In der deutschen Start-up-Branche hatte man lange nicht den Eindruck, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Start-ups zur „Chefsache“ erklärt hat. Doch auf der Suche nach guten Nachrichten für den Wirtschaftsstandort Deutschland hat Merz die Branche zuletzt immer wieder hervorgehoben. „Der Start-up-Verband hat in dieser Woche Halbjahreszahlen bekannt gegeben, die uns wirklich sehr positiv stimmen sollten“, sagte Merz etwa in seiner Regierungserklärung Anfang Juli im Bundestag. Tatsächlich wurden den Daten zufolge zwischen Januar und Juni 3053 Start-ups gegründet – eine Steigerung um 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 und mehr Gründungen als im gesamten Jahr 2024. Merz sprach von einer „beeindruckenden Dynamik“ und lobte den Mut junger Gründer.Am Mittwoch legte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nach und präsentierte die von der Branche lange erwartete Start-up-Strategie. Auf 60 Seiten werden die darin rund 150 Maßnahmen aufgelistet, mit denen die Finanzierung von Start-ups verbessert, Ausgründungen erleichtert und Bürokratie abgebaut werden sollen. Deutschland erlebe eine „Gründungswelle“, sagte Reiche. Dies gelte es zu unterstützen.Ist also alles gut in Start-up-Deutschland und die Zukunft der Volkswirtschaft gesichert? Ganz so einfach ist es nicht.Mehr Nachfrage nach Wachstumskapital, aber weniger AngebotDie Gründungszahlen sind zwar ein wichtiger Indikator dafür, wie es einem Start-up-Ökosystem geht. Aber schon in der Vergangenheit mangelte es Gründern nicht an Ideen, sie schafften es nur zu selten, daraus kommerziell erfolgreiche Unternehmen zu machen und mit diesen zu expandieren. Das liegt zum einen am fragmentierten europäischen Binnenmarkt, aber auch an einem Mangel an Kapital in späteren Unternehmensphasen.„Erfreulich viele Start-ups haben in den vergangenen Jahren Frühphasenkapital erhalten“, sagt der Technologieinvestor Alexander Kudlich. Er saß lange im Vorstand der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet, die in den 2010er-Jahren Start-ups wie Zalando oder Hellofresh zu erfolgreichen Konzernen aufbaute. Aber: Dadurch sei auch der Bedarf an Wachstumsfinanzierungen gewachsen. Das Angebot an solchen größeren Finanzierungssummen sei jedoch sogar zurückgegangen.Als ein Grund für diese Entwicklung gilt, dass sich große amerikanische Fonds nach der Corona-Pandemie wieder aus Europa zurückgezogen haben. „Wir sind die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber haben keinen heimischen Fonds, der mal eine Finanzierungsrunde über 100 Millionen Euro anführen könnte“, sagt Kudlichs Investorenkollege Hendrik Brandis, Mitgründer des Wagniskapitalgebers Earlybird.Weniger Runden, aber größere BeträgeAuch das am Mittwoch erschienene Start-up-Barometer des Beratungskonzerns EY zeichnet ein gespaltenes Bild der Branche. In den ersten sechs Monaten des Jahres erhielten Jungunternehmen knapp 5,3 Milliarden Euro. Das waren 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2021 lag die Summe zwar einmal deutlich höher. Das Jahr gilt in der Branche aber als Ausreißer, weil Lieferdienste und der Onlinehandel von einer Corona-Sonderkonjunktur profitierten.Vielversprechende Unternehmen wie das Kernfusionsunternehmen Focused Energy oder der Raketenbauer Isar Aerospace warben nun im ersten Halbjahr dreistellige Millionenbeträge ein, das Robotik-Start-up Neura sogar mehr als eine Milliarde Euro. Finanzierungsrunden dieser Größe waren in Deutschland lange unvorstellbar.„Der deutliche Anstieg des investierten Kapitals ist grundsätzlich ein positives Signal für das Start-up-Ökosystem in Deutschland“, sagt Thomas Prüver, Partner des Beratungshauses EY-Parthenon. „Er darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Finanzierungssituation für viele Jungunternehmen hierzulande weiterhin schwierig gestaltet.“ Investoren setzten auf wenige große Start-ups und vermeintlich sichere Wetten. Daher geht die Entwicklung hin zu größeren Beteiligungsabschlüssen. So sank die Zahl der Vertragsabschlüsse, die dahinterstehenden Beträge aber waren höher als in den Vorjahren.Die Entwicklung geht in die richtige Richtung, bleibt aber hinter den Wachstumsraten der amerikanischen Branche zurück. Deutschlands Investitionen in Start-ups entsprachen vergangenes Jahr 0,15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den Vereinigten Staaten investierten Geldgeber hingegen knapp 0,8 Prozent des BIP in Jungunternehmen.Reiche betont Rolle der großen KapitalsammelstellenDie Wirtschaftsministerin betonte am Mittwoch, allein Kapitalsammelstellen in Deutschland – Versicherungen, Versorgungswerke, Pensionskassen – verfügten über rund 2,8 Billionen Euro. Die staatliche Förderbank KfW soll künftig verstärkt als Ko-Investor auftreten, um gemeinsam mit privaten Geldgebern Unternehmen Kapital zum Wachsen zur Verfügung zu stellen. Bei Proxima Fusion, Quantum Systems und Isar Aerospace hat sie das schon getan. Reiche sprach sich zudem dafür aus, dass ein Teil der Zusatzbeiträge für die geplante Kapitalsäule in der gesetzlichen Rentenversicherung in Wagniskapital (Venture Capital) fließen soll. Im Verteidigungsbereich will der Staat nicht nur als „Ankerkunde“ auftreten. Auch direkte Beteiligungen soll es über den Zukunftsfonds geben.Nicht in der Start-up-Strategie steht die im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellte Gründung innerhalb von 24 Stunden. Dazu liefen noch die Gespräche mit dem Digitalministerium, sagte Reiche. Die vom jüngsten Koalitionsausschuss beschlossene Lockerung des Kündigungsschutzes bleibt hinter den Forderungen des Start-up-Verbands zurück, da sie erst ab einem Jahresgehalt oberhalb von 177.000 Euro greifen soll.Das Investorenduo Brandis und Kudlich will nicht auf die Politik warten und arbeitet im Hintergrund an einem gemeinsamen Wachstumskapitalfonds. Einen Ankerinvestor aus der Privatwirtschaft habe man schon gefunden, er soll einen dreistelligen Millionenbetrag beisteuern. Bis zum vierten Quartal soll der Fonds stehen. Zur Zielsumme äußern sie sich nicht, verweisen aber darauf, dass große Wachstumsfonds in Europa bisher häufig zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Euro lagen. „Mit dem Wachstumsfonds können wir einen echten Unterschied machen“, sagt Brandis.
Friedrich Merz: Plötzlich Start-up-Kanzler?
Friedrich Merz freut sich über den wachsenden deutschen Start-up-Sektor. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) spricht von einer „Gründungswelle“. Doch die Start-up-Strategie der Regierung muss den Realitätstest bestehen.








