Weshalb erscheinen uns Vögel oft nervös, aber selbstbewusst? Weil sie fliegen können, weil sie weiter sehen und schon länger da sindDas Beobachten der Vögel ist wieder sehr beliebt. Das neue Hobby der Gen Z führt aus digitalen Zwängen in die freie Natur. Als literarische Einführung in die Ornithologie ist «Das Buch der Vögel» von Robert Macfarlane zu empfehlen.22.07.2026, 15.03 Uhr7 LeseminutenMit seinem Ruf kündigt uns der Kuckuck einen neuen Frühling an.Jackie Morris / UllsteinManchmal wälzt sich der zivilisierte und gestresste Mensch hin und her in nächtlichem Delirium. Am Bettrand ein Abgrund aus Versäumnissen, wo Dämonen der Verdrängung den Traum bevölkern. Und nach einer ruckartigen Drehung des Körpers wartet am anderen Rand der verschwitzten Matratze die dumpfe Erinnerung an Schulden und Pflichten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gegen den Morgen hin mischt sich in den Hallraum schlechten Schlafs bisweilen ein Zwitschern und Flöten, ein Trillern und Spotten, ein Gurren und Pfeifen. Manche mögen es als Lärm empfinden, wenn sie so geweckt werden. Für andere hingegen ist es ein Glück, wenn das dämmernde Bewusstsein allmählich Notiz nimmt vom verspielten Solo einer Amsel oder von den schrill variierten Strophen einer Grasmücke. Die Vögel lösen die Probleme nicht, die einen des Nachts verfolgt haben. Aber wie ein Segen aus einer anderen, harmonischeren Welt kann ihr Lied einen über die Mühen von Zwecken und Aufgaben hinwegtrösten.Singen aus VergnügenDie Zoologie mag manche Motive nennen für den Gesang der Vögel. Es gehe darum, ein eigenes Revier akustisch zu markieren oder ein Weibchen zu beeindrucken. Mit simplen Rufen warnen Vögel vor Feinden, und zwischen Eltern und dem Nachwuchs werden akustische Signale ausgetauscht.Alles gut und recht. Trotzdem erweist sich der Vogelgesang für das menschliche Publikum als Geschenk, als ästhetischer Genuss. Und wer im Wald oder auf Feld und Wiese hinhört, wie etwa ein Rotkehlchen lieblich charmiert, wie sich ein Schilfrohrsänger geradezu überengagiert ins Zeug legt oder eine Nachtigall auftrumpft mit virtuosen Phrasen, wird eine Frage nicht mehr los: Vielleicht singen sie auch aus reiner Freude an ihrer expressiven Kunst?Das ästhetische Verhältnis, die Freude an der Schönheit der Vögel und ihrem Gesang, ist ein Grund dafür, dass sich die Ornithologie gerade wieder wachsenden Zulaufs erfreut. Unter den Briten zählt «birding» schon länger zu den populären Hobbys – nur das Basteln von Schmuckstücken soll noch beliebter sein. Aber auch das übrige Europa lässt sich von dieser tierischen Leidenschaft anstecken. Die Gen Z, die darin einen Ausgleich zur digitalen Realität sucht, in der sie gefangen scheint. «Darum ist Vögel beobachten auf einmal cool», titelte dazu jüngst der «Spiegel».Wer sich in der Vogelwelt auskennen will, muss hinaus in die Natur.Karin Hofer / NZZDas «birding» findet draussen in der Natur statt. Insofern scheint es gesund für Physis und Psyche. Sonst meist über einem Laptop gekrümmt, richtet sich der Körper nun auf, damit die Augen zu den Bäumen, den Wipfeln und dem Himmel hochsehen können. Aber damit ist die ornithologische Leidenschaft längst nicht erklärt. Wer auf der Pirsch ist, um einen seltenen Vogel zu sehen, wird immer auch von den elementaren Energien der Jagd getrieben. Gleichzeitig bemüht er sich artig wie ein Briefmarkensammler um Ordnung und Vollständigkeit seiner Beobachtungen.Vor allem aber hat die Beobachtung von Vögeln eine ruhige, durchaus meditative und mithin therapeutische Seite. Wer die Vögel entdecken will im Gewirr von Zweigen und Ästen, in grau-silbern gescheckten Felsen, in Senkungen von Sumpf und Moor oder auf fernen Sandbänken, braucht nicht nur ein gutes Fernglas, sondern vor allem viel Ruhe und Geduld. Der Alltag ist fern, Sinne und Verstand befreien sich von den Wirren eines Egos, um die Aussenwelt zu durchstreifen wie ein Radar. Dann plötzlich gerät ein Objekt der Begierde vor die Linse – ein aufgeschreckter Fasan zum Beispiel, ein rüttelnder Turmfalke, ein stelzender Silberreiher, ein quirliger Kiebitz, eine schreiende Dreizehenmöwe.Zilpzalp, Kuckuck, DompfaffAlleine schon die Nomenklatur der Vögel ist poetisch. Ein ebenso aufmerksamer wie gewitzter Geist hat sich all ihre Namen ausgedacht: Zilpzalp, Girlitz, Dompfaff, Gelbspötter, Trottellumme, Tölpel. Die Bezeichnungen lassen nicht selten Rückschlüsse auf genaues Hinsehen oder Hinhören zu. Wo der Volksmund von «Wildenten» spricht, da unterscheiden die Liebhaber unter anderem zwischen Krickente, Knäkente, Schnatterente, Pfeifente, Löffelente.Die Auseinandersetzung mit Vögeln relativiert etwas das menschliche Selbstverständnis. Vögel gibt es auf der Erde schon 150 Millionen Jahre länger als den Homo sapiens, der sich hier erst vor 300 000 Jahren anmeldete. Als Abkömmlinge der Saurier tragen sie eine geradezu astronomische Zeitlichkeit mit sich. Im Vergleich nimmt sich die menschliche Historie wie eine kurze Episode aus. In der Vogelwelt steckt deshalb mehr biologische Erfahrung, mehr Selektion und Veredlung.Das «birding» erfreut sich an wachsender Beliebtheit.Keystone«Sie sind uns überlegen!» – dieser Gedanke kommt einem mitunter, wenn man sie fliegen sieht – majestätisch und ruhig wie Adler und Milane oder atemberaubend artistisch wie Mauersegler und Seeschwalben. Viele Vögel wechseln ihr Biotop mit den Jahreszeiten und legen Tausende von Kilometern zurück zwischen Süd und Nord. Was für einen Horizont sie haben müssen, diese gefiederten Energiebündel.Aber selbst unsere städtischen Mitbewohner, die Krähen, Möwen, Spatzen, Tauben, die sich unserer Lebensart angepasst haben und von unseren Abfällen profitieren, erwecken den Eindruck nicht nur von Vorsicht, sondern auch von Selbstbewusstsein und Verachtung. Als wüssten sie von unseren Schwächen und vom Ende unserer Zeit. Wahrscheinlich hat sich einst auch Alfred Hitchcock vom stolzen, selbstsicheren Auftreten, Herumfliegen, Herumstochern und Lärmen von Vogelschwärmen zu «The Birds» verleiten lassen. Die Vögel, die uns den Frühling und den Morgen einsingen, scheinen in seinem Horrorfilm unser Ende einzuleiten.Dabei ist es umgekehrt. Es gibt zwar auch einzelne Vogelarten, die sich vermehren und sich in ganz Europa verbreiten konnten: etwa die Grau- und Silberreiher und die Kormorane. Viele Vogelarten aber sind in Europa ausgestorben – als Opfer zivilisatorischer Prozesse und ökologischer Katastrophen. So könnte es sein, dass das Interesse an den Vögeln auch auf ihr allmähliches Verschwinden zurückzuführen ist. Denn was immer verschwindet aus unserer Welt – ob Silberbesteck, Vinylschallplatten, Keramikteller oder eben Vögel –, es wird zuletzt ästhetisch verklärt.Zum Verständnis der Vögel und ihrer Verklärung trägt auch «Das Buch der Vögel» bei – ein unvergleichliches Werk, das der britische Naturpublizist Robert Macfarlane zusammen mit der Illustratorin Jackie Morris herausgebracht hat. Kein Wunder, landete es in England auf Platz eins der Bestsellerlisten.Der Eisvogel bringt tropische Farben ins europäische Festland.Jackie Morris / UllsteinDie Saatkrähen finden sich zu ohrenbetäubenden, kreischenden Chören zusammen.Jackie Morris / UllsteinGleich im Vorwort beklagt Macfarlane den Verlust: Dämmerung und Frühling seien stiller geworden. Denn fünfhundert Millionen Vögel weniger gebe es in Europa als noch vor fünfzig Jahren. Und viele Arten befänden sich auf dem Weg «ins vollständige Dunkel der Ausrottung», ohne dass dies registriert werde. «Wir haben kaum wahrgenommen, dass es dich überhaupt gab – und wir haben kaum wahrgenommen, als du verschwandst», lässt Macfarlane einen sogenannten Wachtelkönig wissen.Sieben Wunder«Das Buch der Vögel» ist in sieben Kapitel gegliedert – die sieben Wunder der Vogelwelt: vom Nest über das Ei zum Schnabel, Gesang, Gefieder, Flug und zum Vogelzug. Jedem Thema widmet Macfarlane einen kurzen, lyrisch verdichteten Essay. Dazwischen aber werden einzelne Arten vorgestellt – fast wie in herkömmlichen Bestimmungsbüchern. Macfarlane gelingt es allerdings, die blosse Expertise in eine eigensinnige literarische Form überzuführen und vom faktischen Wissen einen Weg zu finden in Geschichte und Mythologie einerseits und in seine ornithologische Biografie andrerseits.Macfarlane beschreibt die einzelnen Vogelarten sehr präzise; er setzt einerseits auf originelle Neologismen («Hinterhoftroubadour» für die Amsel), andrerseits auch auf ein archaisches Vokabular, das seinen Texten einen märchenhaften Zauber verleiht. Umso bedeutender die Übersetzung von Daniela Seel. Sie unterstreicht Macfarlanes Vogellatein etwa dadurch, dass sie den Artikel vor Vogelnamen weglässt. Manchmal wirkt die Sprache gestelzt, das passt aber zum hohen Ton und elegischen Rhythmus, den der Schriftsteller bisweilen anschlägt.«Du bist aus Schneeweiss und Pechschwarz geflickt, in Eis und Kohle gekleckst», schreibt er etwa über den Säbelschnäbler – und wird dabei nicht nur der Art gerecht, sondern vollzieht auch die Aquarellmalerei von Jackie Morris verbal nach. Und weiter: «Wenn du watest, schwingst du deinen fein gebogenen Schnabel von Seite zu Seite, weiter und weiter, siebst das Wasser wie ein Goldwäscher, der einen Teich durchkämmt, oder ein Metalldetektor, der nach sächsischen Münzen schweift.»Aber Macfarlane beobachtet nicht nur, er spekuliert auch – etwa über die Wanderung der Pfuhlschnepfe, die manchmal im Direktflug von Alaska nach Australien fliege: «Pfuhlschnepfe fliegt über das pfadlose offene Meer geführt von Sternkarten und Magnetfeldern (. . .) Dort draussen ist sie die einzige Zeugin für Zyklonregenbögen, das mittelpazifische Sturmlicht bei Dämmerung, für Dunkelheit so hart wie Eisen, für das Indigo und Cyan des Marianengrabens.»Dann wiederum erzählt der Autor Geschichten und Legenden. 1949 etwa seien so viele Stare auf den Zeigern von Big Ben gelandet, dass die Uhr langsamer geworden sei: «Star – du hast beinah die Zeit angehalten.» Oft erweisen sich die Vögel als Symbole des Übergangs. In den Gräbern der Nekropole al-Kab in Oberägypten habe man Knochen von Kornweihe, Ibis, Adler, Pelikan, Spatz, Rabe, Taube und Schwalbe gefunden. Die Vögel sollten die Toten offenbar in die Unterwelt geleiten. Wie Engel seien Vögel Boten, «die sich von Reich zu Reich bewegen, gesegnet mit dem Wunder des Fliegens, Mittler zwischen Erde und Luft, Reisende von Schatten zu Licht».Fast eine ReligionIn einem Interview mit der Zeitung «Die Welt» äusserte sich Robert Macfarlane zum Vorwurf des Anthropomorphismus, dem er sich durch seine ornithologischen Dialoge ausgesetzt sieht. Es gehe ihm nicht darum, bloss das Menschliche in das Tier zu projizieren: «Wenn wir den Menschen im Vogel erkennen, erkennen wir auch den Vogel im Menschen.»Tatsächlich scheint er selber bisweilen von den Vögeln gelernt zu haben, worauf autobiografische Spuren in seinem Buch hindeuten. So hat ihm die Wasseramsel, die gegen die Strömung läuft und schwimmt, offenbar Mut gegeben, mit Abneigung und Gegendruck umzugehen. Aber die Vertrautheit mit den Vögeln scheint allgemein die Bindung an die Welt und das eigene Leben zu stärken – fast wie eine Religion.Robert Macfarlane erzählt von einem Mann, der, jedes Mal, wenn er einen Brachvogel rufen hört, an einen stillen Morgen im Norden einer Insel zurückdenken muss. Schon hatte er Schritte ins Wasser gemacht, um seine traurige Existenz zu beenden, da hörte er den Ruf eines Brachvogels. «Und der Klang jenes Rufs war hell wie Metall und schnell wie Silber; ein freigiebiges Geschenk. Das war der Moment, an dem er beschloss, keinen Schritt weiter zu gehen – sondern nach Hause, um doch lieber wieder zu leben.»Robert Macfarlane: Das Buch der Vögel. Illustriert von Jackie Morris, aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seel. Ullstein, Berlin 2026. 384 S., Fr. 48.90.Passend zum Artikel
Von Zilpzalp und Kuckuck: Warum «birding» einen Boom erlebt
Das Beobachten der Vögel ist wieder sehr beliebt. Das neue Hobby der Gen Z führt aus digitalen Zwängen in die freie Natur. Als literarische Einführung in die Ornithologie ist «Das Buch der Vögel» von Robert Macfarlane zu empfehlen.







