PfadnavigationHomeRegionalesBerlin & Brandenburg«Das ist schon eine Zumutung»Stand: 05:03 UhrLesedauer: 4 MinutenWird die Zahl der Behandlungen pro Psychotherapeut auf 18 Patienten begrenzt, müssten diese künftig mit längeren Wartezeiten rechnen, meint auch die Kassenärztliche Vereinigung Berlin. (Illustration)Quelle: Katharina Kausche/dpaMit dem Beitragsstabilisierungsgesetz soll die Finanzlage der Krankenkassen verbessert werden. Viele Psychotherapeuten befürchten dadurch erhebliche Einschnitte - bis hin zu Praxisschließungen.Monatelang müssen Patienten in Berlin mitunter auf einen Psychotherapieplatz warten. Psychotherapeuten fürchten, dass es bald noch länger dauern könnte. Denn mit dem von Bundestag und Bundesrat verabschiedeten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, einem Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen, dürften sowohl die Einnahmen von Psychotherapeuten als auch die Zahl der Psychotherapieplätze sinken.Was steckt dahinter?Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge haben sich die Ausgaben für Psychotherapie in den vergangenen zehn Jahren auf 3,9 Milliarden Euro pro Jahr (2025) fast verdoppelt. Mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz sollen Beitragserhöhungen bei den Krankenkassen verhindert werden.Besonders gespart wird bei der Psychotherapie. Kritiker bemängeln, dass die Zahl der Psychotherapeuten zuletzt zwar zugenommen habe, die Wartezeiten für Therapieplätze aber nicht kürzer geworden seien. Laut einer Auswertung von Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu gesetzlich Versicherten warten Patienten im Schnitt 142 Tage auf den Beginn einer Therapie.Im Zuge des Gesetzes wird die Honorierung der Psychotherapie grundlegend geändert. Vereinfacht gesagt werde Psychotherapie künftig nicht mehr extrabudgetär zum vollen Preis, sondern aus einem gedeckelten Budget bezahlt, voraussichtlich innerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV), erklärt Eva Schweitzer-Köhn, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Berlin (PtK Berlin) und selbst praktizierende Therapeutin.Nicht nur die Budgetierung ist aus ihrer Sicht ein großes Problem. Auch die sogenannte Angemessenheitsprüfung fällt weg, ein gesetzlicher Schutzmechanismus, der sicherstellen soll, dass psychotherapeutische Honorare ein Mindestniveau nicht unterschreiten, wie Schweitzer-Köhn erläutert. Zusätzlich fallen Zuschläge für Kurzzeittherapien und für kurzfristige Termine über die Terminservicestelle weg.Wie rechnen Psychotherapeuten ab?Psychotherapeuten bieten zeitgebundene Leistungen an, werden also pro Patient pro Stunde bezahlt. Je nachdem, ob sie einen halben oder einen ganzen Kassensitz haben, müssen sie eine Mindestanzahl an Sprechstunden pro Woche anbieten und können unterschiedlich viele Patientenstunden pro Quartal abrechnen.Ein halber Sitz reichte bisher aus, um eine Praxis auszulasten. Viele Psychotherapeuten mit einem halben Sitz behandeln 25 bis 30 Patienten pro Woche, plus Dokumentation, Qualitätssicherung und Fortbildungen - also Arbeitszeit, die nicht vergütet wird.Schweitzer-Köhn zufolge profitiert Berlin von den vielen halben Kassensitzen. Die Verteilung der Praxen innerhalb der Stadt sei gerechter geworden, es gebe mittlerweile mehr Psychotherapeuten in den Randbezirken als früher. Und zwei Psychotherapeuten mit je einem halben Kassensitz arbeiten in der Regel mehr als ein Psychotherapeut mit einem vollen Kassensitz. Das wird in der Zukunft zumindest erschwert.Mit einem halben Kassensitz - in Berlin sind das etwa zwei Drittel - bekommen Psychotherapeuten ab Anfang 2027 möglicherweise nur noch 18 Stunden pro Woche voll vergütet. Darüber hinaus werden sie abgestaffelt, das heißt geringer bezahlt, wie Schweitzer-Köhn sagt. Ganz klar sei das aber noch nicht.Was bedeutet das?Für eine Stunde mit einem Patienten bekommt eine Psychotherapeutin im Moment 114,54 Euro. Von den Einnahmen müssen die Miete für die Praxis, Krankenversicherung und Altersvorsorge getragen werden, außerdem Ausfälle wegen Krankheit und Urlaub sowie Fortbildungen.Insbesondere für jüngere Kolleginnen und Kollegen sei die Situation belastend, sagt Schweitzer-Köhn. Wer erst vor kurzem die lange und kostspielige Ausbildung abgeschlossen und einen Kredit aufgenommen habe, um eine Praxis mit Kassensitz zu bezahlen, habe vielleicht gehofft, jetzt 25 bis 30 Patienten in der Woche behandeln zu können. Das werde so voraussichtlich nicht mehr möglich sein zum vollen Preis.«Das rechtlich geschützte Mindesthonorar, das wir vor dem Bundessozialgericht erstritten haben, wird behandelt als Maximalhonorar», sagt Schweitzer-Köhn. «Das ist schon eine Zumutung.»Was heißt das für Patienten?«Wir müssen damit rechnen, dass Behandlungsplätze wegfallen, bei mindestens gleichbleibendem Bedarf», sagt Schweitzer-Köhn. Es könnte also noch schwieriger werden, einen Therapieplatz zu bekommen. Die Wartezeiten würden länger werden, und es könne passieren, dass Menschen eine notwendige Behandlung nicht zeitgerecht bekommen, befürchtet sie.«Chronifizierung, Verschlimmerung, längere Arbeitsunfähigkeiten, eventuell mehr Frühverrentung»: Die Liste der befürchteten Folgen sei lang. «Es kann sein, dass es mehr stationäre Behandlungen geben wird, und mehr Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen.» Schweitzer-Köhn sieht eine Kostenverlagerung kommen, möglicherweise in Summe auch eine Kostenerhöhung statt einer -senkung.Auch die KV Berlin geht von längeren Wartezeiten auf Therapieplätze aus und befürchtet, dass einigen Psychotherapeuten durch das neue Gesetz die Mittel fehlen werden, um ihre Praxen am Leben zu erhalten.Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) sieht mühsam errungene Erfolge in der psychotherapeutischen Versorgung zunichtegemacht. In einer Stellungnahme heißt es: «Aus Sicht der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung werden die Versorgungsstrukturen (...) auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte hinaus gefährdet.»dpa-infocom GmbH
«Das ist schon eine Zumutung» - WELT
Mit dem Beitragsstabilisierungsgesetz soll die Finanzlage der Krankenkassen verbessert werden. Viele Psychotherapeuten befürchten dadurch erhebliche Einschnitte - bis hin zu Praxisschließungen.






