Von Zitterberg bis Saeptu Monte: wie Alpenpässe zu ihren Namen kamenSeit Jahrtausenden queren Menschen die Alpen und hinterlassen auf den Routen ihre Namensspuren. Die Bezeichnungen der Pässe sind so vielfältig wie die Kulturen in ihren Talschaften. Ein sprachlicher Streifzug durch die Schweiz.Nathalie Henseler16.07.2026, 05.29 Uhr5 LeseminutenDie historische Passstrasse Tremola verdankt ihren Namen der ursprünglichen Bezeichnung des Gotthards: Monte Tremulo, Zitterberg, hiess der Pass lange Zeit.Alessandro Crinari / KeystoneDer Mittelpunkt der Schweiz liegt gemäss kollektivem Gedächtnis auf dem Gotthard. Der Gotthardpass (2106 m ü. M.) ist historisch, mythologisch und gesellschaftlich so stark aufgeladen, dass spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg kein Weg mehr an ihm vorbeiführt. Seine Bedeutung war allerdings bis zum Bau der Gotthardstrasse 1830 eher gering.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Benannt wurde er nach dem 1131 heiliggesprochenen Benediktiner Gotthard (961–1038), dem Bischof von Hildesheim – oder besser gesagt nach der ihm geweihten Kapelle auf der Passhöhe. Zuvor trug der Pass Namen wie Monte Tremulo (Zitterberg, wovon die Tremola noch heute ihren Namen hat), Mons Ursarie (Urschnerberg, benannt nach der Talschaft von Andermatt, der Urscheren) oder Mons Elvelinus, bevor sich 1237 Monte Sancti Gutardi durchsetzte.Der heimliche König der Alpenpässe aber ist über Jahrhunderte der Septimerpass (2310 m ü. M.) zwischen Casaccia im Bergell und Bivio im Surses. Er gehörte zusammen mit dem Grossen Sankt Bernhard im Westen und dem Brenner im Osten zu den drei bedeutendsten Alpenübergängen im Mittelalter. Die Säumer und Händler wählten gemäss den Bündner Autoren Cristian Collenberg und Martin Bundi für ihre Alpenrouten stets den direkten Weg von Norden nach Süden, egal, ob der Weg über steile Flanken auf die Höhe führte. Hauptsache, die Route war kurz.Unklare Namensherkunft des SeptimerpassesKonstanz und Mailand waren die nächsten grossen Handels- und Kulturzentren, die durch Bündner Pässe verbunden werden sollten. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass aus der Überlegung der Gradlinigkeit heraus der Septimer für diese Verbindung ideal lag. Collenberg und Bundi setzten sich fundiert mit dem Bündner Saumwesen auseinander und haben erstaunliche Entdeckungen gemacht, die sie in ihrem Werk «Rätische Alpenpässe / Vias alpinas reticas» detailliert darlegten.Der Name des Septimerpasses bleibt rätselhaft, die Deutungsversuche reichen von «Felsiger Sitz» über den «Siebten Pass» (in der Aufzählung einer Reihe von Pässen in geografischer Abfolge) bis zur letztes Jahr vom Indogermanisten Michiel de Vaan erneut aufgebrachten These eines «beschützten, eingehegten Passes», abgeleitet von einem spätlateinischen *Saeptu Monte.Einig ist man sich auf jeden Fall darüber, dass mit der italienischen Bezeichnung Sett (Pass da Sett) ursprünglich nicht nur der Septimer selbst, sondern ein grosses Gebiet vom Bergeller Dorf Casaccia an nordwärts benannt worden ist. Vom Septimer nordwärts führte die direkteste Route von Mailand nach Konstanz von Bivio («zwei Wege»), wo sich die Julier- und die Septimerroute trafen, weiter über Lantsch (Lenzerheide) nach Chur und von dort über den St.-Luzisteig ins St. Galler Rheintal.Es gab aber auch die Variante über das Domleschg und den Kunkelspass (1357 m ü. M.) durch die Taminaschlucht nach Sargans. Die Alp Kunkels, ein Kleinod ennet der Wasserscheide oberhalb von Tamins (GR), ist Namensgeberin des Passes. Der Name ist abgeleitet vom lateinischen «concha», Muschel, was die Form der Alp als aufgeklappte Jakobsmuschel beschreibt. Auch im Hochgebirge der Viertausender um die Walliser Täler herrschte über Jahrhunderte reger Handelsbetrieb.Auf steilen Stiegen zum BergpanoramaDer Theodulpass zwischen Zermatt und Cervinia auf sagenhaften 3287 m ü. M. wurde bereits zu römischer Zeit begangen, sein heutiger Name bezieht sich wohl auf den ersten Bischof, Theodor von Sitten (um 381 belegt). Joder, wie der umgangssprachliche Name lautet, ist der Walliser Landespatron, Theodul der kirchliche Name. Der Pass trug auch den Namen Matterberg oder Augstthalerberg (nach der deutschen Bezeichnung des Aostatals, das er mit dem Mattertal verbindet).Nicht minder bezaubernd ist der Monte-Moro-Pass (2853 m ü. M.), der Saas Almagell mit dem Walserdorf Macugnaga im piemontesischen Valle Anzasca verbindet. Er hat seinen Namen wohl von der Südseite aus bekommen, denn der «schwarze Berg» sticht in der Kulisse der Viertausender dunkel heraus.Eine Begehung ist dieser Pass alleweil wert, nicht nur des atemberaubenden Panoramas wegen, sondern auch zur Bewunderung der goldenen Statue Madonna delle Neve, der heiligen Maria zum Schnee, und der eindrücklichen Spuren, welche die Walser beim Ausbau des Passes in den Felsen hinterlassen haben.Im Südwesten der Schweiz gehört die Gemmi (2314 m ü. M.) zwischen Kandersteg (BE) und Leukerbad (VS) zu den spektakulärsten Pässen überhaupt. Wein, Salz, Käse und Vieh wurden über die steile Rampe gebracht, welche seit 1550 als Hauptweg über die Gemmi führt, als Ersatz für die weiter östlich liegende Alte Gemmi. Ende des 19. Jahrhunderts wurden für viel Geld mit dem einachsigen «Gemmiwägeli» auch gutbetuchte Gäste von Kandersteg bis zur Passhöhe hinaufgekarrt. Für die Erklärung des Namens Gemmi kann am ehesten eine vordeutsche Form zum lateinischen «camminus», Weg, angesetzt werden.Viehhandel am JaunpassWeiter im Nordwesten findet sich mit dem Jaunpass (1509 m ü. M.) ein Teil der Grenze zwischen der welschen und der deutschen Sprachregion. Dieser – im Gegensatz zur Gemmi – leicht zu begehende Pass wurde vor allem für den Viehhandel rege benutzt. Während des Deutsch-Französischen Krieges entschied sich die Eidgenossenschaft dazu, die Strasse als militärische Verbindung zwischen den Truppenstützpunkten Bulle (VD) und Thun (BE) auszubauen. Sie bildete die Trasse der heutigen Passstrasse.Der Name Jaunpass setzte sich erst mit dem Bau der Militärstrasse durch, sein ursprünglicher und heute bei Einheimischen noch bekannter Name lautete «Uf dem Bruch». Der Jaunpass ist nach der Ortschaft Jaun benannt, deren Name wiederum auf einen keltischen Flussnamen *Jagonia (>*Jaunia) zurückgeführt wird, der als Ableitung vom Wortstamm *jag-, Eis, erklärt wird. Der Flussname Jaun (frz. Jogne) würde also «die Kalte» bedeuten. Der urkundlich 1228 belegte ursprüngliche Name von Jaun lautete Balavarda. Es ist die frankoprovenzalische Dialektvariante von Bellegarde, schöner Ausblick, und ist ein typischer Burgname des Mittelalters.Von Tritten und SchweinenUnbekannte, aber nicht minder attraktive Pässe finden sich beispielsweise in Innerschwyz. Der Wannentritt (1595 m ü. M.) ist der gut gelegene Zugang vom Dorf Muotathal (SZ) aus auf die Stoosalpen. Der Pass ist nach der Alp Wannen auf der Nordseite benannt, welche wiederum nach einer Wanne bezeichnet ist, womit ein sogenannter Worfelkorb gemeint ist, mit dem Getreide gereinigt wird. Er hat eine spezifische, abgeflacht-ovale Form, welche der Geländeform der Alp ähnlich sieht.Das Grundwort Tritt findet sich häufig bei kleinen Passübergängen, die nur zu Fuss bewältigt werden können, ein bekanntes Beispiel dazu ist der Bärentritt (2010 m ü. M.) zwischen Braunwald (GL) und der Glattalp (SZ). Der kürzeste Weg von der March ins Muotatal (SZ) oder ins Klöntal (GL) führte vom Wägital über den Schwialppass (1570 m ü. M.). Der Pass ist nach der darunterliegenden Schweinalp benannt. Im Glarner Dialekt werden Schweine mit Schwii bezeichnet, im Gegensatz zu Süü in der Schwyzer Mundart. Hier hat sich die dialektale Grenze nicht an die geografische gehalten, denn der Pass verbindet zwei Schwyzer Täler miteinander.Schweine waren ein unerlässlicher Teil der Alpwirtschaft, insbesondere der Sennerei. Sie lieben Molke – im Muotataler Dialekt Sirte genannt –, ein Abfallprodukt der Käseherstellung. Ihr Fleisch wird dadurch zarter, der Senn hat eine Nebeneinkunft, wenn er die Schweine auf der Alp sömmert, und der Metzger hat am Ende besseres Fleisch für seine Kundschaft.Nathalie Henseler forscht seit 29 Jahren zur Onomastik und hat sich auf Bergnamen sowie Familiennamen, Siedlungsgeschichte und Wüstungsforschung im alpinen Raum spezialisiert.Passend zum Artikel
Wie Alpenpässe wie der Gotthard und der Septimer zu ihren Namen kamen
Seit Jahrtausenden queren Menschen die Alpen und hinterlassen auf den Routen ihre Namensspuren. Die Bezeichnungen der Pässe sind so vielfältig wie die Kulturen in ihren Talschaften. Ein sprachlicher Streifzug durch die Schweiz.










