Am Donnerstag hat der Bundeskanzler viel telefoniert. Offiziell standen keine Termine an, Friedrich Merz konnte sich also der Suche nach einem neuen Chef für das Bundeskanzleramt widmen. Die Entscheidung steht allein ihm zu, anders als beim Fraktionsvorsitz, bei dem er sich mit Markus Söder abstimmen musste. Jetzt aber geht es um einen CDU-Ministerposten. Die Stelle des Kanzleramtsministers gehört zum engsten Vertrauenskreis eines Kanzlers, niemand im Kabinett arbeitet so intensiv mit ihm zusammen – hat dadurch allerdings auch deutlich weniger Spielraum zur Selbstverwirklichung. Mindestens zwei Kandidaten gibt es, die für das Amt in Frage kommen.Viel Macht verbindet sich dabei mit enormer Arbeitsbelastung, schon wegen der Abstimmung in der Regierung, mit dem Koalitionspartner, der Fraktion und den Bundesländern. Das findet nicht jeder in der Union attraktiv. Ein Kandidat oder eine Kandidatin muss also auch erst mal zusagen. Oder sich vom Kanzler in die Pflicht nehmen lassen.Wohl auch deshalb dauerte die Suche länger als im Fall der Fraktionsführung – auch wenn die offizielle Begründung dafür am Mittwochnachmittag eine andere gewesen war: Der Respekt vor der Fraktion und dem wichtigen Amt des Vorsitzenden verlange es, dass die Aufmerksamkeit jetzt allein dieser Personalie gelte, hieß es aus Regierungskreisen. Einig schlugen die Vorsitzenden von CDU und CSU in der Schalte mit dem Fraktionsvorstand kurz zuvor Thorsten Frei vor. Die Frage, wer an Freis Stelle das Kanzleramt führen soll als Chef, blieb offen.Wohl zwei bedenkenswerte KandidatenOder als Chefin? Das war da nämlich noch nicht entschieden. In der Schalte mit der Fraktionsführung versicherte Friedrich Merz nach Teilnehmerangaben nur: Die Entscheidung falle zeitnah. In Berlin wurde nicht ausgeschlossen, dass zeitnah bedeutet, dass die Namen noch am Donnerstagabend oder Freitag bekannt werden könnten.Bei allen Namen, die bei Gesprächen in Unionskreisen erst aufgeworfen und nicht selten auch im nächsten Satz aus diversen Gründen gleich wieder verworfen werden, hatten sich allerdings in den vergangenen Tagen zwei Kandidaten herauskristallisiert, die zumindest zu bedenken sind: Carsten Linnemann und Nina Warken. Denkbar könnte demnach ein Wechsel von Warken ins Kanzleramt sein und von Linnemann ins Gesundheitsministerium. Über eine dann nötige Nachfolge im Amt des Generalsekretärs wird auch schon spekuliert in der Partei. Betonung: spekuliert. Alles hängt an der Entscheidung des Kanzlers.Dass Linnemann für einen Posten im Kabinett gehandelt wird, überrascht nicht. Überraschend war es vielmehr, dass er nach der gewonnenen Bundestagswahl nicht den Weg ins Kabinett gegangen ist. Angeblich, weil das von ihm bevorzugte Arbeits- und Sozialministerium an die SPD gefallen war. Als Generalsekretär blieb Linnemann aber im gar nicht so großen Kreis der Kandidaten für die ganz wichtigen Aufgaben in der Regierung Merz.In diesem Kreis hat sich zuletzt auch Warken hochgearbeitet. Ganz unabhängig davon, wie die Besetzung im Kanzleramt geregelt wird, haben die vergangenen Tage doch deutlich gemacht, wie wichtig sie für die CDU geworden ist. Nur auf den ersten Blick scheint das überraschend. Als sie Bundesgesundheitsministerin wurde, gab es zunächst skeptische Töne, schließlich war sie vorher nicht durch gesundheitspolitische Expertise aufgefallen.Warkens großer Erfolg für die KoalitionFachexpertise müssen Minister aber auch nicht mitbringen. Schwerer wog, dass bei den anstehenden Entscheidungen zu den Krankenhäusern, zur Pflege und Krankenversicherung klar war, dass Warken würde sparen und streichen müssen und sich damit viele Gegner machen würde. Noch schwerer wog, dass sich erst mal auch noch alle gedulden mussten, bis die Finanzkommission Gesundheit im März ihre Vorschläge präsentierte. Bis dahin war schon eine erhebliche Unruhe entstanden in Berlin. Und Unzufriedenheit.Auf den zweiten Blick allerdings hat Warken, nachdem der Kommissions-Bericht erschienen war, trotz erheblicher Widerstände die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung bis zur Sommerpause des Parlaments durchgebracht und damit einen der großen Erfolge der Koalition in diesem Jahr errungen. Das rechnen ihr viele in der Union hoch an. Sie musste die SPD mitnehmen, die Länder einbinden, eine mehrheitsfähige Reform vorlegen. Alles, was auch zur Arbeitsbeschreibung eines Kanzleramtsministers gehört.Zudem ist Warken in der Partei nicht nur gut vernetzt, sondern schon im engeren Führungskreis angekommen. Sie sitzt im CDU-Präsidium, gewählt auf dem Parteitag im Februar mit guten 82 Prozent, und hat sich per Kampfkandidatur im vergangenen Jahr mit dem Vorsitz der Frauen Union (FU) ihre ganz eigene Machtbasis gesichert.Die Frauen spielten in den Tagen und Stunden vor dem Spahn-Rücktritt auch eine wichtige Rolle. Es war ein FU-Antrag auf dem Parteitag im Februar, mit dem die CDU ihre Ablehnung auch von nichtkommerzieller Leihmutterschaft bekräftigt hatte. Und nach der Nachricht, dass Spahn per Leihmutter in Amerika Vater geworden war, zog Warken eine FU-Vorstandssitzung auf den Freitagabend vor, bei dem das Meinungsbild einhellig gewesen sein soll: Mit Spahn gehe es nicht mehr. Es kam Warken zu, dieses Meinungsbild dem Kanzler zu übermitteln.Klarer zeichnete sich immerhin am Donnerstag ab, dass für den oder die neuen Minister die Bundestagsabgeordneten nicht zu einer Sondersitzung für die Vereidigung in den Bundestag berufen werden. Die Unionsfraktion strebt das jedenfalls nicht an, heißt es aus deren Führung, mit der SPD soll man sich abgestimmt haben – auch aus den Reihen der Grünen wurde sich dementsprechend geäußert. Die Rechtsmeinung ist dazu zwar nicht eindeutig, aber man geht bei der Union davon aus, dass eine Vereidigung auch nach der Sommerpause möglich ist.So müssen wohl nur die Unionsabgeordneten ihren Urlaub unterbrechen, um am Mittwoch Frei zu ihrem Vorsitzenden zu wählen. Weil im Fraktionssaal umgebaut wird, trifft man sich im Plenarsaal unter der Kuppel. Mindestens die Hälfte der Abgeordneten müssen kommen, damit eine gültige Wahl möglich ist – weit mehr werden nach den bisherigen Rückmeldungen erwartet. Um 14 Uhr geht es los, Punkt eins der Tagesordnung gehört dem Bericht des Interimsvorsitzenden Alexander Hoffmann (CSU), bevor Merz und Söder zu den Abgeordneten sprechen. Dann wird gewählt.
Bundeskanzleramt: Folgen Warken oder Linnemann auf Frei?
Einen neuen Fraktionsvorsitzenden hat Merz gefunden, jetzt sucht er einen Kanzleramtschef. Oder eine Chefin. Zwei Namen werden immer wieder genannt.












