Wenn erfolgreiche Filmreihen in die fünfte Fortsetzung gehen, greifen die Drehbuchautoren oft zu verzweifelten Mitteln, um dem alten Stoff noch einmal neues Leben einzuhauchen. Bei „Toy Story 5“ gibt es dankenswerterweise weder absurde Crossover-Versuche mit anderen Pixar- und Disney-Franchises noch Müdigkeitserscheinungen bei der Ausgestaltung einer neuen, eigenen Geschichte.Die dreht sich um das Cowgirl-Spielzeug Jessie und dessen aktuelle Besitzerin Connie. Das Mädchen hat mit seiner Lieblingspuppe den größten Spaß, ist aber zu schüchtern, andere Kinder anzusprechen. Als Connie endlich den Mut zusammennimmt, die Nachbarszwillinge zum gemeinsamen Spielen einzuladen, drehen die sich nur verständnislos weg und gehen ins Haus. Was sie dort tun, findet Jessie bei einer eigenmächtigen Erkundungstour heraus – denn so funktioniert diese Welt auch im fünften Film noch immer: Spielsachen machen sich, wenn kein Mensch hinsieht, selbständig, können miteinander reden und allerlei entdecken.Hier nun muss das Cowgirl entsetzt feststellen, dass die Nachbarskinder auf dem Sofa nur vor ihren Tablets hängen. Ein Blick die Straße entlang zeigt: Aus jedem Fenster des Viertels leuchtet fahles Licht. Die Technik hat das phantasievolle Spielen abgelöst. Menschen starren nur noch auf Bildschirme. Und auch in Connies Kinderzimmer soll schon bald ein froschgrünes Tablet einziehen, dass die Aufmerksamkeit des Mädchens mit interaktiven „Lern“-Apps fesselt und an die anderen Teilnehmerinnen auf der Plattform wahllos Freundschaftsanfragen verschickt. (Cybermobbing wird eines der Themen sein, die dieser Film ganz nebenbei behandelt.)Keine platte NostalgieWas jetzt nach platter Fortschrittskritik klingt, wird recht schnell in der Handlung mit hintersinnigem Humor entschärft. Jessie lässt ihre Schimpftirade über die gefährliche Technik während eines Hilferufs an ehemalige Weggefährten ab. Das tut sie ausgerechnet über ein altes Walkie-Talkie. Wer genau hinsieht, lernt: Nicht jede Maschine ist unnütz und feindlich. Auch ein paar aussortierte Elektronikspielgeräte werden sich im Laufe dieses Abenteuers als Verbündete entpuppen.Unterstützung erhält Jessie bei der Suche nach einer echten Freundin für Connie außerdem durch ein paar alte Freunde, die bereits im ersten Teil des Animationsfilms auftraten: die Cowboy-Puppe Woody und der Weltraumabenteurer Buzz Lightyear. Beide sind schon etwas abgegriffen – Woodys nussbraunes Haar weist am Hinterkopf helle Abriebstellen auf, und auch einen kleinen Bauchansatz meinen die Plüschtiere zu erkennen, als er in Connies Zimmer eintrifft –; immerhin liegt es bereits einunddreißig Jahre zurück, dass „Toy Story“ als erster komplett am Computer animierter Langfilm in die Kinos kam. 1995 bedeutete das noch, dass mehr als 1000 CDs zur Zwischenspeicherung der großen Datenmenge benötigt wurden. Mittlerweile ist auch diese Technik weiter. Die Idee aber, dass es einen emotionalen Kern braucht, um Leute mit einer animierten Geschichte ins Kino zu locken, hat Disney nicht aufgegeben.Dabei hilft es natürlich, wenn man große Schauspieler für die Synchronisation verpflichten kann. Im ersten Teil lieferten sich Tom Hanks und Tim Allen wortgewandte Rededuelle als Woody und Buzz im Kampf um die Zuneigung eines Jungen und bewiesen, dass sie nicht nur mimische Darsteller sind, sondern allein mit ihrer Stimme Charakterstudien vollbringen können. Beide nehmen in der amerikanischen Originalfassung der Fortsetzung nun abermals die Rollen von Woody und Buzz ein. Für die deutsche Synchronisation leiht Michael „Bully“ Herbig dem Cowboy seine Stimme.Getragen wird der Film aber von Cowgirl Jessie, die sowohl das Hirn als auch das Herz der ganzen Operation darstellt. Ihr obliegt es, die zweite große Frage des Films zu stellen: Wie stecken Spielzeuge es eigentlich weg, dass sie, wenn sie Glück haben, immer wieder von neuen Kindern beknuddelt und mit Liebe überschüttet werden, nur um eines Tages als unwichtige Kindheitserinnerung aus dem Leben der Heranwachsenden zu scheiden? Oder kurz gesagt: Wie oft kann man es verkraften, Menschen, die man liebt, zu verlieren? Nicht nur Plüschpferde verdrücken an dieser Stelle eine Träne.
Toy Story 5: Da weint nicht nur das Plüschpferd
Lieber einen Bildschirmschoner als eine Bildschirmzeitbegrenzung: In der Fortsetzung der „Toy Story“-Reihe wird es für Plüschtiere und Menschenpuppen Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.








