Der nächste Seeweg ist blockiert – droht nun doch eine Energiekrise?Nach der Strasse von Hormuz ist nun auch der Bab al-Mandab am Roten Meer gesperrt. Was diese neue Lage bedeuten könnte.23.07.2026, 05.38 Uhr6 LeseminutenDas nächste Nadelöhr ist zu: Ein jemenitischer Soldat an der Meerenge Bab al-Mandab im April 2026ReutersDer amerikanische Vizepräsident J. D. Vance war im März 2025 erst wenige Wochen im Amt und stinksauer: Während amerikanische Kampfjets und Drohnen Ziele der Huthi in Jemen angriffen, enervierte er sich über die Untätigkeit der Europäer: «Ich hasse es, Europa schon wieder aus der Patsche zu helfen.» Die Amerikaner wollten mit ihrem Einsatz dafür sorgen, dass die Huthi in der Meerenge Bab al-Mandab nicht weiter Handelsschiffe westlicher Firmen angreifen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wirtschaftlich seien die Europäer viel stärker als die Amerikaner auf die Suez-Route durchs Rote Meer angewiesen, schrieb Vance in den Signal-Chat mit Verteidigungsminister Pete Hegseth und dem damaligen Sicherheitsberater Mike Waltz. Wohl aus Unachtsamkeit wurde auch ein Journalist in die Gruppe eingeladen, weshalb die Konversation öffentlich wurde – mitsamt den Zielkoordinaten und der zeitlichen Synchronisation der Aktion.Seit einigen Jahren behindern die von Iran unterstützten Huthi immer wieder mit Angriffen die Schifffahrt im Roten Meer. Anfangs taten sie dies, um die Hamas in Gaza zu unterstützen. Diese Woche haben die Rebellen eine Seeblockade gegen Saudiarabien ausgerufen. Damit wollen sie die saudiarabischen Erdölexporte unterbinden. Nach der Strasse von Hormuz ist am Bab al-Mandab zwischen Jemen und Djibouti nun das zweite Nadelöhr der Weltwirtschaft im Nahen Osten geschlossen.Die Huthi seien bereit, ausländische Schiffe anzugreifen, meldete die britische Behörde zur Überwachung der maritimen Sicherheit.Zweifache Herausforderung für die AmerikanerDie Huthi, die wesentliche Teile Jemens kontrollieren, übernehmen im Roten Meer ziemlich genau das operative Konzept der iranischen Revolutionswächter im Persischen Golf. Als Verbündete des Regimes in Teheran verfügen sie auch über ein vergleichbares Arsenal von ballistischen Raketen, Drohnen und Schnellbooten.Von Iran unterstützt: Kundgebung der Huthi-Rebellen anlässlich des Todes von Revolutionsführer Ali Khamenei in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.Mohammed Hamoud / ImagoZudem nutzen die Huthi genau wie die Revolutionswächter das gebirgige Gelände und operieren aus verbunkerten Stellungen. Umso schwieriger sind die Munitionslager aus der Luft zu bekämpfen. Weder die Luftangriffe der Israeli 2024 noch der Einsatz der Amerikaner im März 2025 konnten die Fähigkeiten der Miliz so weit einschränken, dass bei der Passage vom Roten Meer in den Golf von Aden keine Gefahr mehr für die Handelsschiffe ausgeht.Im Unterschied zur Strasse von Hormuz kommen rund um den Bab al-Mandab die Einflussbereiche fast aller Grossmächte und Akteure im Nahostkonflikt zusammen. Saudiarabien übt seinen Einfluss auf Jemen aus. Weiter gibt es in Djibouti Basen der USA, Frankreichs, Italiens und auch Chinas auf engstem Raum nebeneinander. Israel hat schliesslich auf der anderen Seite des Engnis Somaliland anerkannt, das sich von Somalia losgesagt hat.Die Lage im Nahen Osten ist also noch einmal deutlich komplexer geworden. Die Amerikaner scheinen im Persischen Golf zwar Aktionen am Boden zu planen, haben aber für eine solche Eskalation gegenwärtig noch zu wenig Mittel in der Region. Gleichzeitig ist es dem Regime in Teheran gelungen, den Krieg auszuweiten und die Amerikaner mit asymmetrischen Mitteln gleich an zwei Nadelöhren der Weltwirtschaft herauszufordern.Wirtschaft und Erdölmarkt weiter unter Druck Das stellt eine alarmierende Entwicklung für den Weltmarkt dar. Nach der Sperrung der Strasse von Hormuz durch Iran hatte sich eine Pipeline zum Hafen von Yanbu am Roten Meer zu einer bedeutenden Ausweichroute für saudische Erdölexporte entwickelt. Laut dem Datenanbieter Vortexa wurden seit Kriegsbeginn im Februar etwa 4 Millionen Fass Rohöl täglich auf diesem Weg transportiert. Damit konnte rund ein Viertel der Ausfälle kompensiert werden, die durch die Blockade der Strasse von Hormuz entstanden waren.Seit der Bekanntgabe der Huthi-Blockade zu Beginn der Woche sind gemäss Vortexa die Verladungen von Erdöl in Yanbu stabil geblieben. Dass jedoch ein Supertanker mit Kurs auf China im Roten Meer gewendet hat, sei ein Indiz, dass sich erste Störungen beim Schiffsverkehr abzeichneten.In vergangenen Phasen der Huthi-Angriffe mieden Frachter das Rote Meer und fuhren stattdessen um Südafrika herum. Für die Verladung der Tanker mit saudischem Erdöl ist dies jedoch nicht möglich. Sollten die Huthi-Rebellen den Verkehr im Roten Meer zum Erliegen bringen, würde dies den Engpass bei Energieträgern rund um den Globus verschärfen. Besonders asiatische Länder sind auf Einfuhren von Erdöl und Erdgas aus arabischen Ländern angewiesen.Schon nach Ausbruch des Iran-Krieges im März hatte die Internationale Energieagentur vor einer Energiekrise historischen Ausmasses gewarnt. Gemessen am Anteil des globalen Angebots übertrifft das Ausmass der derzeitigen Förderausfälle am Persischen Golf inzwischen jenes der Erdölkrise im Jahr 1973, der iranischen Revolution von 1979 und des irakischen Angriffs auf Kuwait im Jahr 1990, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) festhält.Bislang blieb jedoch der befürchtete Energieschock aus: Die Golfstaaten vermochten einen Teil ihrer Exporte über Pipelines zum Roten Meer und zum Golf von Oman aufrechtzuerhalten. Zudem reduzierte China seine Importe, und viele Industrieländer gaben strategische Reserven frei.Diese Puffer sind inzwischen weitgehend aufgebraucht, und die Strasse von Hormuz bleibt gesperrt. Wie die britische Behörde zur Überwachung der maritimen Sicherheit am Dienstag meldete, wurde dort erneut ein Tanker beschossen.Prognosen von 120 Dollar pro FassMit dem Wiederaufflammen der Gefechte zwischen den USA und Iran ist der Erdölpreis angestiegen. Seit Anfang des Monats beträgt das Plus mehr als 30 Prozent, da Händler mit einer erneuten Angebotsknappheit rechnen. Derzeit kostet ein Fass der europäischen Referenzsorte Brent knapp 95 Dollar. Sowohl das Finanzhaus ING als auch die Wall-Street-Bank Goldman Sachs stellten am Dienstag die Möglichkeit eines Preisanstiegs auf 120 Dollar pro Fass in Aussicht.Für die rohstoffhungrigen Länder Europas und Asiens bedeutete diese Marktentwicklung in erster Linie kostspieliges Benzin und teureren Diesel, was der ohnehin schon erhöhten Inflation vielerorts einen zusätzlichen Schub verleihen und das Wirtschaftswachstum zusätzlich bremsen dürfte.Erst recht gravierend wäre es, wenn anhaltende Gefechte am Roten Meer mit Auswirkungen auf die Erdölexporte ab Yanbu am Roten Meer das Vorhaben Saudiarabiens durchkreuzen würden, die Strasse von Hormuz mithilfe von Pipelines auf Dauer zu umgehen. Dann dürften die Preise länger erhöht bleiben.Die in den 1980er Jahren erbaute Abkaik-Yanbu-Pipeline hat eine Transportkapazität von bis zu 7 Millionen Fass pro Tag. Saudiarabien erwägt als Reaktion auf die andauernde iranische Blockade der Strasse von Hormuz, die Leitung baulich zu erweitern um ein bis zwei Millionen Fass pro Tag. Die Aktion würde laut Schätzungen rund zwei Jahre in Anspruch nehmen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate bauen ihre Pipeline nach Fujairah am Golf von Oman aus.Unterdessen prüft Irak, dessen Erdölexporte bisher so gut wie ausschliesslich auf dem Seeweg abgewickelt wurden, den Bau von Leitungen in Richtung Türkei oder Syrien. Insgesamt schätzt Goldman Sachs, dass bis 2029 rund 60 Prozent der Erdölexporte, die vor Kriegsbeginn im Februar die Strasse von Hormuz passierten, über Pipelines erfolgen werden.Die Europäer können Polizeirolle übernehmenSeit gut zwei Jahren versucht die Europäische Union mit drei Marineeinheiten, den kommerziellen Schiffsverkehr gegen Huthi-Angriffe im Roten Meer und in benachbarten Gewässern zu sichern. Die Operation heisst «Aspides». Diese Woche haben die europäischen Staaten signalisiert, ihre Kräfte im Nahen Osten verstärken zu wollen. Die EU arbeitet eng mit Grossbritannien zusammen. Obschon Paris den Flugzeugträger «Charles de Gaulle» Anfang Juli in den Hafen von Toulon zurückgezogen hat, steht unterdessen eine beträchtliche Armada von Fregatten der italienischen, der britischen, der niederländischen und der französischen Marine im Dreieck zwischen Suez, Bab al-Mandab und der Strasse von Hormuz im Einsatz.Die Europäer betonen den strikt neutralen Charakter ihres Einsatzes und beteiligen sich nicht an den Kampfeinsätzen der Amerikaner. Präsident Trump überzieht deshalb seine europäischen Verbündeten regelmässig mit lauter Kritik. Mit der möglichen Sperre des Bab al-Mandab wollen Teheran und die Huthi womöglich auch neue Zwietracht säen: nicht nur zwischen den USA und den Golfstaaten, sondern auch zwischen den USA und Europa.Angehörige der EU-Operation «Aspides» bringen einen Verletzten an Bord einer niederländischen Fregatte im Golf von Aden.Eunavfor Aspides via ReutersIm Einsatzraum selbst dürfte sich längst eine koordinierte Aufgabenteilung zwischen den amerikanischen und den europäischen Kräften etabliert haben. Die Zusammenarbeit auf operativer Stufe funktioniert trotz den politischen Zwischenrufen Trumps und dessen Umfeld nach wie vor gut. Zudem ist das amerikanische Militär auf die europäischen Fregatten angewiesen, um bei den unübersichtlichen Verhältnissen zwischen Freund und Feind einen Partner zu haben, der nicht in die Kämpfe involviert ist: Die Europäer unterstützen das gemeinsame Ziel der offenen Seewege, sind aber keine Kriegspartei, womit ihnen die Rolle einer Art Polizei zukommt.Die EU versucht, das Engagement an den Nadelöhren der Weltwirtschaft möglichst gut zu verkaufen. Kaja Kallas, die Aussenbeauftragte der EU, besuchte am Donnerstag die logistischen Stützpunkte und Kriegsschiffe der EU-Operationen «Aspides» und «Atalanta» in Djibouti.Doch nach wie vor hält sich hartnäckig der Eindruck, den J. D. Vance und Pete Hegseth in dem peinlichen Signal-Chat hinterlassen haben: Die Europäer seien Trittbrettfahrer. Dabei unterstützen sie die Amerikaner mit ihren Kriegsschiffen nach Kräften in einem neuen, endlosen Krieg, in den Trump sich selbst verwickelt hat. Nun muss Europa sogar versuchen, eine globale Energiekrise zu verhindern.Passend zum Artikel