Ein Natursee, eingerahmt von Schilf und Seerosen, rundum saftig grüne Wiesen und in der Ferne die Gipfel der Engadiner Dolomiten: Schöner kann man nicht baden als im Lai da Padnal, einer Art alpinem Infinitypool, den sich die Anwohner der Berggemeinden per Crowdfunding zugelegt haben. Nach gut Schweizer Art wird jede Spenderin und jeder Spender namentlich mit einer Metallplatte auf dem Holzsteg geehrt. Für uns kommt das Gewässer genau zum richtigen Zeitpunkt. Stundenlang sind wir durch Almwiesen mit meterhoher Schafgarbe gelaufen, die Füße heiß, die T-Shirts durchgeschwitzt. Schnell tauchen wir ins kühle Nass, bevor wir in der Scuntrada, dem Café am zentralen Dorfplatz von Ftan, über den Mittagstisch herfallen.Der See kam für uns ebenso unerwartet wie die archaischen Orte, die auf dem Weg lagen. Guarda, Bos-cha, Ardez – ein Weiler schöner als der andere. Die stattlichen Bauernhäuser sind mit Sgraffiti, meist geometrischen Mustern, verziert, an den Fassaden halten Sinnsprüche auf Rätoromanisch die Vorübergehenden dazu an, genügsam zu sein und auf Gott zu vertrauen. In früheren Zeiten war das sicher die beste Art, sich mit den Lebensbedingungen zu arrangieren.

In den Höhenlagen mit steilen Hängen ist die Viehwirtschaft beschwerlich. Inzwischen scheint sich hier keiner mehr um sein Auskommen sorgen zu müssen – ohne dass sich das Unterengadin einem touristischen Ausverkauf verschrieben hat wie Teile Tirols. So muss man auf dieser neuen Variante der Alpenüberquerung nicht befürchten, durch überlaufene Orte wie im Zillertal zu kommen.Mythos AlpenüberquerungDie bisherigen Weitwanderrouten über die Alpen (die Klassiker von Oberstdorf nach Meran oder von München nach Venedig sowie die gemäßigtere Variante von Gmund am Tegernsee nach Sterzing) haben sich längst zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Wanderreiseveranstalter haben alle möglichen Optionen im Programm. Geführt oder individuell, mit oder ohne Gepäcktransfer gibt es Angebote in den unterschiedlichsten Preislagen.Alles im Fluß: Von Scuol geht es ins Münstertal.Klaus KranebitterDie Alpenüberquerung ist längst ein Mythos. „Wobei es zu 98 Prozent Deutsche sind, die die Alpen überqueren wollen“, hat Georg Pawlata beobachtet, der uns begleitet. „Die Sehnsucht nach dem Süden treibt sie an. Wahrscheinlich sind das noch die Nachwirkungen von Goethe.“ Der Geologe und Bergwanderführer aus Innsbruck hat selbst vor gut zehn Jahren die Alpenüberquerung von Tegernsee nach Sterzing entwickelt und bietet sie mit leichten bis mittelschweren Etappen an.Stationen auf dem Weg nach Süden: von Vorarlberg über die Schweiz nach SüdtirolKlaus KranebitterWarum jetzt die neue Route? „Weil es immer mehr Engpässe gibt“, sagt er. Bei der Strecke Oberstdorf–Meran, die entlang des Europäischen Fernwanderwegs E5 verläuft, müsse man immer öfter nach Ausweichmöglichkeiten suchen. Neben fehlenden Übernachtungsmöglichkeiten erwähnt der Experte die berühmt-berüchtigten Instagram-Hotspots, die Bergwanderern mit überfüllten Bussen und Massenansammlungen an gehypten Orten die Laune verderben.Vier Jahre hat der Wegefinder, wie er sich nennt, nach einer Alternative gesucht. Und zwar einer, die neben wenig begangenen Strecken größtmögliche Abwechslung und zugleich ausreichenden Komfort verspricht. Seine neue Variante führt auf sechs Etappen durch vier Länder: von Oberstdorf im Allgäu über Vorarlberg bis Taufers im Südtiroler Vinschgau und zwischendurch eben auch durch die Schweiz. „Was die Sache nicht gerade billiger macht“, wie Pawlata bedauernd einräumt.Doch wenn das arg strapazierte Wort Vielfalt irgendwo angebracht ist, dann bei diesem Weitwanderweg: Ob Geologie, Flora, Fauna, Architektur, Kulinarik oder Sprache – selten finden sich auf einem Raum von nur achtzig Kilometer Luftlinie so große Unterschiede. Mal dominiert heller Kalkstein, mal kristalliner Fels. Präsentiert sich das Kleinwalsertal saftig grün, ist es im Unterengadin wärmer und trockener, sodass die Baumgrenze erst oberhalb von 2300 Metern beginnt.Manchmal führt der Weg auch durch schattige Laubengänge.Klaus KranebitterIn einem Tal wird Walserdütsch, im anderen Rätoromanisch gesprochen, statt „Grüß Gott“ bekommen wir auch schon mal „Allegra“ oder „Bun di“ – „Guten Tag“ im Dialekt Vallader – zu hören. Und dass keiner denkt, dass er überall Speckknödelsuppe und Kaiserschmarrn essen kann! Nein, in Graubünden werden uns herzhafte Gerstensuppe, Bündner Capuns, die typischen gefüllten Mangoldrollen, und Engadiner Nusstorte serviert. In Südtirol wiederum Schüttelbrot und luftgetrockneter Schinken.Hahnenfuß, Teufelskralle und Storchenschnabel überallUnterwegs wird uns immer wieder bewusst, dass die Alpen eine in Jahrtausenden gewachsene Kulturlandschaft sind. Wobei ansonsten natürlich das Bergwandern im Vordergrund steht. Das für uns gleich mit einer doppelten Herausforderung beginnt: Nicht allein, dass wir am ersten Tag mehr oder weniger ungeübt den mit knapp 1000 Höhenmetern längsten Aufstieg der ganzen Tour vor uns haben. Es drohen auch noch Gewitter. Wir vertrauen dem erfahrenen Begleiter, der, solange er Empfang hat, die Wetter-App im Auge behält. Am rauschenden Gemstelbach entlang steigen wir gemütlich durch das gleichnamige Tal auf.Die Wiesen sind übersäht von gelbem Hahnenfuß, blauer Teufelskralle und Storchenschnabel: eine Augenweide, wie man sie selten erlebt. Doch viel Zeit zum Fotografieren lässt uns der Wanderführer nicht. Auch die vorgesehene Rast auf der Obergemstelalpe entfällt, weil immer dunklere Wolken heranziehen. Statt wie vorgesehen zum Koblat-Pass aufzusteigen, entscheidet er kurzerhand, rechts zum Gemstelpass abzubiegen. „Gleich dahinter liegt die Widdersteinhütte“, sagt er. „Da können wir uns unterstellen, falls ein Gewitter kommt.“ Tatsächlich fallen nur ein paar Tropfen. Als wir auf der Hütte Spinatknödelsuppe löffeln, kommt wieder die Sonne heraus. Und lässt beim Abstieg die schroffen Hörner des Widdersteins noch einmal in schönstem Licht erscheinen. Erst als uns der Bus von Hochkrumbach nach Lech bringt, holt uns sintflutartiger Gewitterregen ein.Gewaltige Landschaften säumen den Weg.Klaus KranebitterVon Lech geht es dann in den folgenden Tagen ins Klostertal, von da aus weiter nach Montafon und schließlich über das Schlappiner Joch in die Schweiz. Da befördert einen die Madrisaseilbahn in den Wintersportort Klosters, von dort folgt nach kurzer Fahrt mit der Rhätischen Bahn die erwähnte Etappe durchs Unterengadin. Höhepunkt der Alpenüberquerung am sechsten und letzten Tag ist die Überquerung des Cruschetta-Passes. Für die Anfahrt nach S-charl nehmen wir das Postauto und ersparen uns eine lange, eintönige Tageswanderung. Unterwegs wieder ein totaler Szenenwechsel: Nach den saftigen Almwiesen von Scuol durchqueren wir karstige Schluchten mit viel Geröll, ein unwirtliches Gebiet, in dem früher Silber abgebaut wurde. Nach etlichen Kurven endet der Fahrweg in einem winzigen Ort auf 1800 Metern, in dem früher die Knappen wohnten.Wir füllen am Brunnen unsere Trinkflaschen auf und machen uns auf den Weg. Inmitten der Alpenflora haben es sich ein paar Dutzend Kühe bequem gemacht. Kälber saugen friedlich an den Muttertieren, eine ganze Weile begleitet uns das Gebimmel der Kuhglocken. Ansonsten säumen Latschenkiefern und Zirben den Weg. Oberhalb der Baumgrenze wachsen stattdessen Almrausch, Wacholder und Kartäusernelken. Zwischendurch sind immer wieder kleine Bäche zu überqueren.Bis zur Passhöhe sind es nur 500 Höhenmeter, aber die ziehen sich. Dann, endlich: die schweizerisch-italienische Grenze am 2296 Meter hohen Cruschetta-Pass. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Stolz überqueren wir den Alpenhauptkamm. Hinter uns das hellgraue Silvretta-Massiv, vorn grüßt in der Ferne der schneebedeckte Ortler, der höchste Gipfel Südtirols. Wir können uns kaum sattsehen. Wenn nur der Abstieg nicht wäre. 1000 Meter, das geht in die Waden. Noch dazu in der Mittagssonne bei dreißig Grad. Aber die Italiensehnsucht treibt uns an. Bald weitet sich das Tal, der schmale Pfad wird zum bequemen Fahrweg, und wir wandern ganz beseelt der Jausenstation bei Taufers entgegen, wo uns eine ordentliche Marenden-Platte mit Schinken, Käse und Schüttelbrot erwartet.Pawlatas Tour führt in sechs Etappen unterschiedlicher Schwierigkeit von Oberstdorf nach Taufers in Südtirol. Bei Auf- und Abstiegen von bis zu 1000 Höhenmetern gibt es sanftere und anspruchsvollere Etappen, aber eine gute Grundkondition sollte man schon haben. Bei der Vier-Länder-Alpenüberquerung stehen zwei Pakete zur Auswahl: „Komfortabel ohne Gepäck“ (Individualreise) im Doppelzimmer: pro Person 1290 Euro mit Übernachtung & Frühstück oder 1495 Euro mit Halbpension. Alternativ kann man die Tour mit Bergführer buchen: pro Person 1990 Euro im Doppelzimmer. Gepäcktransport und Rücktransport zum Ausgangsort sind in beiden Angeboten inkludiert. Die Tour ist von Mitte/Ende Juni bis Mitte September machbar. Weitere Informationen unter: die-alpenueberquerung.com