Die Digitalbank Revolut, die auf 100 Millionen Kunden zusteuert, hat bei einem Sekundäraktienverkauf ihre Bewertung nochmals drastisch gesteigert. Mitarbeiter können Aktien an Investoren zu einem Kurs verkaufen, der das Unternehmen mit 115 Milliarden Dollar (100 Milliarden Euro) bewertet. Das entspricht einem Anstieg um mehr als 50 Prozent gegenüber der Bewertung im November 2025 von 75 Milliarden Dollar. Bei einer Finanzierungsrunde vor zwei Jahren taxierten Investoren das Fintech-Start-up mit 45 Milliarden Dollar. Innerhalb von sechs Jahren hat sich der Wert mehr als verzwanzigfacht.Revolut setzt damit seine beispiellose Erfolgsgeschichte fort. Das erst 2015 gegründete Start-up mit Hauptsitz in London ist mit Abstand das wertvollste Fintech-Unternehmen Europas. Nun klettert es in die Liste der Top-Ten-Banken des Kontinents. Allerdings ist Revolut nicht börsennotiert, die Bewertung der Revolut-Aktien daher nicht ganz vergleichbar mit anderen Banktiteln. Würde die aktuelle Bewertung an der Börse halten, wäre Revolut so viel wert wie Deutsche Bank und Commerzbank zusammen.Revolut bestätigte den Sekundäraktienverkauf gegenüber der F.A.Z. Details kommentiere das Unternehmen nicht, solange der Prozess noch andauere. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg können die Mitarbeiter und frühere Geldgeber ihre Anteile zum Kurs von 2017 Dollar verkaufen. Viele Beschäftigte, die schon länger im Unternehmen sind und Aktien als Boni erhielten, dürften damit Millionäre geworden sein.Ko-Gründer und Vorstandschef Nik Storonsky hält mehr als ein Viertel der Anteile. Bei der aktuellen Bewertung wäre sein Vermögen – zumindest auf dem Papier – auf 36 Milliarden Dollar gewachsen. In die Schlagzeilen geriet der 42-Jährige im vergangenen Jahr, weil er seinen Steuersitz angeblich nach Dubai verlegt hatte. Er dementierte dies als „Fake News“. Korrigierte Angaben der Bank im Handelsregister weisen seinen Steuersitz wieder in Großbritannien aus.Ziel: 100 Millionen Kunden bis Mitte 2027Revolut wurde vor gut einem Jahrzehnt von Storonsky, einem gebürtigen Russen, der zuvor in der Londoner City gearbeitet hatte, und dem ukrainischen Programmierer Vlad Yatsenko gegründet. In der Anfangszeit habe er monatelang mit seinem Laptop in einem Coffeeshop gesessen und gearbeitet, bevor sie die ersten Büros anmieteten, erzählte Storonsky voriges Jahr bei der Einweihung des neuen Hauptsitzes im Bankenviertel Canary Wharf. Anfangs bot Revolut vor allem günstigen Devisenwechsel und eine Prepaid-Reisekarte an. Die Kundenzahl wuchs rasant.Die Onlinebank hat schon mehr als 75 Millionen Kunden weltweit gewonnen, in Deutschland mehr als drei Millionen. Gegenwärtig kommt etwa alle zwanzig Tage eine Million Kunden hinzu, welche die Finanz-App als Giro- und Sparkonto, für Auslandsüberweisungen sowie für Aktien- und Krypto-Handel nutzen. Zusätzlich hat die Bank etwa 600.000 Geschäftskunden.Ziel von Revolut ist es, schon Mitte 2027 die Marke von 100 Millionen Kunden zu überschreiten. Revolut ist inzwischen in mehr als 39 Ländern als Bank aktiv, neben Großbritannien und den Ländern der Europäischen Union in den USA, Mexiko und Indien. Nach der Banklizenz für die EU erhielt Revolut erst voriges Jahr in Großbritannien eine volle Banklizenz. Auch in den USA ist eine solche beantragt. Vor wenigen Tagen kam Australien hinzu. In einzelnen Märkten wird Revolut künftig auch mit der Vergabe von Hypothekenkrediten beginnen.Gemessen an den traditionellen Banken mit großen Mitarbeiterzahlen und teuren Filialnetzen, die sie schrittweise schließen, hat die Londoner Digitalbank sehr viel geringere Personal- und Betriebskosten. Die Kunden werden rein digital über die App auf dem Smartphone bedient. Revolut beschäftigt derzeit etwas mehr als 13.000 Mitarbeiter. Das ist nur ein Zehntel so viel wie Deutsche Bank (90.000) und Commerzbank (40.000) zusammen.In einer internen Mitteilung zum Aktienverkauf schrieb Storonsky, die Dynamik in den vergangenen zwölf Monaten, die starken Fundamentaldaten des Unternehmens und die Expansion in neue Märkte hätten eine starke Nachfrage von Investoren ausgelöst. Verwaltungsratschef Martin Gilbert traf sich mit Investoren, unter anderem beim Grand Prix von Monaco.Börsengang bis Ende 2028 geplantStoronsky sagte im April in einem Interview, dass er einen Börsengang etwa in zwei Jahren anstrebt, also 2028: „Wir sind eine Bank, und für eine Bank ist Vertrauen extrem wichtig. Börsennotierte Unternehmen genießen mehr Vertrauen als nicht börsennotierte Unternehmen.“ Laut internen Überlegungen wird dabei eine Bewertung von 150 bis 200 Milliarden Dollar angepeilt.Dies wäre ein gewaltiger Preis für die Digitalbank, die im Geschäftsjahr 2025 einen Vorsteuergewinn von 1,7 Milliarden Pfund (2,0 Milliarden Euro) machte. Es wäre ein extrem hohes Vielfaches von Umsatz und Gewinn. Schon die 100 Milliarden Euro Bewertung entsprechen etwa dem 19-Fachen des letzten Jahresumsatzes und dem 50-Fachen des Vorsteuergewinns. Solche Multiples zahlen Investoren für sehr stark wachsende Fintech-Start-ups, aber nicht für klassische Banken.Die nach Bilanzsumme größte Bank Europas, BNP Paribas, wird an der Börse zum Neunfachen ihres Vorjahresgewinns gehandelt. Die Börsenbewertungen von Barclays und der Deutschen Bank liegen ebenfalls in dieser Größenordnung. Auch verglichen mit anderen Digitalbanken ragt Revolut heraus. Der nächste Wettbewerber in Großbritannien, Monzo, wurde in der letzten Finanzierungsrunde mit knapp sechs Milliarden Dollar bewertet.