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Regierungsumbildung: Was muss ein Kanzleramtschef können, Herr Altmaier? Der Posten des Kanzleramtschefs sei nichts für Quereinsteiger, sagt Peter Altmaier. Am Ende komme es auf die Konstellation an. Und auf den Kanzler. Ein Interview.

Bundesminister a.D. Peter Altmaier spricht mit der WiWo über die Kunst des Regierens. Foto: picture alliance / SZ PhotoWirtschaftsWoche: Herr Altmaier, Friedrich Merz sucht einen neuen Kanzleramtschef. Was muss der Leiter der Regierungszentrale mitbringen?Peter Altmaier: Man muss wissen, wie Regierung geht. Das Amt ist kein Schaulaufen, sondern Maschinenraum. Der Kanzleramtschef hält dem Kanzler den Rücken frei, organisiert das Kanzleramt und sorgt dafür, dass Regierungshandeln über Ressortgrenzen hinweg funktioniert. Wer nicht weiß, wo die Fallstricke liegen – zwischen Ministerien, Kanzleramt, Fraktionen und Koalitionspartnern – wird schnell überrollt.Können Sie das konkreter erklären?Ein Chef-BK muss Ressortabstimmung beherrschen, Zuständigkeiten kennen, Verfahren verstehen – und die politische Realität akzeptieren. Im Kanzleramt reicht es nicht, kluge Papiere zu schreiben. Man muss Konflikte so vorbereiten, dass sie entscheidbar werden. Kompromisse entstehen nicht in dem Moment, in dem alle zusammen am Tisch sitzen und spontan Lösungen aus dem Hut zaubern sollen. Dafür braucht es Vorbereitung, Vertrauen und ein Gefühl dafür, wo Tretminen liegen.Könnte das ein Kandidat von außen leisten?Da bin ich sehr skeptisch, weil das Amt kein Labor ist. Es geht nicht darum, ob jemand intelligent ist oder guten Willen hat. Wer aber die Mechanik aus Parlament, Regierung und Verwaltung nicht kennt und die Berliner Logik nicht gelebt hat, dem fehlt die innere Landkarte. Dann passieren die Fehler nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unkenntnis. Und dafür ist die Fallhöhe zu groß. Zur Person Peter Altmaier zählte über viele Jahre zu den prägenden Figuren der Bundespolitik. Er war von 1994 bis 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages und übernahm in dieser Zeit zentrale Regierungs- und Führungsfunktionen, unter anderem als Chef des Bundeskanzleramts (2013–2018). Danach war er Bundesminister für Wirtschaft und Energie (2018–2021) und zuvor bereits Bundesumweltminister (2012–2013). Innerhalb der CDU galt er lange als enger Vertrauter von Angela Merkel und als ihr Koordinator an den Schnittstellen von Regierung, Parlament und Partei.Was zeichnet also erfolgreiche Kanzleramtschefs aus?Erfolgreich ist, wer den Kanzler entlastet und gleichzeitig das Betriebssystem der Regierung beherrscht. Adenauer hat sinngemäß gesagt: Er brauche jemanden, der Ahnung hat – der weiß, wie Verwaltung und Regierung gehen. Damals war vieles einfacher als heute, aber die Logik gilt: Der Kanzler entscheidet politisch, der Kanzleramtschef organisiert die Maschine und filtert Störungen.Kann das auch ein Beamter?Ein Beamter kann das – wenn er Regierungshandeln kennt und lernfähig ist. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern ob jemand politisch koordinieren kann: Stränge bündeln, Staatssekretäre zusammenbringen, Vorarbeiten so organisieren, dass am Ende ein Konzept steht. Aber eben nur, wenn das Handwerk vorhanden ist. Und das ist mit den Erfahrungen eines Beamten schwerer zu erlernen.Union Endlich Frei? von Benedikt Becker, Christian Ramthun, Julian Heißler und weiterenWelche Eigenschaften braucht es zusätzlich zum Handwerk?Empathie – für Koalitionspartner und für die eigenen Leute. Man muss sehen, wo Kompromisse möglich sind und wo nicht. Man braucht Kommunikation, Verbindlichkeit, Loyalität. Der Kanzleramtschef ist nicht Nebenkanzler, sondern Ermöglicher.Kann man diese Rolle lernen, bevor man sie ausfüllt?Man kann darauf vorbereitet werden. Zu meiner Zeit gab es da etwas, das ich das „Hinterzimmer der Macht“ nennen würde – eine informelle Runde, die regelmäßig die nächsten zwei, drei Wochen vorstrukturiert: Welche Probleme kommen? Wer kümmert sich? Wo lauern Gefahren, wo Chancen? Bei Angela Merkel hat sich das bewährt: Kanzlerin, Fraktionsvorsitzender, Kanzleramtschef, Staatsminister im Kanzleramt, Generalsekretär, erster parlamentarischer Geschäftsführer, Regierungssprecher – informell, mit klarer Aufgabenverteilung. Bevor ich Chef-BK wurde, konnte ich an dieser Runde als parlamentarischer Geschäftsführer teilnehmen. Mein Vorgänger Ronald Pofalla hatte als Generalsekretär in der Runde gesessen. Und mein Nachfolger Helge Braun als Staatsminister. So sind wir alle gut vorbereitet in die Rolle als Kanzleramtschef gekommen. Das ersetzt keine Gremien, aber es verhindert, dass man blind in Konflikte läuft.Spahn-Nachfolge Was der neue Fraktionschef der Union können muss von Benedikt BeckerWas passiert ohne diese Vorbereitung?Dann verlaufen Treffen wie Koalitionsausschüsse oft enttäuschend, weil nichts vorbereitet ist. Wenn alle erst am Tisch anfangen, Positionen zu tauschen, bewegt sich keiner. Deshalb sollte man Koalitionsausschüsse nur einberufen, wenn man weiß, was herauskommen soll. Vorher müssen Lösungen vorverhandelt, Kompromisse „wachsen gelassen“ und Linien geklärt sein. Sonst endet es in langen Nächten ohne Ergebnis.Was lernen Sie daraus für das Anforderungsprofil?Der Kanzleramtschef muss Konflikte in Struktur übersetzen: Themen so zuschneiden, dass sie entscheidbar werden – und dem Kanzler Ergebnisse ermöglichen. Wer nur verwaltet, verliert. Wer nur politisiert, auch. Es braucht beides.Wie hat sich das Amt seit Ihrer aktiven Zeit verändert?In den Grundfunktionen gar nicht: Koordination, Vorbereitung, Entlastung des Kanzlers, Steuerung der Regierung. Aber die Anforderungen sind härter geworden, weil die Konstellationen komplizierter sind und das Tempo höher ist. Gerade dann wird Vorbereitung wichtiger – und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Partnern verbindlich zu arbeiten. Am Ende bleibt: Es hängt nicht nur am Kanzleramtschef, sondern an der gesamten Konstellation.Was meinen Sie mit „Konstellation“?Kanzler, Fraktion, Parteispitzen, Koalitionspartner – das muss zusammenpassen. Wenn mehrere Akteure glauben, sie würden die eigentliche Richtlinienkompetenz ausüben, wird es für den Kanzleramtschef schwer, egal wie gut er ist. Umgekehrt: Wenn der Kanzler klar führt, wird das Kanzleramt arbeitsfähig. Die vier Kanzleramtschefs von Angela Merkel haben auch deshalb so gut funktioniert, weil sie Angela Merkel hatten. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! 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