odysseus in einer Weise darstelle, die mehr mit modernen Sentimentalitäten als mit griechischer Mythologie zu tun habe: „Ich möchte die Tatsache feiern, dass so viel mehr Menschen ‚Die Odyssee‘ überhaupt kennen und wieder an das Epos herangeführt wurden“, sagte sie der Associated Press. „Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass Christopher Nolan versuchte, alles hineinzupacken, während er Themen verfehlte, die für das Epos essenziell waren.“Wilson, eine Professorin für Klassische Philologie an der University of Pennsylvania, sagte, sie wolle zwar nicht wie eine „snobbistische“, kleinkrämerische Expertin wirken, die sich gegen jede Abweichung vom Originaltext sperrt. Doch sie hinterfragt eine Reihe von Auslassungen und anderen Entschlüssen – vom Fehlen der Götter Zeus und Poseidon auf der Leinwand (Athene wird von Zendaya gespielt) bis hin zur „inkohärenten“ Botschaft, die sowohl Krieg als auch körperliche Feigheit verurteilt. Sie empfand Penelopes Rolle als so stark ausgedünnt, dass dies „jede Möglichkeit gefährdet, an diese Ehe zu glauben“. Wilson meint auch, dass Teile des Films „die moderne Gefühlsduselei bedienten“. Insbesondere die Szenen mit Odysseus’ Hund Argos: „Bei einem Hund wird eben jeder schwach.“„Ein Film, der sich für Scham interessiert“Noch weiter ging Wilson in einem Interview mit Sara Ruhl, das für den Kanal des New Yorker Kulturzentrums „92NY“ auf der 92. Straße geführt wurde. Dort sagte sie: „Der Film zeigt einen Odysseus, der sich wegen der Dinge, die er im Krieg getan hat, sehr schlecht fühlt und Schwierigkeiten hat, diese auf eine sehr moderne, psychiatrisierte Art und Weise zu verarbeiten – und dafür sogar Medikamente braucht! Er scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, ein Krieger zu sein, und wir sehen ihn eigentlich nie wirklich viel Kriegerhandwerk ausüben. Nolan macht den Protagonisten zu einem sympathischen, typisch amerikanischen Helden; Homers Odysseus verlangt nach Ruhm, und er möchte Beute aus der Plünderung einer Stadt machen! Ich habe vergeblich nach einem Gefühl gesucht, dass dies ein Film über Ruhm sei. Dies ist ein Film, der sich für Scham interessiert, aber ich glaube nicht, dass er irgendein Interesse an Ruhm hat.“Ähnlich deutlich wurde Wilsons Übersetzer-Kollege Daniel Mendelsohn, dessen Übertragung der „Odyssee“ 2025 ebenfalls viel gerühmt wurde. Er kritisiert, dass der Grieche von dem britischen Regisseur einfach in der bekannten Nolan-Film-Maschine verwurstet wurde: Einer der prägendsten „Trickster“ des westlichen Kanons sei von dem Regisseur in genau jene von Schuldgefühlen geplagte Hauptfigur verwandelt worden, die man aus früheren Nolan-Filmen kenne.Lesen Sie auchMendelsohn schrieb in der „New York Review of Books“: „Dieser gequälte, von Schuld zerfressene Odysseus – beraubt jeglichen Humors, Witzes, Charmes und jeglicher Cleverness – ist ein Verwandter des gequälten Amnestikers aus ‚Memento‘, von Batman, von Oppenheimer; Männer, die von einer Vergangenheit geplagt werden, mit der sie auf unterschiedliche Weise ringen. Nolan hat Homers Helden lediglich nach seinem eigenen Ebenbild neu erschaffen.“Das tieferliegende Problem könnte allerdings sein, dass es sich hier nicht nur um das Ebenbild von Nolan handelt. Sondern dass Nolans genannte Helden lediglich Stellvertreter einer angeschlagenen westlichen Kollektivpsyche sind. Denn die Neigung, Helden als vergrübelte, pennerbärtige, schwer unter der Last ihrer Scham ächzende Typen neu zu erfinden, hat Nolan ja nicht exklusiv.Ein anderer Konservativer, Eduard von Habsburg, Spross der Kaiser-Dynastie und ehemaliger ungarischer Botschafter beim Vatikan, schrieb auf seinem vielfrequentierten X-Account: „Gibt es im modernen Kino ein Gesetz, dass alle Helden heutzutage alt, bitter, voller Selbstzweifel und gebrochen sein müssen? Oder liegt das einfach daran, dass viele Boomer alt, bitter, voller Selbstzweifel und gebrochen sind? Oder weil wir keine männlichen Helden mehr haben dürfen?“Die Frage ist natürlich rhetorisch. „Wir“ „dürfen“ dürfen das längst nicht mehr. So will es das Gesetz des Kunstfilms – obwohl nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs über die potenzielle Rückkehr des heldenhaften Mannes philosophiert wurde. Was die Odyssee-Übersetzer so erzürnt, ist, dass nun sogar die Griechen es auch nicht mehr „dürfen“, bzw. dass wir uns die Ohren vor den Gesängen verstopfen, mit denen eine andere, ältere Zivilisation ihre Helden gefeiert und unsterblich gemacht hat.WELT-Redakteur Matthias Heine hat die Geschichte des Odysseus mit Gustav Schwab und Johann Heinrich Voß kennengelernt.