Der deutsche Kanzler Merz braucht schnell einen neuen Kanzleramtschef: Entscheidet er sich für einen loyalen Diener oder einen Machtpolitiker?Vom Kanzleramtschef hängt der Erfolg des Regierungschefs ab. Öffentlich geäussert hat sich Merz noch nicht. Intern werden bekannte Christlichdemokraten wie Generalsekretär Carsten Linnemann und Gesundheitsministerin Nina Warken ins Spiel gebracht.23.07.2026, 16.10 Uhr4 LeseminutenMiteinander vertraut: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (rechts) und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann.Clemens Bilan / EPA«Zeitnah» will sich der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz für einen neuen Kanzleramtschef entscheiden. Mehr als diese Selbstverständlichkeit erfuhr der Fraktionsvorstand von CDU und CSU in einer am Mittwoch abgehaltenen Schaltkonferenz nicht. Merz hält sich bedeckt mit der Suche nach einem Nachfolger seines Kanzleramtsministers Thorsten Frei, der Unionsfraktionschef werden soll. Dabei ist die entscheidende Frage: Setzt Merz vorrangig auf einen loyalen Vertrauten oder will er die Machtachse wieder in Richtung Kanzleramt verschieben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frei soll am kommenden Mittwoch in einer Sondersitzung zum neuen Fraktionschef von CDU und CSU gewählt werden. Spätestens dann verlangen die Abgeordneten eine Entscheidung.Es kursieren eine Reihe von Namen, die in Personaltableaus in der Unionsfraktion hin- und hergeschoben werden. Der bisherige Unionsfraktionschef Jens Spahn trat nach heftiger Kritik Ende vergangener Woche zurück. Er und sein Mann hatten in den USA die Dienste einer Leihmutter in Anspruch genommen, um Eltern zu werden. Diese Praxis ist in Deutschland verboten. Spahn hatte jeglichen Rückhalt verloren, auch weil die CDU auf dem Parteitag im Februar ihre Ablehnung gegen eine Leihmutterschaft bekräftigt hatte.Für den Kanzler hat sich mit dem Rücktritt von Spahn jedoch überraschend eine Chance aufgetan. Er könnte sein Kabinett weitgehender als geplant umbilden und damit ein Signal der Stärke aussenden.Ein starker Kanzleramtsminister würde auch die Macht wieder zu Merz lenken. Unter der Führung von Spahn emanzipierte sich die Unionsfraktion, früher als «Kanzlerwahlverein» verspottet, zum eigentlichen Entscheidungszentrum von Schwarz-Rot.Neuer Kanzleramtschef soll Regierungserfahrung habenBei einer kleinen Lösung spielt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann wohl eine wichtige Rolle. Viele Unions-Abgeordnete gehen davon aus, dass Linnemann in die Regierung wechseln könnte – entweder als Kanzleramtschef oder als Gesundheitsminister. Voraussetzung ist allerdings, dass Linnemann überhaupt will. Denn eigentlich wollte Linnemann in der schwarz-roten Koalition Arbeitsminister werden, das Amt beanspruchten allerdings die Sozialdemokraten für sich. Als ihm dafür das Gesundheitsministerium angeboten wurde, schlug er aus.Linnemann gilt als einer der wenigen Vertrauten des Kanzlers. Das wäre sein grösster Vorteil. Doch es gibt ein entscheidendes Defizit, das nach Lesart seiner Kritiker auch Thorsten Frei im Kanzleramt zum Verhängnis wurde: fehlende Regierungserfahrung. Linnemann hat sich in der Fraktion als Fachpolitiker und als Manager in der Parteizentrale profiliert. Erfahrungen in der Regierungsarbeit hat er aber nicht.Das oft als chaotisch wahrgenommene Agieren des Kanzleramts unter Thorsten Frei wurde von Unionsabgeordneten gerade auf dieses Manko zurückgeführt.Machtzentrale Kanzleramt könnte gestärkt werdenÜberraschend häufig wird ein weiterer Name für das Kanzleramt genannt. Zum engeren Beraterteam von Merz gehören nur Männer, so ganz kann sich der Kanzler aber bei der Frauenquote nicht wegducken. Auch das könnte ein Kabinettsumbau ändern.In den vergangenen Wochen lobte Merz das «hochprofessionelle» Agieren von Gesundheitsministerin Nina Warken, die auch Vorsitzende der Frauen-Union ist. Immerhin war es Warken mit der Gesundheitsreform, die den Kanzler vor dem Debakel bewahrt hat, ohne eine der wichtigen Sozialreformen in die Sommerpause zu gehen.Warken weist die gewünschte Regierungserfahrung auf, genauso wie der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Günter Krings und der ehemalige Staatsminister im Kanzleramt, Hendrik Hoppenstedt, deren Namen auch genannt werden. Interessant im Personaltableau wäre auch BND-Chef Martin Jäger als Kanzleramtsminister. Der Diplomat war schon Staatssekretär in Baden-Württemberg sowie Botschafter in der Ukraine und Afghanistan.Bei solch einer grösseren Lösung könnte Merz, dem in der Vergangenheit eine gewisse Entscheidungsschwäche nachgesagt wurde, das Kanzleramt wieder zu seiner eigentlichen Schaltzentrale machen.Ein Job für HintergrundarbeiterDas Kanzleramt ist die Champions League der Bundesverwaltung. Es ist allerdings keine Behörde, in der der eigene Stern leuchtet. Thorsten Frei sass nach dem Dafürhalten einiger Unionsabgeordneter zu oft in Talk Shows und kümmerte sich zu wenig um die Vorbereitung von Koalitionsausschüssen und die Abstimmung mit den Ministerien.Kanzleramtsminister waren bisher Allrounder und Hintergrundarbeiter. Als Beispiel für einflussreiche Kanzleramtschefs, die sich aber aus dem Scheinwerferlicht heraushielten, gelten die Christlichdemokraten Thomas de Maizière und Peter Altmaier. Beide dienten Kanzlerin Angela Merkel loyal und durften danach als Innen- beziehungsweise Wirtschaftsminister aus ihrem Schatten hervortreten.Unter dem sozialdemokratischen Kanzler Olaf Scholz war es Wolfgang Schmidt, der ihn seit mehr als 20 Jahren auf all seinen politischen Stationen begleitete. Sein Wechsel ins Kanzleramt war nur logisch. Da sein Chef eher wortkarg ist und eine Kultur der Nicht-Kommunikation pflegte, übernahm Schmidt den Kanzler-Erklärer, gern auch mit persönlichen Anrufen bei Journalisten. In die grosse Öffentlichkeit drängte es ihn hingegen nicht.Der Chef des Kanzleramtes muss nicht nur die Regierungsarbeit koordinieren, Kabinettssitzungen und Koalitionsausschüsse vorbereiten. Er ist auch Chef einer Behörde mit rund 900 Mitarbeitern. Die Suche nach einem neuen Kanzleramtschef ist für Merz daher mehr als ein Stühlerücken. Er könnte seine Regierungsarbeit strategisch neu ordnen und den Bürgern damit auch den wirklichen Reformwillen der schwarz-roten Koalition in der zweiten Jahreshälfte vermitteln.Passend zum Artikel
Merz sucht neuen Kanzleramtschef: Entscheidet er sich für Linnemann oder Warken?
Vom Kanzleramtschef hängt der Erfolg des Regierungschefs ab. Öffentlich geäussert hat sich Merz noch nicht. Intern werden bekannte Christlichdemokraten wie Generalsekretär Carsten Linnemann und Gesundheitsministerin Nina Warken ins Spiel gebracht.










