Mit einer gigantischen Mauer will Indonesien das Meer aufhalten, doch es fehlt an Geld – und an VertrauenIm September hätte die indonesische Regierung mit dem Bau einer gigantischen Betonmauer beginnen wollen. Sie soll die Küste vor der Insel Java schützen. Nun ist fraglich, wann es so weit ist.Barbara Barkhausen, Sydney23.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDas Wasser ist in vielen Teilen Indonesiens zur Bedrohung geworden, so auch hier in einem Dorf auf der Insel Java. Die Aufnahme ist aus dem Jahr 2025.Ajeng Dinar Ulfiana / ReutersEs ist ein Wettlauf gegen die Zeit und das Meer. Vor der Nordküste der Insel Java, wo über 30 Millionen Menschen leben und etwa 60 Prozent der indonesischen Industrieproduktion ansässig sind, steigt der Meeresspiegel an, während gleichzeitig das Land selbst absinkt. Deshalb plant die indonesische Regierung unter dem Machthaber Prabowo Subianto ein Bauprojekt, das weltweit seinesgleichen sucht: eine rund 500 Kilometer lange Schutzwand an Javas Küste – die sogenannte Giant Sea Wall.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Projekt ist ein kompliziertes Bauwerk. Das Konzept sieht ein differenziertes System vor, bestehend aus vorgelagerten Barrieren, verstärkten Deichen und künstlichen Lagunen, das die Wassermassen kontrollieren und Überflutungen verhindern soll. Die geplante Anlage zieht sich von der Provinz Banten im Westen bis nach Gresik in Ostjava.Die erforderlichen Mittel sind beachtlich: Fachleute rechnen mit etwa 80 Milliarden US-Dollar. Doch angesichts von Prabowos kostspieligen Wahlversprechen wie dem milliardenschweren Programm für kostenlose Schulmahlzeiten oder dem Bau der neuen Hauptstadt Nusantara hat der indonesische Haushalt nur sehr begrenzten Spielraum.Baubeginn rückt in die FerneNeben öffentlichen Geldern soll das Projekt deswegen auch über private Kapitalgeber finanziert werden. Laut der «Indonesia Business Post» haben China und Japan bereits Interesse bekundet, dazu kommen die Vereinigten Arabischen Emirate als potenzielle Partner. Doch ausländische Investoren sind jüngst skeptisch geworden. Dies hat mit einem mutmasslich politisch motivierten Gerichtsprozess gegen einen prominenten Wirtschaftsführer zu tun. Er hat die Rechtssicherheit des Landes tief erschüttert.Eigentlich hatte die Regierung mitgeteilt, im September 2026 mit dem Bau der Mauer beginnen zu wollen. Doch neben den finanziellen Engpässen gibt es auch Probleme mit den Zuständigkeiten zwischen den Ministerien. Dazu kommt die allgemeine wirtschaftliche Situation im Land: Die indonesische Währung Rupiah ist auf ein historisches Tief gestürzt, und der Aktienmarkt verzeichnete den stärksten Einbruch seit der Asienkrise 1998.Um die Giant Sea Wall zu erfassen, lohnt sich ein Rückblick: Schon seit Mitte der 1990er Jahre kursiert die Vision einer Schutzanlage für die Jakarta-Bucht. Daraus entstand das sogenannte «Great Garuda»-Projekt. Es umfasst unter anderem einen etwa 40 Kilometer langen Damm sowie 17 künstliche Inseln. Das heutige Grossprojekt, die Giant Sea Wall, wendet dieses Konzept nun auf die gesamte Nordküste Javas an. Über 500 Kilometer lang soll die Mauer insgesamt werden.In Teilen der indonesischen Hauptstadt Jakarta mit beinahe 42 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sinkt das Gelände jährlich um bis zu zehn Zentimeter – ausgelöst durch die Übernutzung von Grundwasser und das Gewicht der städtischen Infrastruktur. Zeitgleich dringt Salzwasser immer tiefer ins Binnenland vor. Deswegen sei die Mauer «weit mehr als nur ein Schutzprogramm», heisst es bei der «Indonesia Business Post». Sie sei ein gezielter Eingriff, um die wirtschaftliche Stabilität zu bewahren.Es gibt Zweifel am Nutzen der MauerDoch es gibt etliche Skeptiker. Die entscheidende Frage sei nicht «Mauer oder keine Mauer», sondern vielmehr, ob es überhaupt möglich sei, eine derart immense Schutzwand so zu errichten, dass sie tatsächlich funktioniere, schreiben beispielsweise Wissenschafter der Universitäten Queensland und Sydney in einer kritischen Analyse.Bei ihrer Feldarbeit in drei Dörfern der Region Kendal im Zentrum Javas fanden die Forschenden heraus, dass erhöhte Strassenzüge oder Mauern das Wasser lediglich zu tiefer gelegenen Wohnhäusern in der Nähe umlenken. So kann Salzwasser fruchtbares Agrarland zerstören. Staatliche Hilfen zeigten dabei nur begrenzte Wirkung. Ärmere Haushalte lehnten die Unterstützung ab, sobald sie von ihrer Eigenbeteiligung erfuhren. Die Massnahmen gegen das Wasser verlagerten die Probleme also nur.Die Wissenschafter lehnen das Projekt nicht grundsätzlich ab – sehen es aber als unvollständig, solange zentrale Strukturprobleme nicht angegangen werden. Ohne dies laufe die Mauer Gefahr, ein kostspieliger Fehlgriff zu werden, schreiben sie.Passend zum Artikel