AnalyseDer Hype um das Thema künstliche Intelligenz dominiert die Börsen, was diese verwundbar macht. Ein Blick unter die Indexoberfläche sorgt jedoch für Beruhigung.Vergleiche mit der Technologieblase zur Jahrtausendwende haben derzeit Hochkonjunktur. Wie damals das Internet raubt mit dem Aufkommen von künstlicher Intelligenz (KI) eine neue Technologie den Anlegern dank scheinbar uneingeschränkter Wachstumsmöglichkeiten den Verstand. Die gewaltigen Kursfortschritte der KI-Profiteure, vor allem aus dem Halbleiter- und Speicherbereich, und ihre jüngsten, fast ebenso spektakulären Verluste sorgen für ein zusätzliches Déjà-vu (vgl. Grafik).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kursentwicklung vergangener BlasenDer Kursauftrieb der Halbleiterwerte ab 2015 (rechts, in schwarz) ähnelt dem des Nasdaq 100 während der Technologieblase von 1990 bis 2000 (in der Mitte, ebenfalls schwarz).Quelle: BCA ResearchMit den Vergleichen wenig anfangen kann der langjährige Marktbeobachter Alfons Cortés. «Die riesigen Kursgewinne in Semiconductors werden heute gerne mit der Dotcom-Blase gleichgesetzt», schrieb er kürzlich in seinem Blog. Doch der Vergleich hinke. Er sehe zwar durchaus Konsolidierungs- oder Korrekturbedarf bei den Halbleiterwerten, doch das heutige Umfeld sei ganz anders als damals.Wie sich Bärenmärkte abzeichnenUm zu zeigen, wie es damals war, verweist Cortés auf seine Kolumne, die Anfang Februar 2000 in der «Finanz und Wirtschaft» erschienen ist. In den letzten Monaten der Internet-Blase seien der US-Technologiesektor 61% und der Kapitalgütersektor 6,6% gestiegen, während alle anderen Sektorindizes stabil geblieben oder gesunken seien. Am heftigsten erwischte es Basiskonsumgüterhersteller mit einem Minus von 30%. «Eine solche Konzentration auf nur ein bis drei Sektoren war aus historischer Sicht immer ein Vorläufer von Bärenmärkten», warnte er. Die Dotcom-Blase platzte im März.Heute sind die Börsen deutlich weniger konzentriert, wie der Blick auf das Abschneiden der elf MSCI-Sektoren zeigt (vgl. Grafik). Auf Sicht von zwölf Monaten notieren alle im Plus, über sechs Monate handeln zwar vier im Minus, die Verluste halten sich bisher allerdings in Grenzen. Cortés verweist ferner darauf, dass kein Sektor über das gesamte Jahr ununterbrochen stark war, und auch das unterschiedliche Abschneiden der Branchen innerhalb der Sektoren spreche gegen eine allzu einseitige Positionierung der Anleger, ist er überzeugt.Im Gegenteil, diese Divergenzen seien ein Beleg für überlegtes, wählerisches Vorgehen bei der Titelselektion, «das in krassem Gegensatz steht zu spekulativen Phasen», fährt Cortés fort. Dass die heissgelaufenen Segmente innerhalb des Technologiesektors nun konsolidieren, begrüsst er. Das sei «eine Art Selbstreinigung», weil so die Exzesse korrigiert würden.Markt wird breiter, nicht engerDass der Mark nicht in einer schlechten Verfassung ist und durchaus auch andere Themen spielt als nur KI, bestätigt die Anzahl und Art der Aktien, die an der Hausse teilhaben, in der technischen Analyse als Marktbreite bezeichnet. Das wohl geläufigste Mass zu ihrer Bestimmung ist die kumulative Advance-Decline-Linie, die von der New York Stock Exchange (NYSE) für sämtliche dort kotierten Aktien berechnet wird.Hergeleitet wird sie, indem täglich die Differenz zwischen der Anzahl steigender und derjenigen fallender Valoren ermittelt und über die Zeit aufaddiert wird. Im Gegensatz zum S&P 500, der wegen der Schwäche der «Magnificent Seven» seitwärts tendiert, ist sie bereits auf ein neues Höchst gestiegen, was ein gutes Zeichen ist. Zur Vorsicht mahnen würde die umgekehrte Situation, wenn also neue Höchst des S&P 500 durch die AD-Linie nicht bestätigt würden, so wie das vor dem Platzen der Dotcom-Blase oder dem Ausbruch der Finanzkrise der Fall war.Cortés mahnt jedoch, dass die AD-Linie durch Vorzugsaktien und Doppelzählungen aus Zweitkotierungen verzerrt wird. Er zieht deshalb den gleich gewichteten S&P 500 vor, in dem jeder Titel mit 0,2% enthalten ist. Dieser ist wie die AD-Linie bereits auf ein neues Höchst gestiegen, während der S&P 500 konsolidiert (vgl. Grafik). Die Hausse wird also breiter statt enger. Damit fehle eines der klassischen Marktsignale, das einem Bärenmarkt vorangehe, sagt Cortés. Deshalb dürften Rückschläge, die wegen des Irankonflikts oder anderer Schocks jederzeit auftreten können, schnell ausgebügelt werden.«Der wichtigste Chart, den niemand beachtet»Wird der gleich gewichtete S&P 500 ins Verhältnis zum S&P 500 gesetzt, zeigt sich noch etwas anderes: Nach mehr als zehn Jahren des Hinterherhinkens (in der Grafik an der abwärts gerichteten Linie zu erkennen) könnte der gleich gewichtete Index in den letzten Monaten eine Bodenbildung begonnen haben. Thierry Borgeat vom Schweizer Vermögensverwalter Arvy bezeichnete diesen Prozess in einem Post auf X kürzlich als den «wichtigsten Chart, den niemand beachtet».The most important chart nobody watches: RSP versus SPY. $RSP / $SPYThe equal-weight S&P against the cap-weighted index.It has fallen for a decade. It collapsed for three straight years. It just hit the lowest level ever recorded, below even the 2020 panic low.Then this:… pic.twitter.com/vz2q5TL505— Thierry from arvy 🇨🇭 (@ThierryBorgeat) July 7, 2026 Borgeat gefällt, dass die relative Stärke heftig nach oben gedreht hat, nachdem sie kurz zuvor auf ein neues Tiefst gefallen war. Die Bären scheinen also kapituliert zu haben. «So starten Trendwenden», folgert Borgeat denn auch. «Sollte sich die Wende bestätigen, wird die durchschnittliche Aktie den Index zum ersten Mal seit Jahren schlagen», fährt er fort. Für Anleger in kapitalisierungsgewichteten ETF wären das keine guten Nachrichten.Gewiss, dass der gleich gewichtete Index und mit ihm die kleinen und mittelgrossen Werte besser abschneiden werden als der S&P 500, wurde in den letzten Jahren schon oft verkündet, wirklich nachhaltig war der Stabwechsel bisher nie. «Ein wöchentlicher Datenpunkt ist ein Hinweis, kein Trend», gibt auch Borgeat zu bedenken. Doch die grössten Trendwenden würden genau so beginnen: von den meisten Anlegern, die auf das Leitbarometer schielten, unbeachtet auf einem relativen Chart.Korrektur ja, Baisse neinTatsächlich stehen die Chancen diesmal nicht schlecht, dass klein- und mittelkapitalisierte Werte die Large Caps schlagen werden. Dafür spricht nicht nur der grosse Bewertungsabschlag, der in den USA fast so ausgeprägt ist wie zu Zeiten der Dotcom-Blase, sondern auch die anziehenden Frühindikatoren für die Konjunktur oder – im Falle Deutschlands – das Reformpaket, so es denn wirklich umgesetzt wird.Cortés wiederum gefällt, dass Anleger aus dem Technologiesektor in andere Segmente umschichten, was die Gefahr einer Blase bei den Halbleiterwerten entschärfe und für die Fortsetzung der Hausse spreche. Einen Hinweis, welche Bereiche derzeit gesucht sind, gibt die Momentumübersicht, die The Market kürzlich publiziert hat. Neben Technologie fallen vor allem die Sektoren Finanz, Industrie und Energie positiv auf. Besonders hoch ist die Marktbreite bei den Banken und Versicherungen.Dass der Finanzsektor so gut abschneidet, spricht gegen eine weitere Parallele, die derzeit gerne gezogen wird. Wegen der Schlagzeilen aus dem Privatmarktbereich sorgen sich manche Experten vor dem Ausbruch einer neuerlichen Finanzkrise. Zumindest vorerst scheint diese Gefahr aber begrenzt zu sein. «In den Nullerjahren waren die Banken ab Januar 2006 und damit lange vor Eintritt der Krise schwach», sagt Cortés. Wie so oft hat der Markt die Probleme also «gerochen», bevor sie akut wurden. Davon ist derzeit nichts zu spüren, was aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutet: Temporäre Korrekturen sind jederzeit möglich, eine lang anhaltende Baisse eher nicht.