Im Extremsport ein Erfolg, im Teamsport stösst der Red-Bull-Bulldozer aber an Grenzen – das zeigt sich an der Tour de France, in der Formel 1 und im FussballIm Sponsoring von Einzelathleten hat Red Bull Massstäbe gesetzt. Doch im klassischen Sport kriselt es an verschiedenen Stellen, wie drei Schauplätze belegen.Christof Krapf, Thonon-les-Bains, Stefan Osterhaus, Elmar Brümmer23.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEr kassiert ein Millionensalär, bringt aber auch Unruhe ins Team: Remco Evenepoel belegt an der Tour de France momentan den zweiten Rang.ImagoDas Segelflugzeug auf dem Flugplatz Son Bonet auf Mallorca verliert den Bodenkontakt. Es steigt in den Himmel: 20 Meter, 50 Meter, 100 Meter hoch. Dann klinkt die Schleppleine aus. Gezogen hat sie keine Maschine, sondern neun strampelnde Radprofis des Teams Red-Bull-Bora-Hansgrohe. «Es war ein historischer Moment», teilt der Getränkehersteller mit. Solche Inszenierungen von Spitzenleistungen beherrscht Red Bull, sie bilden das Fundament des Erfolgsmodells.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Segelflugzeug ist ein filigranes Gebilde, es gleitet leise durch die Luft. Es passt schlecht zu diesem Konzern, vor allem im Sport. Dort agiert er eher wie ein Bulldozer: Red Bull investiert viel Geld, drückt personelle Veränderungen durch und duldet wenig Widerspruch. Das Unternehmen kommuniziert über eigene Kanäle euphorisch; kritischen Fragen weicht es aus, Interviewanfragen unabhängiger Medien lehnt die Pressestelle fast schon routinemässig ab.Angefangen hat alles im Extremsport. Bis heute vertrauen Abenteurer bei ihren Stunts auf die finanzielle Unterstützung durch Red Bull. Ein Erfolgsmodell, das dem Unternehmen enorme Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken bringt. Und eines, das Red Bull längst auf den klassischen Sport zu übertragen versucht. Dort stösst das Unternehmen allerdings an Grenzen.Reibereien im MillionenkaderDie sechste Etappe der laufenden Tour de France, das Peloton quält sich den Col du Tourmalet hinauf, es folgt eine Bergankunft in Gavarnie-Gèdre. Dort bricht die Inszenierung von Red Bull erstmals ein. Remco Evenepoel, der Rekordtransfer von Red-Bull-Bora-Hansgrohe, ärgert sich über seinen Teamkollegen Florian Lipowitz, weil dieser ihn im Schlussaufstieg nicht unterstützt hat. Tags darauf beschwichtigen die Verantwortlichen der Equipe: Alles halb so wild, die Streithähne hätten sich ausgesprochen.Allen Beteuerungen zum Trotz bricht Red Bull im Radsport mit ungeschriebenen Gesetzen. Eines davon lautet: Eine Taktik mit zwei Captains funktioniert selten. Red-Bull-Bora-Hansgrohe startete in Frankreich dennoch mit einer Doppelspitze.Rückblende in den Sommer 2024. Im Hangar sieben bei Salzburg inszeniert Red Bull seine Marketingwelt. In einem Glaspalast stehen Kampfjets, Helikopter, Formel-1-Boliden, alle bemalt mit den roten Bullen. Der Getränkekonzern gab damals bekannt, 51 Prozent am Radteam Bora-Hansgrohe übernommen zu haben. Der Gründer und Teamchef Ralph Denk behielt zwar die Kontrolle, und Red-Bull-Manager bekräftigten, auf Bewährtes setzen zu wollen. Man gebe dem Personal um den Spiritus Rector Denk Zeit für den Aufbau eines Spitzenteams.Kurz vor der Tour de France 2024 gibt Red Bull bekannt, dass es 51 Prozent des damaligen Bora-Hansgrohe-Teams übernommen hat.Tim de Waele / GettyDer Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff kündigt wenig später dennoch an, dass das Kader der Fahrer verändert werden soll. Er hält die Fäden der Sportinvestitionen des Konzerns in der Hand, war im RB Leipzig Vorstandsvorsitzender, nimmt auch im Radsport Einfluss. Mintzlaff ist ein ehemaliger Leichtathlet, er gilt als medienscheu, hält sich im Hintergrund. Er sagt gerne, er überlasse dem Sport die Bühne.Dass Denk schon vor dem Red-Bull-Einstieg vom Gesamtsieg an der Tour de France träumte, ist kein Geheimnis. Dank dem Grosskonzern glaubt man bei der Equipe aus dem bayrischen Raubling, die finanziellen Mittel für diesen Coup zu haben. Red-Bull-Bora-Hansgrohe hat mit geschätzten 45 Millionen Euro eines der höchsten Budgets im Peloton.Schon 2024 hatte die Teamführung Evenepoel im Blick, den zweifachen Olympiasieger, Weltmeister auf der Strasse und im Zeitfahren, Gewinner der Vuelta, Classique-Jäger. Im vergangenen Winter verpflichtete Denk den Superstar. Das Team überwies Evenepoels bisherigem Arbeitgeber eine einstellige Millionensumme als Ablöse und zahlt dem Belgier zwischen 7 und 8 Millionen Euro Salär pro Saison. Ein gewaltiges Gehalt, mit dem sich Red Bull jedoch Unruhe einkaufte.Evenepoels feindliche ÜbernahmeEvenepoel brachte eigene Betreuer, Mechaniker und Trainer mit. Ein ehemaliger belgischer Profi sprach von einer «feindlichen Übernahme». Andere Mitarbeiter wurden überzählig. Unter anderen traf es den langjährigen Sportchef Rolf Aldag. Er habe in einer Phase des Umbruchs Verantwortung übernommen, nun seien neue Impulse gefragt, hiess es offiziell. Auch Dan Lorang, seit einem Jahrzehnt der Performance-Chef, verlässt das Radteam; er habe den Wunsch nach einer Veränderung verspürt.Zusätzlich verkomplizierte die Entwicklung von Florian Lipowitz die Lage. Der Deutsche fuhr 2025 überraschend auf das Podest der Tour de France – just vor Evenepoels Ankunft. Die Führung sprach von einem «Luxusproblem», zwei Captains bedeuteten zwei Chancen auf den Sieg. Das hauseigene Magazin begleitete die beiden ins Trainingslager und inszenierte eine harmonische Rivalität nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stärker.Evenepoel reagierte vor dem Grand Départ in Barcelona dennoch ungehalten auf die Frage, was er von Lipowitz lernen könne. Seine Antwort lautete knapp: «Nichts.» Die Fronten waren geklärt: Hier die Hoffnung der deutschen Fans, ein zurückhaltender Fahrer; dort der belgische Star, ein meinungsstarkes Alphatier.Auf die Frage, was er von seinem Co-Captain Florian Lipowitz lernen könne, sagte Remco Evenepoel vor dem Tour-Start: «Nichts.»Garnier Etienne / ImagoDer grosse Knall ist an der laufenden Tour ausgeblieben, Insider sagen, dass die Stimmung in der Equipe erstaunlich gut gewesen sei. Den Verantwortlichen blieb aber auch der Entscheid erspart, welchen Fahrer sie bedingungslos unterstützen. Lipowitz stürzte im Zeitfahren am Dienstag und gab die Tour auf; Evenepoel hingegen wirkte schon in den vorherigen beiden Wochen stärker. Er ist im Gesamtklassement Zweiter hinter Tadej Pogacar und gewann am Sonntag eine Bergetappe sowie am Dienstag das Zeitfahren.Die Tour de France wird Red-Bull-Bora-Hansgrohe in diesem Jahr voraussichtlich nicht gewinnen. Daran ändern die vielen Millionen nichts, die Red Bull in die Equipe pumpt. Der Aufbau eines Spitzenteams dauert oft Jahre. Vielleicht wird sich Red Bull daran erinnern, dass diese Eigenschaft einst ein Erfolgsmodell des Konzerns im Sport war.Rolling Stones statt Schweigeminute in TexasIn der Formel 1 setzte Red Bull unter der Führung des Unternehmensgründers Dietrich Mateschitz auf Kontinuität. Und hatte Erfolg damit: Acht WM-Titel bei den Fahrern und sechs bei den Konstrukteuren hat der Rennstall zwischen 2010 und 2024 errungen. Als Mateschitz im Oktober 2022 starb, wurde in Austin, Texas, vor dem Formel-1-Rennen statt einer Schweigeminute der Song «Start Me Up» von den Rolling Stones gespielt.Wenig später fuhr der Rennstall den Konstrukteurstitel und Max Verstappen den WM-Titel bei den Fahrern ein. Nach Mateschitz’ Tod schien zunächst alles weiterzulaufen wie bisher. Doch der Schein trog: Mit dem Ableben des Patrons schwanden die Geduld und die Verlässlichkeit.Das strahlt aus bis in diesen Sommer: Kurz vor der Saisonhalbzeit ist Verstappen in der WM nur Siebenter und spielt mit dem Gedanken, seinen bis 2028 laufenden Rentenvertrag vorzeitig aufzulösen. Das Team rangiert auf dem vierten Platz und ist – gemessen an den Ansprüchen – nur Mittelmass.Für den Österreicher Mateschitz war die Formel 1 ein Lieblingsspielzeug. Aber auch der erste Schritt, globales Interesse für seinen Energy-Drink zu wecken. Begonnen hatte das mit einem Aufnäher auf dem Overall seines Landsmanns Gerhard Berger, später mit einer Beteiligung am Schweizer Sauber-Rennstall. 2005 kaufte Mateschitz die dümpelnden Teams von Jaguar und Minardi. Er päppelte sie mit vielen Millionen zum Spitzenteam Red Bull und zum Entwicklungsrennstall Toro Rosso auf.Mittlerweile eine grössere Marke als Red Bull: der Rennfahrer Max Verstappen.Amr Alfiky / ReutersBei Red Bull Racing kommt es zum MachtkampfMateschitz hörte dabei auf einen anderen Steirer, den einstigen Rennfahrer Helmut Marko, einen knallharten Veteranen mit Gespür für die Eigenheiten des Motorsports. Der holte Sebastian Vettel und später Verstappen zum Team, die beide Weltmeister wurden. Das komplexe Renngeschäft mit Tausenden Angestellten überliess man Spezialisten wie Christian Horner. Der Teamchef gewann Titel – und Macht. Die Rennzentrale im englischen Milton Keynes operierte weitgehend eigenständig; Mateschitz vertraute auf seinen Aufpasser Marko.Nach dem Tod des Gründers zerbrach das Gefüge. Horner verbündete sich mit dem thailändischen Mehrheitseigner Chalerm Yoovidhya. Fortan herrschte ein permanenter Machtkampf an der Spitze, da sich Verstappen und dessen Vater Jos auf Markos Seite schlugen.Horner geriet zudem durch Vorwürfe um ein angebliches Verhältnis mit einer Mitarbeiterin unter Druck. In den Streitigkeiten verlor das Team Schlüsselpersonen: Der Stardesigner Adrian Newey und der Teammanager Jonathan Wheatley verliessen Red Bull.Aus der österreichischen Firmenzentrale erhöhte der Sportmanager Mintzlaff derweil den Druck. Die eigenmächtigen Entscheidungen in England waren dem Management zunehmend ein Dorn im Auge. Ende 2025 trat Marko zurück – offenkundig nicht freiwillig.Wenn reine Konzernstrategen wie Mintzlaff das Kommando im Motorsport übernehmen, geht das selten gut. Rivalen wie Mercedes lassen ihre Rennfilialen an der langen Leine. Bei Red Bull wich die einstige Souveränität hingegen einer untypischen Verunsicherung. Nun droht auch noch der Verlust von Verstappen. Im Red-Bull-Kosmos waren die Athleten stets von der Marke abhängig – bei Verstappen verhält es sich mittlerweile umgekehrt.Klopp ist schon wieder weg bei Red BullÄhnlich wie in der Formel 1 setzt Red Bull im Fussball darauf, Talente zu entdecken, auszubilden und teuer zu verkaufen. Das funktionierte jahrelang mit Spielern wie Naby Keïta oder Dayot Upamecano. Für weltweites Aufsehen sorgte der Konzern schliesslich mit der Verpflichtung von Jürgen Klopp als «Head of Global Soccer».Klopp, 59, sollte die Standorte Leipzig, New York, Brasilien und Salzburg koordinieren und eine einheitliche Philosophie verankern. Nun verlässt Klopp das Unternehmen nach nur anderthalb Jahren, um deutscher Nationaltrainer zu werden. Für Red Bull ist das ein Rückschlag. Klopp verlieh dem Netzwerk Renommee und brachte Fachwissen – Qualitäten, die in der Führungsriege des Konzerns Mangelware geworden sind.Die sportlichen Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. In Salzburg wurde das Team dreimal nacheinander nicht österreichischer Meister. In Brasilien verpasste RB Bragantino den ersehnten internationalen Titel, und New York verfehlte in der MLS erstmals seit fünfzehn Jahren die Play-offs.Auch beim Vorzeigeklub RB Leipzig herrscht Unruhe. Klopp wechselte den Trainer Ole Werner aus, trotz einem ansprechenden dritten Platz in der Bundesliga. Als Nachfolger wurde Martín Demichelis verpflichtet. Die Verantwortung für diese Personalentscheide trägt Mintzlaff, der auch das Fussballgeschäft prägt.Er brachte Renommee und Fachwissen in den RB-Konzern – doch schon nach anderthalb Jahren verlässt Jürgen Klopp das Unternehmen wieder.Rudy Carezzevoli / GettyDie Grenzen der KontrolleMintzlaff ist in Leipzig eine umstrittene Figur. Den Erfolg der ersten Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg 2017 bestätigte RB nicht. Bis heute ist der Halbfinal der Champions League im Jahr 2020 das beste Ergebnis. Zu jener Zeit profitierte Leipzig von der Sachkunde des Sportdirektors Ralf Rangnick. Der Deutsche wurde jedoch entmachtet – und verliess den Konzern zugunsten des österreichischen Nationalteams. Auf ähnliche Weise geschah das mit Marko und Horner in der Formel 1, mit Aldag im Radsport.Mintzlaff hat zwar Einfluss im deutschen Fussball, doch er stammt nicht aus der Branche. Weshalb aus Leipziger Sicht der Wunsch, dass Klopp RB auch in Zukunft hin und wieder beratend zur Seite stehen könnte, verständlich war. Dass es dazu kaum kommen wird, dürfte für den Klub ein Problem darstellen.Im Extremsport, bei Basejumpern, Kunstfliegern und Bergsteigern, hat Red Bull Erfolg. Ähnlich sieht es mit dem Sponsoring von einzelnen Athleten aus, Marco Odermatt, Franjo von Allmen und Wout van Aert sind nur drei von Dutzenden Beispielen. Hier hat der Getränkekonzern Massstäbe gesetzt.Doch im Mannschaftssport stösst das System Red Bull an Grenzen. Auf den Strassen der Tour de France, in den Stadien von Brasilien bis Österreich und auf den Rennstrecken der Welt prallen Egos aufeinander. Mit dem Bulldozer lassen sich die nicht aus dem Weg räumen.Passend zum Artikel