Nieder mit den Alpen, diesen eitlen Hindernissen!Die Schweiz ist das Land der Berge. Wer sie nicht liebt, macht sich verdächtig. Dabei verstellen die Alpen den Blick und kesseln die Gedanken ein. Sie sollten sich ein Beispiel am Grand Canyon nehmen!28.06.2026, 05.31 Uhr5 LeseminutenDer Berg ruft am schönsten im Museum: «Dents-du-_Midi» (1912), gemalt von Ferdinand Hodler.Kunstmuseum Basel / Bridgeman ImagesEs gibt so manches, was man nicht gut finden kann. Mikroplastik, Erdbeeren im Winter, Nazis, Zahnspangen und so weiter. Damit erwischt man niemanden auf dem falschen Fuss. Viel schwerer ist es, Berge nicht gut zu finden. Sofort wird man krumm angesehen. Wieso denn Berge? Das Bekenntnis sorgt für Kopfschütteln, Unverständnis, vereinzelt gar Empörung. Vielleicht nicht in Mecklenburg-Vorpommern oder in den Niederlanden, auf jeden Fall aber in der Schweiz. Hier mag man Berge. Alle mögen hier Berge.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch ich versuchte den grössten Teil meines Lebens, Berge gut zu finden. Ergriffen an ihnen hochzusehen, den Wunsch zu verspüren, sie zu besteigen und dabei Jauchzer auszustossen. Beim Anblick ihrer schroffen Wände und schneebedeckten Spitzen wohlig zu erschaudern. Heute bekenne ich: Ich mache mir nicht viel aus Bergen.Von meinem Kinderzimmer blickte ich auf den Säntis, König des Alpsteins, bei Föhn zum Greifen nah. Ein schlafender Riese über den Dächern der Einfamilienhaussiedlung, in der ich aufgewachsen war. Das erste Foto, das ich mit meiner Polaroid-Kamera schoss, zeigte den Säntis. Aber nicht nur. Aus einem flachen Korb, den ich mit Aluminiumfolie überzogen hatte, bastelte ich ein Ufo, das ich an die Dachrinne hängte und aus ein paar Metern Distanz fotografierte: unbekanntes Flugobjekt über dem Säntis. Im Nachhinein könnte man sagen, dass ich dem König des Alpsteins mit einer fliegenden Untertasse die Show stahl.Eigentlich müsste ich die Berge lieben. Fast meine ganze Familie besteht aus Bergbegeisterten. Im Keller unseres Hauses standen Ski und Bergschuhe in Reih und Glied. Ein Schrank war für die Kletterausrüstung reserviert: Seile, Haken, Helme, Kniehosen, Eispickel, rote Socken. Mein Vater machte die Rekrutenschule in der Gebirgsdivision. Später war er Präsident des Schweizer Alpenclubs, Sektion Uzwil. Keine Bergsportart, die er nicht mit Leidenschaft ausübte. Ich erinnere mich an viele sorgenvolle Sonntagabende, an denen meine Mutter auf den Vater wartete, der längst von einer Tour zurückgekehrt sein sollte. Manchmal trug ein Unwetter die Schuld an der Verspätung, meistens eine Wirtschaft, in der die Seilschaft verhockte.Von der Demo an die NordwandMein älterer Bruder schlug dem Vater nach: Warum mit dem Zug nach Italien, wenn man die Alpen zu Fuss überqueren kann? Eine Logik, die sich mir nie erschloss. Mein Onkel überlebte einen Sturz im freien Fall nur deshalb, weil Neuschnee den Aufprall abfederte, und mein Cousin gründete in den bewegten Achtzigern einen anarcho-dadaistischen Kletterklub. An demofreien Wochenenden turnte er in irgendwelchen Nordwänden rum, bis die Alpine Rettung kam.Fairerweise muss man sagen, dass Bergliebe in meiner Kindheit fakultativ war. Niemand wurde zum Wandern verknurrt. Das dürfte meiner deutschen Mutter zu verdanken sein, die aus dem fernen Masuren stammte, einer Landschaft so flach wie eine Flinse, eine in Fett gebackene Teigscheibe. Felder, Wälder, Seen, Alleen. Vereinzelt ein paar Hügel, ja, aber sie fletschen keine Granitzähne. So verbrachten wir die Sommerferien Gott sei Dank nie in den Bergen, sondern in Dänemark oder Finnland, wo es keine im Abendrot glühenden Gipfel zu bestaunen galt, sondern Dünen, das Meer und den Himmel. Später meldete ich mich trotzdem bei der Jugendorganisation des Alpenclubs an. Ich versuchte die eine oder andere Skitour, hing mit schlotternden Knien in einer Wand über dem Walensee, und immer fand ich den Moment am schönsten, wenn der Wahnsinn überstanden war. Ah, mittelländische Molassezone, ich komme!Abstecher nach Amerika: Ich halte den Grand Canyon für eine sehr gelungene Alternative zum Gebirge, wie wir es kennen. Bevor man seinen Schlund auch nur erahnt, fährt man durch Prärien und Wüsten mit nie endenden Horizonten. Gelegentlich eine Tankstelle, ein Gerippe am Strassenrand und etwas Tumble­weed, dann plötzlich Vollbremsung, end of the road, raus aus dem Wagen, ein paar Schritte zu Fuss – und schon blickt man über dieses monumentale Labyrinth aus Schluchten und erodiertem Gestein. Tolles Konzept: ein Gebirge, das nach unten wächst, statt nach oben, und niemandem die Aussicht versperrt.Vermutlich liegt darin mein latentes Unbehagen, das mich in den Bergen schon nach wenigen Tagen befällt: das Gefühl, umzingelt zu sein. Eingekesselt. Erdrückt zu werden. Überall prallt der Blick an Hängen und Felsen ab, sogar die Gedanken werden wie ein Echo auf einen zurückgeworfen. Man fragt sich, wie Nietzsche im Engadin klar denken konnte. Rätselhaft, warum es die Menschen dennoch in Scharen ins Gebirge zieht. Die Schriftstellerin Anaïs Meier vermutet eine Form der Unterwerfung: «Menschliche Liebe zum Berg ist immer ein Sich-vor-ihm-Verbeugen», schreibt sie in ihrem lustigen Kurzgeschichtenband «Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken». Und weiter: «Das Einzige, was den Berg in seiner Eitelkeit beleidigen könnte, ist das Meer.»Apropos: Den berühmten Slogan der Achtziger, «Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!», verstehe ich wörtlich. Ich kann mir keine Bergkette ansehen, ohne mich zu fragen, was dahinter ist. Meistens sind es weitere Berge. Dann nochmals Berge. Bis dann endlich, zu meiner grossen Erleichterung, die bergfreie Zone beginnt. Selbst den Engländern erschienen die Alpen im 18. Jahrhundert auf ihren Kulturreisen nach Italien erst als lästiges Hindernis und «rubbish of the earth», wie Markus Rottmann in seinem auch für Nichtbergsteiger lesenswerten Bergsteigerbüchlein «Bibliothek der besonderen Bergliteratur» schreibt. Doch dann machte ihnen das Herumkraxeln im Hochgebirge plötzlich Spass, der Alpinismus war erfunden. Maler schleppten ihre Staffeleien zu den Gletschern und pinselten, was das Zeug hielt. Sie nahmen den Alpen den Schrecken und machten sie zum Sehnsuchtsraum. Selbst mich, bekennenden Seeuferpromenadenspaziergänger, entzücken die Gemälde von Caspar Wolf, Albert Bierstadt, Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini. Je grösser, umso besser. In Zeiten der Redbull­isierung der Bergwelt sind sie ein wohltuender Anblick.Todessehnsucht oder Wahnsinn?Mark Twain soll (sinngemäss) gesagt haben, dass ihm die Berge, von einer Hotelterrasse aus betrachtet, Drink in der Hand, am besten gefielen. Tatsächlich liegen einige meiner Lieblingshotels in den Alpen: darunter das «Bellevue des Alpes» auf der Kleinen Scheidegg. Dort wird man erschlagen von der achtungsgebietenden Nähe des Eigers und seiner mörderischen Nordwand, die ich übrigens nicht nur von der Hotelterrasse aus kenne. Einmal begleitete ich den ehemaligen Liechtensteiner Skirennfahrer Marco Büchel auf den Eiger, um darüber zu schreiben, wie er sich in einem Rückwärtssalto in die Tiefe stürzte, natürlich mit einem Basejump-Fallschirm ausgerüstet. Weil einem Notizbuch-Abenteurer wie mir der Aufstieg zu Fuss nicht zuzumuten war, nahmen wir den Helikopter. Wir sprangen aus der Maschine ins steile Gelände, ein Bergführer seilte mich an, dann setzte ich mich an den Rand der senkrechten Wand, tausend Meter Leere unter den baumelnden Füssen, und sah Büchel zu, wie er in rasendem Tempo immer kleiner wurde. Als sich sein Schirm endlich öffnete, überlegte ich mir, ob die Extremsten unter den Alpinisten von einer Todessehnsucht getrieben oder einfach nur komplett verrückt sind.Später, im letzten Licht des Tages auf der Hotelterrasse, ein knisternder Eiswürfel im Whisky-Glas, Mark Twains «A Tramp Abroad» im Schoss, verspürte ich eine gewisse Milde gegenüber diesen glühenden Riesen, die sich vor mir in Pose warfen. Keine Unterwerfung, so weit würde ich nicht gehen, aber doch so etwas wie, sagen wir: Respekt. Schliesslich, das gebe ich zu, waren die Berge schon lange vor mir hier – und werden es noch lange nach mir sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel