Das Rätsel um den Eiger: Die Namen der Schweizer Berge verraten einiges über ihre GeschichteBergnamen sind Sehnsuchtsorte, Orientierungspunkte oder politische Markierungen eines Zeitgeistes.Nathalie Henseler23.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Namensforscher rätseln noch heute, was der Name Eiger genau bedeutet.Urs Flüeler / KeystoneHartnäckig hält sich die Behauptung, die Berge hätten ihre Namen erst durch die Erfindung des Bergsports Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Eine Spurensuche führt nach Zermatt, wo auswärtige Bergsteiger und Kartografen das abgelegene Bergdorf ab den 1820er Jahren regelrecht belagerten. Sie warteten auf günstige Wetterfenster, um die umliegenden Eisriesen zu besteigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zur gleichen Zeit nahm die kartografische Aufnahme der Gebirge ihren Anfang. Nicht nur General Dufour arbeitete von seinem Topografischen Bureau in Genf aus an einer möglichst präzisen Landkarte der Schweiz. Auch der österreichische Feldzeugmeister Ludwig Freiherr von Welden bearbeitete das Gebiet des Monte Rosa.Er soll nicht weniger als acht Viertausendern ihren Namen verliehen haben. Der Liskamm (4527 m ü. M.) ist wohl nach dem aus dem Gletscher geborenen Fluss Lyso benannt. Die auf der italienischen Seite liegende Vincent-Pyramide (4215 m ü. M.) benannte er nach ihrem Erstbesteiger, dem Bergsteiger und Kaufmann Johann Nikolaus Vincent aus dem Walserdorf Gressoney. Die Zumsteinspitze (4563 m ü. M.) erhielt ihren Namen nach Vincents Freund, dem Erstbesteiger Joseph Zumstein, einem Tuchhändler aus Gressoney.Verpönter PersonenkultDie Parrotspitze (4431 m ü. M.) erhielt ihren Namen nach dem deutsch-baltischen Naturwissenschafter Friedrich Parrot, der neben vielen anderen Expeditionen auch Forschungsfahrten auf den Ararat und an den Nordpol unternahm. Die Signalkuppe (4554 m ü. M.) benannte von Welden nach einem Vermessungspunkt. Der italienische Name dieses Grenzgipfels lautet nämlich Punta Gnifetti.Mit Nordend (4215 m ü. M.) bezeichnete er den nördlichsten Gipfel des Monte-Rosa-Massivs, und das Schwarzhorn (4322 m ü. M.) wurde nach der im weiten Weiss des Monte-Rosa-Gletschers auffallenden dunklen Farbe der Nordwand des Gipfels benannt. Wohl nach sich selber benannte er den Grenzberg Ludwigshöhe (4341 m ü. M.), auch wenn in der Literatur der französische König Ludwig IX. als Namenspatron angegeben wird.Dass viele von Welden benannte Berge die Namen von Personen tragen, obwohl dies bei den Schweizern grundsätzlich verpönt ist, dürfte mit seiner österreichischen Herkunft zusammenhängen. Der einzige unbestrittene Personenname findet sich in der Dufourspitze (4634 m ü. M.), die nach General Guillaume Henri Dufour benannt wurde und der höchste Gipfel der Schweiz ist. Bis 2014 war dies der einzige Bergname, der per Bundesratsbeschluss festgelegt wurde.Ein zweiter kam 2014 auf Initiative des damaligen Bundesrats Didier Burkhalter dazu. Der bis dahin als Ostgipfel bezeichnete Vorgipfel der Dufourspitze erhielt per Bundesratsbeschluss den Namen Dunantspitze (4631 m ü. M.). Er wurde nach Dufours gutem Freund Henry Dunant, dem Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, benannt.Viele Schweizer Berge tragen ihre Namen seit Jahrhunderten. Andere Gipfel, wie das Schwarzhorn (rechts), wurden erst im 19. Jahrhundert benannt.Gian Ehrenzeller / KeystoneAlte Namen: Eiger, Mythen, SäntisDie Dynamik der Namensgebung für dieses Gipfelensemble ist zwar speziell, aber nicht einzigartig. Ähnliches wiederholt sich Jahre später im Rhonegletschergebiet. Die monumentalen Berge der Schweiz – jene, die ihre besiedelte Umgebung prägen und noch heute aus der Ferne sichtbar sind – erhielten ihre Namen jedoch auf andere Weise.Ein Beispiel ist der Säntis (2501 m ü. M.), dessen Name zu den ältesten überhaupt gehört. Die erste Nennung des Säntis als Gebirgszug findet sich im Jahr 850 als «iugum Sambutinum» (das Sambutinische Joch, das Säntisgebirge) im berühmten Briefwechsel des Benediktinermönchs Ermenrich von Ellwangen mit Abt Grimald von St. Gallen.In einer Urkunde von 868 finden wir den Beleg «in monte situm, qui dicitur Sambiti», am Berg gelegen, der Sambitus heisst. Und im Jahr 1155 heisst es: «ad alpem Sambatinam», auf der Alp Sambatin. Dem Gipfel liegt ein Alpname zugrunde, der wiederum nach einem romanischen Personennamen benannt wurde: Sambatinus oder Sambutinus, der am Samstag Geborene. Dieser spätantike und frühmittelalterliche Personenname ist aus Inschriften, Mönchslisten und Verbrüderungsverzeichnissen, besonders aus dem romanischen Sprachgebiet, bekannt.Früh genannt ist auch der Sehnsuchtsberg der Alpinisten, der Eiger (3970 m ü. M.). Bereits im Jahr 1252 heisst es in einer Urkunde: «Mons qui nominatur Egere», Berg, der Egere genannt wird. Und 1525 findet man ihn in einem Grenzbeschrieb: «Das Gut Zen Trogen stösst obsich an Eÿger an berg, unden an die Lütschinen.» Die Namensforscher rätseln heute noch, was der Name genau bedeutet. Der jüngere der beiden Belege zeigt aber, dass es sich wohl auch hier um einen Alpnamen handelt, der auf den Berg «gewandert» ist.Die Grosse Mythe (sprich: Miite, 1899 m ü. M.) im Kanton Schwyz verdankt die Weiblichkeit ihrer Bezeichnung dem Romanischen, denn ihr Name ist von lateinisch meta, «die Säule», abgeleitet. Langes romanisches /e/ wird zu einem langen germanischen /i/ gewandelt. Sie wird gar bereits im Jahr 1217 zum ersten Mal erwähnt und beherbergt das älteste Jagdbanngebiet der Schweiz, das 1490 umfassend beschrieben wird.Der Name Säntis geht auf eine Alp zurück.Annick Ramp / NZZGrund und GratMit Paul Zinsli nahm in den 1930er Jahren ein Bündner Walser als Student in Bern den bis dahin wenig beachteten Faden der Bergnamenforschung auf. Mit seiner Dissertation «Grund und Grat» schuf er das erste systematische Werk, das sich namenkundlich mit der «Bergwelt im Spiegel der schweizerdeutschen Alpenmundarten» auseinandersetzte.Noch heute ist diese sorgfältig erstellte Arbeit das Standardwerk schlechthin für Namensforscherinnen und Namensforscher. Sein ganzheitlicher Ansatz der Namenforschung, der neben der Etymologie «zugleich Denken und Werte des heimatverbundenen Bergbewohners» einbezog, offenbart die grossartige Interdisziplinarität der Namenforschung: Geologie, Siedlungsgeschichte und Alpwesen finden sich in den Namen der Bergwelt wider. Zinsli weist auf unzählige vordeutsche Namen in der Bergwelt hin und widerlegt damit die Annahme, dass Berggipfel nur «junge» Namen tragen sollen.Vergessene NamenZurück ins Hochgebirge: Einmal auf der Karte eingetragen, sind die Namen gesetzt, wie die Forschung zeigt. Ein Beispiel ist das Massiv des Monte Rosa, das aus dem Valdostanischen übersetzt nichts anderes als «Gletscherberg» bedeutet. Als solcher, einfach auf Deutsch, wurde es früher von der Zermatter Seite aus auch von den Einheimischen bezeichnet. Diese Bezeichnung ist allerdings verlorengegangen.Hier war es vielleicht die Schönheit des Namens, die sich unter den Kartografen durchsetzte. Auch weniger bekannte Doppelnamen sind aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Im Kanton Schwyz gibt es das Beispiel des Ortstocks (2716 m ü. M.), der von der Schwyzer Seite aus Silberstock hiess und als solcher noch in der Siegfriedkarte von 1898 mit dem Doppelnamen eingetragen war. Jetzt ist der sehr passende Name verschwunden, denn er beschrieb den Glanz des Schieferkalkgesteins im Sonnenlicht. Mit Ortstock wurde der Glarner Name auf der Karte verewigt. Er wurde benannt nach der Alp Ort, der «äussersten Alp» an der Kantonsgrenze.Der Liskamm hatte in den 1830er Jahren den malerischen Namen Silberbast erhalten. Namensgeber war der Walliser Domherr Josef Anton Berchtold, der während seiner Arbeit als Vermesser für die Dufourkarte manchem Walliser Gipfel zu einem bleibenden Namen verhalf. Als Bast wird der hölzerne Rückenschutz des Maultiers beim Säumen von Waren bezeichnet, von der Form her einem Sattel ähnlich.Der Kartograf Berchtold taufte auch den Dom (4546 m ü. M.), den höchsten Gipfel auf Schweizer Boden, der eigentlich Grabenhorn oder Festihorn hiess. Von den alten Namen zeugen noch der Festigletscher, der Festigrat und das Festijoch. Immerhin nahm Berchtold nicht nur eigene Bergnamengebungen vor, sondern sorgte auch dafür, dass viele einheimische Namen in das Kartenwerk aufgenommen wurden.Unbestritten ist, dass einige Viertausender junge Namen sind, die mit der Eintragung in die Dufourkarte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Die anderen Beispiele zeigen jedoch, dass bei einer tieferen Erforschung dieser vermeintlich jungen Namen mit weiteren Entdeckungen älterer Schichten zu rechnen ist.Der Ortstock oberhalb des Urnerbodens hiess früher auch Silberstock.Eddy Risch / KeystoneNathalie Henseler forscht seit 29 Jahren zur Onomastik und hat sich auf Bergnamen sowie Familiennamen, Siedlungsgeschichte und Wüstungsforschung im alpinen Raum spezialisiert. Dies ist der zweite Teil ihrer Serie zu Namen in der Schweiz.Passend zum Artikel