Mittelmeer statt Hormuz? Wie die USA versuchen, über den Irak und Syrien eine Alternative zur Meerenge zu schaffenDas maritime Nadelöhr ist wieder geschlossen, die Energiepreise schnellen in die Höhe. Doch schon bald könnte die Strasse von Hormuz ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft verlieren.15.07.2026, 15.55 Uhr4 LeseminutenEin ankernder Tanker in der Nähe der omanischen Küste: Anfang der Woche hat Iran die Strasse von Hormuz für geschlossen erklärtGettyDie amerikanischen Angriffe auf Iran nehmen zu. Am Mittwochnachmittag teilte das Regionalkommando der amerikanischen Streitkräfte Centcom mit, dass es eine neuerliche Angriffswelle gegen Iran durchgeführt hat – nur wenige Stunden nach den vorangegangenen Attacken in der Nacht. Die morgendlichen Angriffe zielten laut Centcom darauf ab, «die militärischen Fähigkeiten der iranischen Streitkräfte, die diese für Angriffe auf die Handelsschifffahrt in der Strasse von Hormuz eingesetzt haben, weiter zu schwächen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der wichtige Wasserweg ist laut iranischen Angaben seit Anfang der Woche komplett gesperrt. Am vergangenen Mittwoch hatte Donald Trump den Waffenstillstand mit Teheran de facto bereits für beendet erklärt. Während Washington derzeit im Umgang mit Teheran auf Bomben statt auf Gespräche setzt, scheinen Verhandlungen mit dem iranischen Nachbarn Irak voranzugehen.Am Dienstag empfing Donald Trump den laut dem amerikanischen Präsidenten «jungen und attraktiven» irakischen Ministerpräsidenten Ali al-Zaidi im Weissen Haus. Der herzliche Empfang zeigt, wie wichtig Bagdad für die USA angesichts der neuerlichen Kämpfe zwischen Washington und Iran geworden ist.Ein neuer amerikanischer Partner, um Irans Einfluss einzuschränken? Donald Trump begrüsst den irakischen Ministerpräsidenten Ali al-Zaidi am Dienstag im Weissen Haus.Evan Vucci / ReutersDenn der Irak könnte eine Schlüsselrolle spielen, um die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Strasse von Hormuz zu reduzieren. Künftig dürfte der Petrostaat Öl über Land durch Syrien in Richtung Europa transportieren. Laut arabischen Medien und europäischen Diplomatenkreisen ist Syriens Aussenminister Asaad al-Shaibani ebenfalls auf dem Weg nach Washington, um unter Schirmherrschaft der USA ein Abkommen zu unterzeichnen, das eine Pipeline zwischen den beiden Ländern wiederbeleben soll.Die seit 2003 stillgelegte Kirkuk-Banyas-Pipeline würde die Ölfelder im Nordirak mit der syrischen Mittelmeerküste verbinden. Irakisches Öl könnte so nach Europa gelangen und müsste nicht mehr durch den Persischen Golf verschifft werden. Die mögliche neue Route über Syrien ist nicht die einzige Alternative zur Strasse von Hormuz, die derzeit geschaffen wird. Mittelfristig dürfte Irans grösste Trumpfkarte schwächer werden.«Die Märkte waren überrascht»Zunächst haben die neu aufgeflammten Gefechte die Energiemärkte jedoch durchgerüttelt. Nach Teherans Ankündigung, die Strasse von Hormuz zu schliessen, schoss der Ölpreis der Sorte Brent am Montag um 10 Prozentpunkte in die Höhe. Eine Entspannung ist derzeit nicht in Sicht.Etwa zur gleichen Zeit, als Iraks Ministerpräsident das Weisse Haus erreichte, nahmen die USA am Dienstag ihre Seeblockade iranischer Häfen wieder auf. Iran setze in den vergangenen Tagen seinen Beschuss auf amerikanische Militärbasen in Jordanien und am Golf fort.«Die jüngsten Entwicklungen haben die Märkte überrascht», sagt Henning Gloystein von der Beratungsfirma für Geopolitik «Eurasia Group» im Gespräch. Eine Rückkehr zur Normalität in der Meerenge sei mittelfristig unwahrscheinlich, meint der Rohstoffexperte. «Alle Ölproduzenten und -händler schmieden deshalb jetzt Pläne, wie sie künftig die Strasse von Hormuz umgehen können.»Die Strasse von Hormuz verliert an BedeutungSo erwägt Saudiarabien laut der Nachrichtenagentur Reuters seine Pipeline zum Roten Meer auszubauen, die Vereinigten Arabischen Emirate investieren laut der «Financial Times» in einen neuen Hafen in Fujaira südlich der Strasse von Hormuz, und der Irak sucht sein Heil in Pipelines Richtung Norden. Gemäss dem türkischen Energieministerium will der Irak die Menge des durch eine Röhre in Richtung Türkei transportierten Öls vervierfachen.Die ebenfalls im Nordirak gelegene Kirkuk-Banyas-Pipeline ist seit der amerikanischen Invasion im Irak nicht mehr in Betrieb. In den Folgejahren wurde die Röhre durch den syrischen Bürgerkrieg und den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat schwer beschädigt. Die syrische Wirtschaftszeitung «Syria Report» beziffert die Kosten für einen Wiederaufbau der Pipeline auf 780 Millionen Dollar. Gemäss der Zeitung hat der amerikanische Energieriese Chevron Interesse an einer Investition angemeldet.Jihad Yazigi hält es für wahrscheinlich, dass die Pipeline ihren Betrieb wieder aufnimmt. «Natürlich hat vor allem der Irak ein starkes Interesse daran», sagt der syrische Ökonom und Chefredaktor von «Syria Report». Denn für Bagdad ist eine Alternative zu Hormuz existenziell: Wegen des Iran-Kriegs konnte der Irak nur einen Bruchteil seines Öls exportieren. Die Erlöse aus dem Ölverkauf machen rund 90 Prozent des irakischen Staatshaushaltes aus. «Und auch Syrien hat ein Interesse daran, denn es würde Transitgebühren verlangen», sagt Yazigi.Die Schätzungen, wie lange eine Wiederbelebung der Pipeline dauert, variieren unter Beobachtern zwischen einem bis zwei Jahren und bis zu einem Jahrzehnt. «Es gibt viel guten Willen auf allen Seiten, das Projekt anzugehen, aber die Pipeline allein wird keine schnelle Lösung für das Hormuz-Problem sein», sagt Lahib Higel, Irak-Expertin der International Crisis Group. Neben Geld und Zeit brauche es vor allem Stabilität in der Region, sagt Higel. Bisher ist die Sicherheitslage im Irak wie auch in Syrien angespannt.Sollten diese Risiken abnehmen, stehe der Route jedoch nichts im Weg, meint Henning Gloystein: «Falls Syrien nicht wieder im Bürgerkrieg versinkt, wird es ein sehr wichtiges Transitland für Öl werden». Laut dem Energieexperten werden die Kirkuk-Banyas-Pipeline sowie weitere Umgehungsrouten das Machtgleichgewicht am Persischen Golf verschieben: «Ab 2028 wird die Strasse von Hormuz eine wesentlich geringere geopolitische Bedeutung haben, als sie es jetzt hat.»Passend zum Artikel